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Der UniKater: Ausnahmezustand

Streifzüge durch Münchner Geschichten

Ein kleiner Kater streift seit einigen Wochen durch die Münchner Straßen. Besonders im Univiertel häufen sich die Sichtungen – anscheinend ist er sogar Justus schon vor den Porsche gelaufen. Wir kennen weder seinen Namen noch seinen Hintergrund, haben aber festgestellt, dass er die tollsten Geschichten aus dem Münchner Alltag erzählen kann. Beim Zuhören scheint es sogar oft, als wäre er im Herzen einer von uns.

Miau, ihr Menschen!

Seit meiner letzten Erkundungstour hat sich so einiges rund um die Uni geändert. Aber wie schön, dass die Menschen sich meinem Biorhythmus angepasst haben und auffallend oft nachts durch die Straßen streunen. Wobei sie nicht ansatzweise so elegant unterwegs sind wie ich, denn manche jungen Leute schwanken bedenklich auf ihrem Weg zur U-Bahn… Ich laufe weiter in die Richtung aus der die zombieartigen Gestalten kommen. Wahnsinn, so viel Musik! Vor einem dunklen Raum, aus dem der Bass donnert, steht eine Gruppe von fünf jungen Menschen mit braunen Flaschen in der Hand und tanzt zu der Musik auf der Straße. „He, schaut mal, ein Kater!“, ruft eine der fünf. Normalerweise nehme ich das als Einladung an, jemandem um die Beine zu schleichen und laut zu schnurren, aber ihre langsame Artikulation gefällt mir ganz und gar nicht. „Ich dachte, der kommt erst morgen früh, hehe“, fügt ein weiterer hinzu und stößt auf. Da such ich mir meine Liebkosungen doch lieber woanders!

Schreiben bis um Mitternacht

Allein aus Gewohnheit sollte ich doch mal wieder einen Blick in die Gebäude werfen, die normalerweise von jungen Leuten überfüllt sind. Vielleicht finde ich dort doch noch den ein oder anderen Menschen, der bereit ist, ein paar Streicheleinheiten zu vergeben? Die Gänge sind leer, aber einer der Säle mit den vielen Büchern ist immer eine gute Anlaufstelle. Auf Samtpfoten schleiche ich an dem elegant angezogenen Pförtner vorbei. Tatsächlich! Ein paar vereinzelte traurige Seelen sitzen vor ihren Bildschirmen und hauen in die Tasten. Zwischendurch sieht man immer wieder einen verzweifelten Blick auf die Uhr, deren Zeiger unbarmherzig nach vorne rückt. Ich schaue einem Menschen über die Schulter. Was, noch so viele Stichpunkte, die alle ausformuliert werden sollen?! Ein anderer Mensch öffnet das Briefsymbol auf seinem Desktop, tippt ein paar Zeilen und schickt den Stapel Seiten ab, kurz bevor die Zeiger Mitternacht ankündigen. Ein kleiner Jubelschrei entfährt ihm, er packt sein Zeug zusammen und eilt aus dem Saal. Nichts wie hinterher, das riecht nach Spaß! Vielleicht führt er mich ja wieder zu der Musik und den vielen Menschen?

Studenten in ihrer natürlichen Umgebung

Vor dem Gebäude kann ich gerade noch in den Fahrradkorb dieses Typen springen und ab geht die Post! Mh, als Kater kann ich mich doch ganz gut auf meine Orientierung verlassen und mein siebter Sinn sagt mir, wir fahren in die falsche Richtung, weg von dem Trubel. Ich behalte Recht, denn schon halten wir vor einem mehrstöckigen Gebäude. Na gut, vielleicht muss er kurz seine Sachen ablegen und seine Haare in Form bringen? Ich springe mit wenigen Sätzen die Feuerleiter hinauf und spähe in die Wohnung. Der Kerl wirft seinen Laptop aufs Bett und sich gleich hinterher. Ich ahne nichts Gutes. Und da startet auch schon der weiße Bildschirm mit den sieben roten Buchstaben darauf. Mir kommt der nicht unbegründete Verdacht, dass ich die nächsten Stunden, noch wahrscheinlicher die nächsten zwei Wochen keine Regung mehr von diesem Individuum erwarten kann. Was für eine Enttäuschung! Aber immerhin, ich habe so viel Zeit vertrödelt, dass doch schon wieder eine U-Bahn unterwegs sein sollte. Vielleicht kann ich dort einen schönen, warmen Platz für ein Schläfchen ergattern.

Stelldichein am frühen Morgen

Ich tapse zu den nächst gelegenen Treppen in den Untergrund und gerade noch so in den ersten Wagen des Tages. Tatsächlich ist es hier gar nicht so leer, wie ich eigentlich gedacht hätte. Da sind ja die Menschen, die vor ein paar Stunden noch so motiviert getanzt haben. Zumindest tragen sie dieselbe Kleidung, ohne die sie nicht wiederzuerkennen wären. Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht sicher, ob sie noch leben. Zumindest riechen sie nach Verwesung. Da ich meine empfindliche Katernase nicht unbedingt diesen Körperausdünstungen aussetzen will, schaue ich mir lieber die Menschen an, die im sicheren Abstand zu dem komatösen Haufen sitzen. Hier sind tatsächlich auch einige junge Exemplare zu sehen, die ich aus der Uni wiedererkenne! Manche schauen mit so einer bestialischen Miene, dass ich ihnen lieber nicht näherkommen will. Sie tragen elegante Arbeitskleidung und manche murmeln „Nur noch zwei Wochen, dann koch ich nie wieder Kaffee“ vor sich hin. Da sehen die Frau und der Mann zwei Reihen weiter doch viel sympathischer aus. Sie haben beide einen großen Koffer bei sich und in ihren Augen glänzt die Vorfreude. Als er mich sieht, strahlt er noch breiter und macht eine einladende Handbewegung. Das lass ich mir doch nicht zwei Mal sagen und springe mit einem Satz auf seinen Schoß. Ein Glück, dass in diesen Monaten nicht jeder Student im Ausnahmezustand ist!

Euer UniKater