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Was deutsche Unis von Schweden lernen können

Wie kann Deutschland das Bildungssystem verbessern?

Ein Kommentar

International gehören die deutschen Hochschulen zu den besten der Welt und besetzen in europäischen Rankings regelmäßig die vorderen Plätze. Dies kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das deutsche Hochschulsystem in einer Zukunftskrise befindet. Viele meinen, es sei zu verschult und zu theoretisch, während andere beklagen, dass Bildungschancen in diesem Land noch immer sehr unfair verteilt sind. In Schweden hat man bereits einige Antworten auf diese dringenden Probleme gefunden.

Besserer Zugang zu Finanzierung

Studenten haben es schwer in Großstädten, nicht zuletzt wegen der stark steigenden Miet- und Lebenshaltungskosten, die in Metropolregionen wie München ein immer größeres Problem werden. Gleichzeitig sind die Chancen gering, Finanzierungshilfen wie beispielsweise BAföG bewilligt zu bekommen. Selbst diejenigen, denen es gelingt, die überaus strengen Kriterien zu erfüllen, erhalten nur eine sehr geringe Fördersumme, die bestenfalls die absoluten Grundbedürfnisse deckt. Ohne finanzielle Unterstützung der Eltern oder einem profitablen Nebenjob ist ein Studium deshalb für viele unerreichbar. Stipendien sind ebenfalls keine realistische Alternative, da es zu wenige davon gibt und die Eintrittsschranken auch hier sehr hoch sind.

Diese Probleme sind in Schweden unbekannt. Wer dort studieren möchte, kann seine Ausbildung durch ein sogenanntes Studielån (eine Art Studienkredit) finanzieren. Ein Drittel der geliehenen Summe wird dabei vom schwedischen Staat übernommen, während der festgesetzte Zinssatz niedrig ist und die Rückzahlung erst ab dem Ende des Studiums beginnt. In seinen Grundzügen ähnelt das System also dem deutschen BAföG-Modell, allerdings ist es einer viel größeren Anzahl an Studenten zugänglich. Das macht das Studium gerechter und nimmt vielen den finanziellen Druck von den Schultern.

Fassade der Universität im schwedischen Umeå © Sebastian Schindlbeck

Fassade der Universität im schwedischen Umeå © Sebastian Schindlbeck

Nachträgliche Verbesserung der Abschlussnote

Eine zweite Hürde auf dem Weg zum Traumstudium ist für viele der Numerus Clausus, der wegen der ständig weiter wachsenden Zahl neuer Abiturienten fortwährend weiter angehoben werden muss. Fächer wie Medizin oder Psychologie zu studieren wird dadurch für die meisten zu einem Ding der Unmöglichkeit. Alternativen wie das Grundstudium im Ausland zu absolvieren oder die notwendige Anzahl an Wartesemestern abzusitzen sind wenig verlockend, da sie die Bewerber viel Zeit und Geld kosten. Doch auch hier hält das schwedische Modell eine Lösung parat: Die sogenannte Högskoleprov (Hochschulprüfung). Mit ihrer Hilfe können Abiturienten ihre Abschlussnote nachträglich verbessern, indem sie das Endergebnis der Prüfung, die beispielsweise grundliegende Mathematik- und Fremdsprachenkenntnisse unter Zeitdruck testet, mit ihrem Notendurchschnitt verrechnen lassen. Die Teilnahme an der Högskoleprov steht allen offen und kann beliebig oft wiederholt werden. Dadurch kann jeder, der sich genügend Mühe gibt, sein Wunschstudium auch erreichen. Die Finanzierung oder ein strenger Numerus Clausus sind dabei keine Hindernisse.

Abwechslungsreiches und zukunftsorientiertes Studium

Doch selbst wer sich bereits im Studium befindet, ist oft unzufrieden mit dem deutschen Hochschulsystem. Vieles daran erinnert zu sehr an die eben überstandene Schulzeit, zum Beispiel unflexible Stundenpläne, sehr theoretisch ausgerichtete Vorlesungen und begrenzte Wahlmöglichkeiten. Die dadurch entstehende Monotonie kann so manchem die Lust am Studium verderben. Auch hier geht Schweden einen anderen, vielleicht besseren Weg. Damit ihre Studenten ein tieferes praktisches Verständnis ihrer jeweiligen Fächer bekommen und lernen, kritisch miteinander zu diskutieren, setzen die schwedischen Hochschulen auf Seminare, Gruppenarbeiten und Übungen, die im Vergleich zu Deutschland einen viel größeren Anteil am Studium ausmachen. Dabei wird darauf geachtet, dass es ausreichende Wahlmöglichkeiten und Alternativen für die Studenten gibt und die Kurse nicht zu groß werden. Dadurch kann man anhand individueller Interessen eigene Schwerpunkte setzen und im kleinen Kreis die unterschiedlichsten Fragen besprechen.

Eine weitere Besonderheit des schwedischen Systems ist die große Bedeutung, die dem Englischen darin zuteilwird. Viele Veranstaltungen werden bereits auf dem Grundniveau ausschließlich in dieser Sprache unterrichtet, während auch zahlreiche Masterprogramme generell nur auf Englisch angeboten werden. Dadurch haben schwedische Uniabsolventen letztlich oft bessere Chancen auf dem internationalen Arbeitsmarkt und einen besseren Zugang zur internationalen Forschungsliteratur, was ihnen mehr Möglichkeiten gibt, ihre individuellen Zukunftsziele zu erreichen.

Natürlich lassen sich alle genannten Vorschläge nicht problemlos auf das deutsche Hochschulsystem übertragen, ohne vorher die notwendigen Voraussetzungen dafür zu schaffen. Dennoch könnte ihre Umsetzung die Universitätsausbildung gerechter machen und Studenten das notwendige Handwerkszeug mitgeben, ihre Ziele zu erreichen.

Sebastian Schindlbeck

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