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Plata o Plomo

Pablo Escobar und der Wandel seiner Heimatstadt Medellín

Spätestens seit der Netflix-Serie „Narcos“ kennt ihn jeder: Den erfolgreichsten Drogendealer der Welt, Pablo Escobar. Der Mann, der das Kokaingeschäft in den 80er Jahren entdeckt und das weiße Pulver zu Gold gemacht hat. Das Geschäftsmodell war einfach: Angebaut und produziert in den Tiefen des kolumbianischen Dschungels wurde die fertige Droge in die USA, vor allem nach Miami, geschmuggelt, wo die Schönen und Reichen bereit waren, dafür viel Geld zu zahlen. In den 80er Jahren etwa 70.000 Dollar pro Kilogramm. Der Produktionspreis lag bei etwa 1.000 Dollar. So ist es nicht verwunderlich, dass Pablo Escobar auf der berühmten „The World’s Billionaires“ Liste des Forbes Magazins steht.

Eines von Pablo Escobar’s Ferienhäuser steht seit seinem Tod, mittlerweile fast als Ruine, unberührt in der Nähe der Stadt. © Nathalie Römer

Wer dem Geschäft im Weg stand, hatte die Wahl: „Plata o Plomo“ – Silber oder Blei. Bestechung oder Tod. Dafür hatte Pablo Escobar seine „Sicarios“, teilweise erst 14 Jahre alte Jungs aus dem Ghetto in Medellín, die schon für 100 Dollar bereit waren, Polizisten zu erschießen. Doch neben Tausenden von Polizisten starben durch Pablo Escobar auch Politiker und viele Zivilsten. Es gab Bombenattentate auf die kolumbianische Hauptstadt Bogotá, auf seine Heimatstadt Medellín, auf ein Passagierflugzeug, und sogar der Präsidentschaftskandidat Luis Carlos Galán wurde 1989 durch seinen Auftrag getötet.

In Medellín lerne ich Pablo kennen, der mir erzählt:

„Für uns war es normal, dass auf der Straße geschossen wurde, Bomben hochgingen und Menschen starben. Man ging eben abends nicht mehr spät aus dem Haus. In den ganzen Hollywood-Actionfilmen war es ja auch nicht anders. Erst durch das Internet wurde uns dann bewusst: In anderen Ländern gibt es sowas nicht.“

Und trotz all dem Blut, das in seinem Namen floss, galt Pablo Escobar vor allem in den armen Ghettos von Medellín oft mehr als Held. Die Finanzierung von Krankenhäusern, Sozialwohnungen und Schulen sowie der Gedanke an die Umverteilung von Geld aus dem reichen Miami in das arme Medellín machten es Vielen leicht, ihn als eine Art Robin Hood zu sehen. Auch nach seinem Tod durch die Kugel einer US-amerikanisch-kolumbianischen Elite-Einheit, spaltet die Meinung über Pablo Escobar das Land, welches sich langsam von der Ära der großen Drogenkartelle erholt.

Doch Spuren bleiben – überall

Kahle Stellen im kolumbianischen Dschungel erinnern an ehemalige Kokaplantagen. Sie wurden von Flugzeugen mit Gift besprüht, um sie zu vernichten. Zerbombte Kunststatuen, Denktafeln. Noch lange nach Pablo Escobars Tod blieb die Einreisewarnung der USA in das Land bestehen. Erst 2004 hob man diese auf. Zurecht. Denn Kolumbien, und vor allem Medellín, die einst „gefährlichste Stadt der Welt“, entwickelte sich weiter. 2013 kürte die City Bank und das Wall Street Journal Medellín zur „innovativsten Stadt der Welt“. Selbst zu dieser Auszeichnung hat Pablo Escobar beigetragen, denn der Titel wurde für die erfolgreiche Bekämpfung von Bandenkriminalität und die Aufarbeitung der jüngsten Geschichte verliehen.

Mit Medellíns neuer Seilbahn über den Dächern der „Comunas“. © Nathalie Römer

Die „Comunas“, wie man die Armensiedlungen nennt, in denen Pablo Escobar einst seine Handlanger rekrutierte, sind nun durch eine Seilbahn mit der restlichen Stadt verbunden. Wo einst Menschen auf der Straße erschossen wurden, stehen nun drei auffällige, als schwarze Würfel gestaltete, Bibliotheken inmitten der Blechdächer, unter denen die ärmsten Bewohner der Stadt hausen. Bildung soll dominieren und den Platz der Herrschaft des Drogenkartells ersetzen. Ein weiteres Beispiel hierfür ist der sogenannte „Plaza de la Luz“.

Die vielen Lichtsäulen auf der „Plaza de la Luz“ sollen an die dunkle Vergangenheit der Stadt erinnern. © Nathalie Römer

Einst einer der Mittelpunkte der Kriminalität ist der Platz heute dank hunderten von Lichtsäulen vor allem nachts in Helligkeit getaucht. Dies sind nur wenige Beispiel der ehemaligen Schauplätze von Gewalt der Drogenkartelle, an deren Stelle heute Bildungseinrichtungen und Kulturgüter stehen. Die Vergangenheit wird nicht vergessen, versteckt, verleugnet oder vertuscht. Stattdessen wird sie aufgearbeitet, daran erinnert, davor gemahnt. Zwar gibt es auch noch 24 Jahre nach Pablo Escobars Tod Kokainhandel. Kleine Kartelle ersetzten die Präsenz der berühmten „Narcos“. Doch Medellín kämpft. Mit Infrastruktur, Bildung und Kultur gegen Gewalt, Drogenhandel und Kriminalität. Der schönste Nebeneffekt? Es entsteht eine Stadt, die man sich unbedingt anschauen sollte.

Nathalie Römer

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