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Der UniKater – Streifzüge durch Münchner Geschichten

Der Fleischberg aus der Schelling 3

Ein kleiner Kater streift seit einigen Wochen durch die Münchner Straßen. Besonders im Univiertel häufen sich die Sichtungen – anscheinend ist er sogar Justus schon vor den Porsche gelaufen. Wir kennen weder seinen Namen noch seinen Hintergrund, haben aber festgestellt, dass er die tollsten Geschichten aus dem Münchner Alltag erzählen kann. Beim Zuhören scheint es sogar oft, als wäre er im Herzen einer von uns.

Miau, ihr Menschen!

Ist euch das auch schon passiert? Ich bin mir fast sicher. Dass ein Kurs etwas zu früh aufgehört hat und der nächste erst etwas später beginnt, sodass man im Zeitvakuum dazwischen festhängt, gefühlte Ewigkeiten lang. Ich weiß ja nicht, wie es euch damit geht, aber ich hasse dieses Warten am Morgen. Letzten Dienstag durfte ich es mal wieder erleben: Mit dem Kopf auf dem Pressspan schielte ich durch den leeren Raum in der Schellingstraße 3, während er sich nur ganz allmählich mit Leuten zu füllen begann. Es wagte wohl niemand, sich auf die beiden freien Plätze direkt vor meinem zu setzen. Man hört das ja leider oft, dass viele Menschen allergisch auf Katzenhaare sind oder einfach keine Katzen mögen. Schließlich kommt endlich auch der Professor dazu und breitet seine Unterlagen großzügig auf dem Rednerpult aus, während irgendein armer, mir unbekannter Hiwi sich mit dem Laptop abmüht und versucht, die PowerPoint zum Laufen zu bekommen. Dann räuspert sich der Dozent und will gerade anfangen zu reden.

In dem Moment fliegt die Tür lautstark auf und zwei Studenten kommen lärmend rein. Es ist mir dummerweise erst jetzt aufgefallen, aber die beiden letzten freien Plätze im Raum sind direkt vor mir. Da türmt sich nun ein gewaltiger Berg aus Fleisch und Muskeln auf, hoch wie der Himmel, sodass ich weder drüber noch dran vorbei sehen kann. Ich höre nur noch den sich räuspernden Professor, und denke mir, dass das ab jetzt wohl reichen muss. Und das tat es auch, zumindest eine Weile, während der Fleischberg aus der Schelling 3 immer wieder zu seiner schlanken Begleiterin schielte. Sie sieht so ungesund dürr aus, dass ich jeden Moment erwartete, sie würde zum Kotzen aufs Klo rennen. Ihm dagegen scheint das nicht aufzufallen. Wie er neben ihr sitzt und ihr gelegentlich wie einem Haustier über die Hand streichelt.

Dann zieht er plötzlich eine Tupperdose mit Essen aus seiner Tasche. Ich kann es nicht fassen! Er öffnet sie lautstark und beginnt, den kalten Fraß gnadenlos in sich hineinzuschaufeln. Schmatzend starrt er in die Box, stochert darin herum und schiebt Gabel um Gabel mit Geflügel und Reis in sein gewaltig stampfendes Maul. Mir scheint es, als würde seine Freundin ihn dabei skeptisch von der Seite her angucken, während sein Schmatzen den Vortrag immer stärker übertönt. Der ist für mich schon bald vergessen, da ich ohnehin nichts mehr verstehen kann und mich sein Krach so sehr irritiert, dass ich kaum noch an etwas anderes denken kann. Ich überlege mir, was ich sagen könnte, um den Idioten endlich zum Stillsein zu bringen. Dabei kratze ich in Gedanken langsam mit den Krallen über meinen Tisch. Ob es ihn zum Aufhören bewegen könnte, wenn ich sie ihm tief in seinen Rücken versenken würde? Vorsichtig strecke ich sie in seine Richtung. Die Wirkung von scharfen Katzenkrallen wird oft unterschätzt. Er würde wahrscheinlich etwas bluten, denke ich mir. Ein bisschen gefällt mir der Gedanke. Ich strecke die Kralle näher heran und stelle es mir vor.

Der UniKater macht sich bereit für den Angriff! © Sophie Obwexer

Ich bin fast am fremden Rücken angelangt, als er sich plötzlich zu mir umdreht. Er schaut mich erst etwas dumm und überrascht an, dann wird sein Blick böse. Ich scheine zu schrumpfen vor der sich immer weiter auftürmenden Masse aus Fleisch und Muskeln. Mein Mut fällt in sich zusammen. Ich will etwas sagen, bringe aber nur Gestammel hervor. Tief in seinem langsam denkenden Hirn stellte sich der Neandertaler wohl die Frage, was er mit dem vermaledeiten Vieh vor sich anstellen soll. Verschreckt kann ich seine kraftvolle Kiefermuskulatur mahlen sehen, und die Armmuskeln spannen sich bedrohlich an. Da wird es selbst mir zu viel. Ich springe auf, mime, dass mir übel ist und ich schnell zur Toilette muss. Dann murmle ich eine Entschuldigung und flitzte rasend schnell durch die Reihe, dem Ausgang entgegen. Als ich endlich draußen bin, sieht ihn seine Freundin immer noch liebevoll an und er fragt sich, was das eben gewesen ist. Meine Stifte und Blätter bleiben auf dem Tisch liegen. Ist euch sowas Seltsames nicht auch schon passiert? Ich bin mir fast sicher: Die Antwort ist nein.

Bis bald! Euer UniKater

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