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Wir saßen auf der Hackerbrücke

Zur Hilflosigkeit gesellt sich ganz schnell Wut

Die Hitze der letzten Wochen scheint wohl manche Individuen doch sehr getroffen zu haben. Anders kann ich mir diesen Ausbruch von schierer Unverschämtheit nicht erklären. Über das Wochenende war meine Freundin da. Wir waren viel draußen, haben Sonne getankt und den Münchner Sommer in vollen Zügen genossen. Wahrscheinlich hätten wir alles noch viel mehr genießen können, wäre da nicht dieser Mann gewesen. Er spazierte an uns vorbei, als wir gerade total gemütlich auf der Hackerbrücke saßen und, wie so viele andere auch, den Feierabend mit einem Getränk unserer Wahl begossen. Wahrscheinlich wäre der Mann auch einfach weiter spaziert, hätten meine Freundin und ich uns nicht just in dem Moment, als er auf unserer Höhe war, geküsst.

Weil zwei sich küssende Frauen ein bahnbrechendes Event ist, das die ganze Weltordnung komplett auf den Kopf stellt, durfte dieses Ereignis natürlich nicht unkommentiert bleiben. „Darf ich auch mal?“, fragte der Mann, nachdem er sich breitbeinig vor uns aufgebaut hatte, grinste mich frech von unten an und deutete mit dem Kinn auf meine Freundin. Auf meine verwirrte Verneinung hin bohrte er weiter: „Ach komm, tut doch nicht weh.“ Die Logik hinter dieser Aussage verstehe ich noch immer nicht. Leider fiel mir keine intelligente Antwort ein, weshalb ich ihn einfach von meinem erhöhten Sitzplatz aus genervt anstarrte. Irgendwann wurde ihm wohl langweilig und er ging. Ich dagegen saß weiterhin auf der Hackerbrücke und brach, überwältigt von einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Hilflosigkeit, in Tränen aus.

Abendstimmung an der Hackerbrücke © Stephanie Berens

Bemüht mich zu beruhigen, meinte meine Freundin, der Typ sei einfach dumm und hätte das Gleiche bestimmt auch zu einem Hetero-Pärchen gesagt. Aber als ob man so was zu einem Mann sagt, der gerade seine Freundin küsst! Da muss man doch noch viel eher einkalkulieren, erstmal vermöbelt zu werden! Und genau deshalb kann ich mir die Situation auch anders erklären als nur durch die Hitze, die das Gehirn dieses Mannes ordentlich in Mitleidenschaft gezogen hat. Nämlich durch ein richtig ekliges Zusammenspiel aus Patriarchat und Homophobie, das sich so fies latent durch die Gesellschaft zieht und so wenig auffällt, dass man es ganz wunderbar vom Tisch wischen kann – zum Beispiel mit dem üblichen Kommentar, diejenigen, die sich darüber aufregen, wären ja doch nur viel zu emotionale, rumheulende Feministen.

In dem Moment saß ich eben wirklich heulend und emotionsüberladen auf der Hackerbrücke. Was sich aber schnell zum Gefühl der Hilflosigkeit gesellte, war unsägliche Wut. Wut darüber, dass der sich das überhaupt erlaubt hat. Wut darüber, dass unsere Gesellschaft solches Verhalten nicht bestraft, sondern aktiv ermöglicht. Wut darüber, dass ich mir von ihm und seinem kleinen, dummen Kommentar Angst habe einjagen lassen. Angst davor, dass es irgendwann nicht nur bei Worten bleibt.

Das nächste Mal, wenn ich meine Freundin in der Öffentlichkeit küssen will und keinen Fluchtweg sehe, über den wir uns einfach von einer solchen Situation entfernen könnten, werde ich mir das zweimal überlegen. Und wütend darüber sein, dass ich mir über sowas überhaupt Gedanken machen muss.

Stephanie Berens

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