Wir schreiben München – schreibt mit!

Erinnerungsort Badehaus Waldram

Heimat wider Willen – Leben im Lager Föhrenwald / Waldram

 

Die Kinder in Föhrenwald bekamen sehr wohl mit, was die Eltern erlebt hatten. Mein Vater hatte ja so etwas absolut Schreckliches wie ein Konzentrationslager nicht erlebt und erzählte daher relativ unbefangen von seinen Erlebnissen während des Krieges. Aber von anderen Menschen hörten wir sehr wohl, dass sie in Konzentrationslagern gewesen waren, dass sie alle ihre Angehörigen verloren hatten.
– Beno Salamander (im Interview mit Sybille Krafft, alpha-Forum)

Heute ist Beno Salamander erfolgreicher Arzt und lebt in München. Geboren ist er 1944 in Turkmenistan und aufgewachsen in einem Nachkriegsdeutschland. Benos jüdische Familie hat den Krieg unter Hitler überstanden. Trotzdem hat er einen Teil seiner Kindheit in einem Lager verbracht. Genauer gesagt in vier verschiedenen; eines davon ist das ehemalige Lager Föhrenwald. Und das liegt bei uns in Deutschland, gleich neben München in Wolfratshausen.

Die Geschichte von Waldram

Um sich zu erinnern, bedarf es zunächst einmal des Wissens.

– Seltsam, wie wenige tatsächlich darüber verfügen. Obwohl die Geschichte des 2. Weltkrieges doch besonders in Deutschland stets präsent ist.

Die Historie des Lagers Föhrenwald/ Waldram unterteilt sich in vier Phasen.

Phase 1 beginnt 1939/40. Hier wird das Lager Föhrenwald errichtet, um all die Arbeiter, und vor allem Zwangsarbeiter der größten Munitionsfabrik Deutschlands unterzubringen. Diese Fabrik hat geographisch das umfasst, was wir heute als Geretsried kennen.
Das Badehaus ist relativ zentral in diesem Lager gelegen und hat die öffentlichen Duschen beinhaltet, da es solche in den Unterkünften nicht gegeben hat.

Der Besitz der Deutschen hat sich auch anhand der Straßennamen widergespiegelt. Das Badehaus wurde an der Danziger Freiheit vorgefunden.

Das Badehaus heute © Josephina Richardt

Phase 2 spielt sich in den letzten Kriegstagen ab. Hier hat der Todesmarsch der KZ-Häftlinge Dachau direkt am Badehaus vorbei geführt.

In Phase 3, nach Ende des Krieges, haben die Amerikaner das Lager Föhrenwald übernommen. Ab diesem Zeitpunkt sind in Föhrenwald jüdische Holocaust Überlebende untergebracht und medizinisch versorgt worden. Zehntausende jüdische DPs (displaced persons) haben im Laufe der nächsten 12 Jahre, mal kürzer, mal länger, in diesem Lager gelebt und gehofft bald ausreisen und in einem anderen Land ein neues Leben beginnen zu können.

Offiziell aufgelöst worden ist das Lager 1956, die letzten DPs haben das Lager aber erst 1957 verlassen. Das Badehaus, das in dieser Zeit eine zweite Rolle eingenommen hat, die des jüdischen Ritualbads mikwe, ist unter amerikanischem Besitz am Independence Place vorzufinden gewesen.

© Josephina Richardt

Danach, in Phase 4, ist das Areal an das Katholische Siedlungs- und Wohnungsbauwerk gegangen. Die Straßen haben ein drittes Mal einen neuen Namen erhalten: das Badehaus befindet sich nun am Kolpingplatz. Auch der Name Föhrenwald ist zugunsten des Namens Waldram gewichen.

In Waldram sind heimatvertriebene, meist kinderreiche katholische Familien ansässig geworden.

Waldram ist heute ein Stadtteil von Wolfratshausen und noch immer leben hier viele Menschen, die entweder selber, oder deren Vorfahren aus Siebenbürgen, dem Sudetenland, Polen, Ungarn und Rumänien stammen.

 

Ein Lager: Gefängnis oder Heimat?

Über die Jahre ist aus einem Zwangslager irgendwie auch eine Art Heimatort geworden. Kinder aus der DP- und Heimatvertriebenenzeit sind hier aufgewachsen. Manche blicken zurück und bezeichnen Föhrenwald/ Waldram als „Kinderparadies“. Sie erleben eine ganz andere Welt, als die, die noch in den Augen ihrer Eltern zu lesen ist.

Auch Beno Salamander ist einer dieser Jungen, dessen Kindheitserinnerungen Föhrenwald umfassen:

Und dann begann eigentlich der Teil meiner Kindheit, an den ich mich bis heute recht genau erinnern kann. Diesen Teil, nämlich die folgenden sechs Jahre, verbrachte ich in Föhrenwald und diese Zeit hat mich sehr geprägt. Ich denke nämlich, dass das doch der wichtigste Teil meiner Kindheit gewesen ist.

Projekt Badehaus Waldram

Das historische Gebäude des Badehauses steht noch immer am Kolpingplatz. Im Oktober 2018 soll es seine Pforten öffnen und die Geschichte der Menschen aus Föhrenwald/ Waldram erzählen.

Die Journalistin, Autorin und Museumskuratorin Sybille Krafft hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Teil Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Sie hat den Verein Badehaus Waldram gegründet und das Projekt Erinnerungsort Badehaus ins Leben gerufen. Über mehrere Jahre sind Spenden, Material und Unterstützung gesammelt worden, um aus dem Badehaus ein interaktives Museum zu machen. – Einen Ort der Begegnung. Neben Dauer- & Wechselaustellungen sollen hier Veranstaltungen, Vorträge, Führungen, Workshops und Zeitzeugengespräche stattfinden.

Sybille Krafft hat mit vielen Zeitzeugen der verschiedenen Phase persönlich gesprochen. Sie ist unter anderem extra nach Israel gereist und hat dort eine der intensivsten Zeiten ihrer Karriere erlebt.

Einige der Zeitzeugen sind selber Vereinsmitglieder, um das Projekt tatkräftig zu unterstützen.

Fotowand hinter dem Badehaus – oben:jüdische DPs / unten: Heimatvertriebene
© BfürB/ws    /    © Josephina Richardt

 

Das Badehaus Waldram ist schon jetzt ein Ort der Begegnung. Und sobald die Ausstellung eröffnet ist, kann sich ein jeder selber ein Bild dieses Lagerlebens machen und mit Hilfe von Biographien, Fotographien und Videos in die Leben der Bewohner hineinversetzen.

Damit die Geschichte am Leben bleibt.

Wir waren Kinder und wir wollten leben, wir wollten spielen und haben uns für unsere Freunde interessiert. Diese Geschichten haben wir quasi nur so nebenbei mitbekommen. Ja, wir haben sie mitbekommen, aber wir verharrten nicht in diesen Geschichten. Wir sind einfach als Kinder dem Leben entgegengetreten wie blühende Pflanzen, die im Frühling aufgehen.

 

Josephina Richardt