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Wie wir in Zukunft streiten

Das Democracy Lab, die Diskussionskultur 2.0?

Die Süddeutsche Zeitung geht davon aus, dass sich die deutsche Diskussionskultur derzeit in einer tiefen Krise befindet, da Populismus und der falsche Umgang mit Medien die Führung objektiver Debatten unmöglich machen. Mit ihrem Projekt Democracy Lab will sie jetzt testen, wie mit der gesellschaftlichen Polarisierung umgangen werden kann. Dabei sollen Vertreter gegensätzlicher Meinungen an einen Tisch gebracht werden, um in der Position des jeweils anderen gemeinsame Lösungsansätze für aktuelle Probleme zu finden.

Diskussion. Symbolbild. (Quelle: pixabay)

Das Projekt ist in zwei Schritte gegliedert. Im ersten sollen vor allem die Themen identifiziert werden, die die Deutschen umtreiben und die zu einer Diskussion taugen. Zu diesem Zweck hat die SZ online wie offline den Kontakt zu Menschen gesucht, eine Umfrage im Netz durchgeführt und ihre Reporter 3000 Kilometer weit durch ganz Deutschland geschickt. Auf Marktplätzen, in der Stadt und auf dem Land konnten die Bürger dann von ihren konkreten Wünschen und Vorstellungen für die Zukunft erzählen, oder auch einfach per Mausklick ihre Meinung kundtun. Doch welche Themen bewegen uns nun? Laut Umfrage sind es vor allem die Themen soziale Gerechtigkeit (1), Schul- und Umweltpolitik (2 und 3), Werte (4) und Asyl (5). Diese sollen im zweiten Schritt, der tatsächlichen Diskussion, aufgearbeitet werden.

Resultate, nicht nur Austausch

Um alte Muster zu durchbrechen, sollen hier nicht die aus unzähligen Talkshows bekannten Gesichter teilnehmen, die einander nur ihre eigenen Ansichten erzählen. Stattdessen sollen Menschen aller Bevölkerungsschichten die Diskussion wagen, wobei das Erreichen von Resultaten und nicht der bloße Meinungsaustausch im Zentrum steht. Ein zweites Kriterium ist die inhaltliche Auseinandersetzung mit den jeweiligen Kontrahenten. Um diese sicherzustellen, müssen alle sich bewerbenden Diskutanten einen ideologischen Turing-Test durchlaufen. Dafür müssen sie in der Lage sein, die Argumente der Gegner korrekt wiederzugeben, ohne sie durch persönliche Animositäten zu verfälschen. Gelingt ihnen dies, sind sie offen für Kompromisse und bereit, an der Diskussion teilzunehmen.

Argumente stehen im Vordergrund

Für diese hat die SZ drei wichtige Grundregeln aufgestellt. So sollen Menschen und Meinungen getrennt voneinander betrachtet werden, damit Argumente, nicht Sympathien, den Diskussionsausgang bestimmen, denn nur so können rationale Lösungen gefunden werden. Darüber hinaus sollten die Debattierenden dafür offen sein, dass auch die andere Seite recht haben könnte, da absolute, bereits im Vorfeld gefestigte Meinungen gemeinsame Kompromisse meist zunichtemachen. Drittens müssen sich alle Diskutanten auf eine gemeinsame Frage einigen, auf die sie dann im Diskurs zielgerichtet nach Antworten suchen. Damit ist der Boden für eine ernsthafte Debatte bereitet.

Diese soll an fünf Tagen in den Monaten August und September stattfinden, beginnend mit dem 02. August und damit kurz vor der anstehenden Bundestagswahl. Ob diese Veranstaltungen unter dem Titel „Das ist deine Meinung“ tatsächlich einen Beitrag zur Erneuerung der deutschen Diskussionskultur leisten können, wir sich dann zeigen. Es steht aber zu befürchten, dass ihre Wirkung begrenzt ist, da sie nur diejenigen ansprechen, die noch für Kompromisse empfänglich sind. In diesem Fall wäre diese Kampagne nicht mehr als das, was die SZ sie selbst nennt: Ein Experiment.

Sebastian Schindlbeck

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