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Der UniKater: Gestresste Menschen

Streifzüge durch Münchner Geschichten

Ein kleiner Kater streift seit einigen Wochen durch die Münchner Straßen. Besonders im Univiertel häufen sich die Sichtungen – anscheinend ist er sogar Justus schon vor den Porsche gelaufen. Wir kennen weder seinen Namen noch seinen Hintergrund, haben aber festgestellt, dass er die tollsten Geschichten aus dem Münchner Alltag erzählen kann. Beim Zuhören scheint es sogar oft, als wäre er im Herzen einer von uns.

Miau, ihr Menschen!

Es ist Februar, Ende des Semesters. In dieser Zeit sind die Menschen im Univiertel immer ein wenig anders als sonst. Mit blutunterlaufenen Augen, blassen Gesichtern und zerzausten Haaren schlendern sie durch die Gegend—fast schon einer Horde Zombies ähnlich. Ich weiß nicht genau was es ist, aber irgendwas scheint ihnen in diesen paar letzten Wochen des Semesters besonders zu schaffen zu machen.

Vor Kurzem erst, zum Beispiel, lag ich gemütlich unter einem Sitz in der U-Bahn und da saß wieder einer dieser Spezialfälle. Sie gehörte zu der Gattung der Langhaarmenschen und murmelte apathisch vor sich hin, als wäre sie zutiefst in einem Ritual versunken, um ihre Katze herbeizuführen—das wäre doch mal eine begrüßenswerte Abwechslung. Dabei hielt sie einen Stapel kleiner Karten in der Hand, von dem sie regelmäßig eine von vorn nach hinten schob—ziemlich seltsam, sie scheint die Prozedur zum ersten Mal durchzuführen. Als die U-Bahn an der Station „Universität“ hielt, zuckte sie zusammen, starrte fahrig aus dem Fenster und sprang plötzlich auf, während ihre eine Hand gerade noch so ihren Rucksack packte. Sie zwängte sich durch die Meute an den Türen und widmete sich auf dem Weg zur Rolltreppe weiter ihrem Ritual.

Verwirrter UniKater

Was ist nur mit den Menschen los? © Sophie Obwexer

Ich schlängelte mich geschmeidig zwischen den Beinen hindurch und folgte ihr gemächlich hinaus. Der ein oder andere Fahrgast gaffte mich verwundert an, aber ich mache mir da nie was draus. Ich fahre einfach gern U-Bahn, vor allem in dieser Jahreszeit. Es ist immer so schön warm und kuschelig; der perfekte Ort, um ein kleines Nickerchen zu machen. Man könnte fast meinen, U-Bahnen wären für Katzen erfunden worden.

Draußen angekommen, beschloss ich, einem meiner Lieblingshobbys nachzugehen: Menschen beobachten. Um niemanden weiter aufzuscheuchen, suchte ich mir einen Baum, auf den ich kletterte. Er stand direkt gegenüber einer Wand mit lauter Fenstern, weshalb er eine super Aussicht bot. Wäre es nun Sommer gewesen, wäre ich einfach an dem Gebäude rechts vorbei zum Englischen Garten gelaufen, hätte mir vielleicht vorher noch ein Schälchen Milch abgeholt und hätte eine größere Auswahl zum Belauern gehabt. Aber man muss sich den Gegebenheiten nun einmal anpassen.

Ich hockte mich also auf einen stabilen Ast und spähte in die diversen Fenster hinein. Sie schienen alle zu demselben Raum zu gehören; durch jedes erspähte ich Regale, die von oben bis unten mit Büchern vollgestellt waren. Ich konnte allerdings auch Tische sehen, an denen Menschen saßen, die vom Verhalten sehr dem Sonderfall aus der U-Bahn ähnelten: Die eine hatte eine neongelben Stift und malte wie wild Striche auf ein Blatt Papier. Ein anderer saß hinter seinem Rechteck und starrte mehrere Minuten wie versteinert auf den Maunzipedia-Artikel zu „Prokrastination“.  Nach einer Weile regte er sich, holte sein Handy raus und sah sich auf Tatzbook die Videos meiner Artgenossen an. Vielleicht sollte ich auch mal darüber nachdenken, mich als Videostar selbstständig zu machen.

Der kurioseste Anblick allerdings erbot sich mir durch das Fenster direkt vor mir: Ich hatte freie Sicht zwischen zwei Regalen entlang, und am Ende des Ganges, gegen die Heizung gelehnt, saß etwas das aussah wie die Verzweiflung in Person. Er hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und schüttelte sich ab und zu ein wenig, während kleine Tröpchen auf seinen Pulli kullerten. Als er sich in Embryo-Stellung hinlegte, konnte ich es nicht länger mit ansehen. Was bringt die Menschen nur dazu, in einer derartigen Verfassung zu enden?

Ich saß auf dem Ast und kratzte in Gedanken versunken an der Rinde, als von unten auf ein Mal ein hysterischer Schrei zu hören war, „Oh nein, die Katze ist auf dem Baum gefangen!“ Ich bin zwar ein Kater, aber das nahm ich ihr noch nicht übel. Als sie dann aber „Komm, Miezi Miezi! Komm!“ nach mir rief, war ich ein bisschen in meinem Stolz verletzt. Ich bin ein anmutiger Kater, würdevoll und elegant! Das letzte was ich bin ist ein Miezi! Also fauchte ich sie an, kehrte ihr den Rücken zu und sprang zu Boden. Als ich mich gerade davon machen wollte, hielt ich inne und wägte die Chance auf Streicheleinheiten ab. Einer wohltuenden Runde Kraulen kann ich letztendlich nicht widerstehen. Darum drehte ich wieder um, lief auf das Mädchen zu und ließ mich von ihr auf den Arm nehmen. Schnurrend genoss ich die Schmusestunde und dachte mir, das sollten die Zweibeiner ihren gestressten Mitmenschen auch öfters mal anbieten. Dann wäre sicher alles in Ordnung.

Bis bald! Euer UniKater