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Münchnerin vs. Nicht-Münchner

Liebe Münchnerin,

Deine Begeisterung für diese seltsame Stadt ist mir absolut rätselhaft. Wer hat schon Lust jeden Tag in einer toxischen Wolke aus Autoabgasen aufzuwachen? Das ist unvermeidbar, wenn man in München lebt, wo sich tagtäglich gewaltige Blechlawinen durch die Straßen wälzen. Dass diese Fahrzeuge noch dazu von Jahr zu Jahr immer größer werden und immer mehr Abgase ausstoßen, macht die Dinge nicht besser. Ganz davon abgesehen, dass Parkplätze in München zunehmend zur Mangelware werden und die Stadt sich deswegen in einen einzigen gewaltigen Parkplatz zu verwandeln droht. Im Vergleich dazu erscheint mir das Landleben mit seinen grünen Wiesen und Bäumen fast idyllisch. Um diesen Luxus erleben zu dürfen, pendle ich mit Freude drei Stunden täglich durchs Münchner Hinterland. Eine gute Gelegenheit, um Bücher für Referate zu lesen oder auf die nächste Klausur zu lernen. Diesen Schwierigkeiten begegnet man allerdings in allen deutschen Großstädten. Warum also missfällt mir insbesondere München?

Das könnte mit dem Münchner Selbstverständnis und Lebensgefühl zu tun haben, das sich an zahlreichen winzigen aber doch impertinenten Details manifestiert, ob es sich nun um Starbucks-Filialen, die Fjällräven-Rucksäcke von Fahrradfahrern oder gnadenlos überteuerte Gogi-Avocado-Smoothies handelt. Hier gilt es, rund um die Uhr das eigene Ich zu inszenieren, bis auch der allerletzte, der nie etwas davon wissen wollte, verstanden hat, was für ein einzigartiges Gänseblümchen man doch ist. Für die als Publikum zwangsweise verpflichteten Mitmenschen ist dieser Kampf um life quality eine echte Zumutung, aber nicht minder für diejenigen, die an diesem Tohuwabohu freiwillig teilnehmen: Permanente Selbstoptimierung ist harte Arbeit. Wenn du, liebe Münchnerin, dich diesem Schmarrn gern aussetzen willst, steht dir das freilich offen und ich würde mich sogar für dich freuen. Allerdings hält mich nichts so sehr von dieser hübsch herausgeputzten Stadt ab, wie ihre elitären Neurosen, noch nicht einmal die astronomischen Mietpreise oder der internationale Sauftourismus zur Wiesnzeit.

Dein Nicht-Münchner

… und die Antwort:

Lieber Nicht-Münchner,

drei Stunden am Tag pendeln? Mit der Zeit kann ich definitiv was Besseres anfangen. Zum Beispiel an der Isar entlang spazieren gehen, durch den Englischen Garten radeln, den Olympiaberg hochjoggen, mir in meinem Lieblingscafé mit meinen Freundinnen ein Stück Kuchen und eine Tasse Tee gönnen, mich durch den Buchladen an der Ecke schmökern, ins Kino oder Theater gehen – die Liste ist endlos. Und all das, während du stundenlang in der stickigen S-Bahn sitzt, wo im Sommer die Kühlung und im Winter die Heizung ausfällt. Eingequetscht zwischen schlecht gelaunten Pendlern mit ihren Laptops auf dem Schoß, Leuten, die laut reden oder telefonieren oder beides, und dem Typen neben dir, der die Erfindung der Kopfhörer verpasst hat und seine Musik durch den ganzen Waggon dröhnen lässt. In der Atmosphäre soll man gut lernen können? Also ich gehe lieber in die Bib. Am Ende des Tages kannst du deine Wiesen und Wälder doch gar nicht mehr genießen, wo die Pendelei dir so viel Lebenszeit raubt. Klar, München mag nicht so idyllisch sein wie ein Dorf. Aber ein unansehnlicher, hässlicher Betonhaufen ist die Stadt jetzt auch wieder nicht. Und in einer „toxischen Wolke aus Autoabgasen“ wachst du höchstens auf, wenn du direkt an der Landsbergerstraße wohnst und über Nacht das Fenster offen lässt.

Was deinen Eindruck vom Münchner Selbstverständnis und Lebensgefühl angeht: Da scheinst du Instagram mit dem echten Leben zu verwechseln. Leute, die sich selbst ständig in Szene setzen und an der „permanenten Selbstoptimierung“ teilnehmen, gibt es schließlich überall. Genauso wie Starbucks, Fjällräven und teure Smoothies. Klar, München bringt man häufig in Verbindung mit Schickeria, horrenden Mietpreisen, Maximiliansstraße und Studenten, die sich beschweren, dass ihr BMW nicht in die Duplex-Garage passt. Aber das sind doch eher Stereotype, die Leute haben, wenn sie die Stadt nicht gut kennen. München ist doch auch so viel mehr. München hat für jeden etwas, man muss nur nach den besonderen Fleckchen suchen, die einen glücklich machen. Alles selbst erkunden, statt darauf zu hören, was andere sagen.  Vielleicht solltest du doch mal hier wohnen, um dein ganz persönliches München zu finden – abseits der von dir so verhassten elitären Neurosen. Und zur Wiesn-Zeit kannst du ja immer noch ins Hinterland flüchten.

Deine Münchnerin