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Unsere Tracht

Die Tracht als Kleiderkultur

Eine Frage: Was verbindet ihr mit Trachten?
Viele Antworten:

– Trachten gehören zur Tradition, stehen für Heimat und
Identität.
– Man findet sie mehr auf dem Land.
– Früher einmal war sie Arbeitskleidung.
– Tracht ist bayerisch.
– Volksfeste, die Wiesn, Dirndl und Lederhosen.
(Studenten eines Seminars zum UNESCO Weltkulturerbe)

© pixabay

Dies ist das Bild, mit dem wohl besonders wir Bayern aufwachsen. Schließlich brüsten wir uns mit einem längst vergangenen Königreich und der „Wiesn“, als größtes Volksfest der Welt. Es ist auch ein Bild mit dem Deutschland im Allgemeinen oft verbunden wird.
Die Tracht ist Teil der bayerischen Identität. Viele haben gleich mehrere oder kaufen sich gar jedes Jahr ein neues Dirndl, eine neue Schürze, eine neue Hose.
Das sind also wir. Oder wie wir in Bayern sagen: „mia san mia“.


Tracht ist Mode

Für Kulturforscher ist die Tracht ein reiches Feld. Denn weder gibt es die eine Tracht, noch ist die Tracht etwas typisch Bayerisches.

Tracht ist schlicht und ergreifend eine Mode zu einer bestimmten Zeit. (Alexander Wandinger, Leiter des Trachteninformationszentrums Benediktbeuern)

Die Tracht ist genauso wie jede andere Mode stets dem Wandel unterworfen gewesen. Zirka 30 – 40 Jahre hält sich im Schnitt eine modische Richtung. Danach kommt etwas Neues. Das wichtigste Prinzip von Mode lautet: Stay elastic. Etwas Starres überlebt nicht lange. Frauenmode und Herrenmode verhalten sich dabei leicht versetzt zueinander; Frauenmode bleibt meistens ein paar Jahre länger bestehen.


Ein steter Wandel

So verwandelte sich also „die Tracht“ im Laufe der Zeit immer wieder. Eine bedeutende Veränderung war die Position der Taille. Ältere Mieder weisen eine Dreiecksform auf. Die Taille saß weit unten. Dann saß die Taille auf einmal weit oben. Die Mieder wurden kürzer, waren teilweise nur noch bandbreit. Auch unsere Taille befindet sich heute oben und unsere Dirndlblusen sind „bauchfrei“.
Damit ein Rock am Mieder halten konnte, besaßen diese einen breiten Halterungsring. Auf die Frage, warum die Taille sich so verschob, gibt es die kuriosesten Erklärungen. Eine davon behauptet es läge daran, dass sie nach oben rutscht, wenn Frauen schwanger werden. Doch die Wahrheit ist viel einfacher und unspektakulärer: die Mode hat sich eben gewandelt.


Vom Adel zum Bauer 

Tracht findet sich überall auf der Welt. Sie ist keineswegs eine bayerische Erfindung. Es existieren genauso Trachten aus beispielsweise Osteuropa. Aufgegriffen wurde die neueste Mode nicht von Bauern, sondern vom Adel. Nach und nach erst schlug sich die Mode zu der Landbevölkerung durch. Bauern trugen übrigens weder ihre „Vatertracht“, noch bloß triste, braune Gewänder. Ein Blick auf eine Bauernjacke aus dem 18. Jahrhundert beweist, wie falsch unsere – teilweise durch Medien verbreiteten – Bilder sind. Die Jacke strahlt in einem kräftigen Rot, ist elegant geschnitten und genauso professionell genäht, wie Kleidung der höheren Schichten.

Dass unsere Tracht einmal Arbeitskleidung war, das ist ebenfalls ein weit verbreiteter und eigentlich seltsamer Irrtum.

Wenn Sie drei Tage mit einer Lederhose im Regen auf dem Feld stehen, haben Sie eine Blasenentzündung und Rheuma. Die wird nicht mehr trocken. (Alexander Wandinger)

Weder die Lederhose, noch das Dirndl würde sich, egal zu welcher Zeit, als Arbeitskleidung eignen. Vielmehr sind sie ein Spiel, eine modische Ausdrucksform, ein Weg Zugehörigkeit, aber auch Individualität zu zeigen.


Mode als Spiel

© Trachten-Informationszentrum / Bezirk Oberbayern

Mode setzt ein Statement, heute wie damals. Wir präsentieren uns, entwickeln unseren eigenen Stil, unser eigenes Wesen. Mode bekommt so einen hohen symbolischen Wert. Ziehen wir heute Dirndl oder Lederhose an und spazieren damit über die Festwiese, dann wollen wir zeigen, dass wir ein Teil davon sind. Dass wir hierher gehören, dass dies eine Kultur ist, die uns etwas bedeutet.
Und es ist die Angst vor dem Verlust eben dieser Kultur, die uns dazu treibt Dinge erhalten zu wollen. Die darin mündete, Trachtenvereine zu gründen, Kulturgut zu definieren und die die UNESCO hervorrief.


Das instrumentalisierte Bild

© pixabay

Ein Problem der Tracht ist ihre Instrumentalisierbarkeit. Trachtenvereine oder Politik werben ganz im Stile des Kindchenschemas. Bilder von niedlichen Jungen in Lederhose und Mädchen in Dirndl repräsentieren die Heimat. In Teilen von Österreich wird Tracht unweigerlich mit nationalsozialistischen Gedanken verbunden. Doch die Tracht selber ist kein Zeichen von rechtsextremistischem Gedankengut. Sie ist nur ein Mittel zum Zweck. Und jeder Trachtenverein hat eine andere Vorstellung der „einen Tracht“. Auch hier zeigt sich, dass es diese eine Tracht faktisch gar nicht gibt.

Die Diskussion um eine Aufnahme der Tracht ins immaterielle Kulturerbe ist heikel. Welchen Verein, welche Tracht würde man wählen? Und nimmt man ihr bei einer Aufnahme nicht die Möglichkeit sich weiter zu entwickeln? Verschwindet sie dann nicht erst recht, wenn das erste Prinzip der Mode durchbrochen wird?
Es heißt, die UNESCO möchte bloß aufmerksam machen auf alte Kulturen und ihre Besonderheiten. Aber wenn sie das Besondere hervorheben will, wieso gibt es Aufnahmekriterien?
Dies ist die große Gewissensfrage der Kulturforscher.

© pixabay

Was bleibt ist jedoch die Tatsache, dass unsere Tracht, wie wir sie heute kennen, nicht mehr und nicht weniger als die Mode einer bestimmten Zeit ist – nämlich unserer Zeit. Und sie wird sich weiterentwickeln. So wären die meisten unserer Eltern nie im Minidirndl aus dem Haus gegangen und unsere Großvater hätten die Lederhose nicht im Bierzelt getragen. Tatsächlich entsprechen die schwarz-weiß gekleideten Kellner im berühmten Schottenhamel Festzelt viel eher der traditionellen Mode auf der Wiesn. Das was wir heute haben ist unsere Mode des 21. Jahrhunderts. Und wenn jene Studentengruppe, die im Trachteninformationszentrum Benediktbeuern ein Stück Geschichte erleben durfte, einmal im Alter unserer Großeltern ist, dann sieht die Tracht vielleicht schon wieder ganz anders aus.

 

Josephina Richardt