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Der UniKater: Frühlingsfrust

Streifzüge durch Münchner Geschichten

Ein kleiner Kater streift seit einigen Wochen durch die Münchner Straßen. Besonders im Univiertel häufen sich die Sichtungen – anscheinend ist er sogar Justus schon vor den Porsche gelaufen. Wir kennen weder seinen Namen noch seinen Hintergrund, haben aber festgestellt, dass er die tollsten Geschichten aus dem Münchner Alltag erzählen kann. Beim Zuhören scheint es sogar oft, als wäre er im Herzen einer von uns.

Miau, ihr Menschen!

Herrlich! Der Schnee schmilzt, die Vögel zwitschern und die Sonnenstrahlen kitzeln im Gesicht. Es ist Frühling. Endlich. Damit einher gehen natürlich auch die wuschig machenden Frühlingsgefühle, von denen selbst ein stattlicher Kater, wie ich es bin, nicht verschont bleibt. Das Kuschelbedürnfis steigt also ins Unermessliche und ich hatte mich eigentlich schon riesig darauf gefreut von Studenten ordentlich gekrault und liebkost zu werden. Schließlich sind jetzt Semesterferien und man möchte meinen, die angehende Bildungselite Münchens habe von März bis April ohnehin nichts Besseres zu tun, als im englischen Garten in der Horizontalen das Wetter zu genießen. Da die Hörsäle logischerweise nun leer sind, erwarte ich selbstverständlich eine regelrechte Menschenmasse in Parks, Cafés und anderen Orten, wo sich die vorlesungsfreie Zeit für einen urlaubsreifen Studenten, dessen Budget bestenfalls ein All-Inclusive-Angebot auf Balkonien zulässt, am gemütlichsten gestaltet. Doch Fehlanzeige. Wohin mich meine Samtpfoten auch hintragen, ich finde sie nicht. Keine Hochschüler weit und breit und damit auch keine Streicheleinheiten. Wo sind sie denn nur alle?

Schnell wird klar, dass sich ein gewaltiger Denkfehler in meiner Logik eingeschlichen hat. So wie bei vielen Studenten leider auch, denn die vorlesungsfreie Zeit ist nicht gleich eine stressfreie Zeit. Ganz im Gegenteil sogar. Der Unterricht ist zwar vorbei, aber jetzt geht der Spaß erst so richtig los. Hausarbeiten, Portfolios, Seminararbeiten, Multiple-Choice-, Single-Choice-, Prosaklausuren und wie sie nicht alle heißen, werden abverlangt. Mal ganz davon abgesehen, dass viele Studenten die Semesterferien dazu nutzen, mit Überstunden ihre Geldbeutel zu füllen, bleibe ich wohl erstmal einsam in der Uni zurück. Doch da kommt mir die zündende Idee: die Bibliothek. Der Ort der Konzentration, des Lernens, der Verzweiflung. Hier bereiten sich die fleißigen Schreiberlein auf die Leistungsnachweise vor. Da ist es bestimmt eine willkommene Abwechslung, einem verschmusten Kater die Wampe zu streicheln, statt mutlos auf den Bildschirm zu starren. Da niederen Haustieren wie Hunden und sogar gottesgleichen Geschöpfen wie mir der Zutritt in die Bibliothek leider verwehrt bleibt, warte ich geduldig vor dem Gebäude auf die ersten, die schließlich kapitulieren und hoffen, auf dem Nachhauseweg einen reichen heiratsfähigen Partner fürs Leben zu finden und dringend einen Trost spendenden Vierbeiner wie mich brauchen.

hallo

Der UniKater wartet geduldig auf seine Streichleinheiten. © Sophie Obwexer

Nach der ersten halben Stunde ohne Erfolg beschließe ich schließlich mein Fell zu reinigen. Es ist nicht nur ein guter Zeitvertreib meine wohlgeformten Schenkel in die Höhe zu strecken, sondern es ist auch viel schöner, einer gepflegten Katze das Fell zu streicheln. Nachdem immer noch nichts passiert, lege ich mich in die Sonne, da die Frühlingswärme mich wahnsinnig entspannt. Doch mein Blick ist stets an den Ausgang geheftet, damit mir ja kein Mensch entgeht. Die Stunden vergehen und es geschieht nichts. Spät abends möchte ich mich schließlich enttäuscht wieder vom Acker machen, da es allmählich ziemlich frisch wird. Da passiert es! Die Tür geht auf. Und nicht nur ein, nein, zwei, drei, fünf, zehn und noch viele Studenten mehr betreten auf einmal die Außenwelt. Erst freue ich mich, springe auf und möchte ihnen entgegenlaufen. Aber dann sehe ich ihre Gesichter. Wie Zombies, müde und gezeichnet vom Stress des vergangenen Tages trotten sie in Richtung U-Bahn. Fettige Haare, Achselschweiß und aufgeblähte Tränensäcke haben sie. Igitt, nein! Von solchen Ungestalten will ich sicher nicht mein mittlerweile mindestens fünfmal geputztes Fell anfassen lassen. Widerlich! Schnell drehe ich mich um und springe davon.

Ihr lieben Menschen, wie könnt ihr den Frühling denn nur so verspotten, indem ihr Tag ein Tag aus nur noch in der Bibliothek verbringt und stundenlang in Büchern blättert und auf Bildschirmen starrt, während draußen die Sonne lacht, die Vögel für euch singen und ein dicker Kater darauf wartet, von euch liebgehabt zu werden? Sicher, lernen muss sein, aber tut euch einen Gefallen, nehmt euch einen Tag Auszeit und genießt die frische Frühlingsluft.

Bis bald! Euer UniKater