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Bildungscamp 2017

Bildet euch – Bildet alle  Bildet Zeltlager!

Als wir die U-Bahn Rolltreppe am Geschwister-Scholl-Platz hoch stiegen, kamen uns die Bässe von King Pigeon entgegen. Es war eine laue Sommernacht, dieser Samstag, der 17. Juni 2017.

Ausgestattet mit Kuscheldecken und Thermoskannen voll Kaffee – es ist zwar Juni, aber halt in Deutschland – trafen sich die Lesefreudigen am „Workshopzelt“ des Bildungscamps. Organisiert von der Fachschaft der AVL, sollte der letzte Abend beziehungsweise die letzte Nacht des Camps im Stern von Didier Eribons „Die Rückkehr nach Reims“ stehen.

Ein autobiographisches Werk, das zugleich eine Milieustudie betreibt, das perfekt zum Thema des Bildungscamps passt. Denn der französische Philosoph Eribon schaffte es vor allem durch Autodidaktik aus der Arbeiterklasse nach Paris und wird dort zum Intellektuellen. Er musste als schwuler Jugendlicher um Bildung kämpfen, sich sogar von seiner Familie lösen, um seinen Weg gehen zu können.

Dieser Kampf um Bildung passt deshalb so gut zum Bildungscamp , da Freiwillige sowie die Mitglieder von Bildungsfreiräume e.V. mit dieser Veranstaltung einen Raum schaffen möchten, in dem freie, selbstbestimmte Bildung möglich ist.

Lesenacht – Didier Erbin „Die Rückkehr nach Reims“ © Rosa Weber

Um dies zu verwirklichen, bietet das Team jährlich am Geschwister-Scholl-Platz zahlreiche Podiumsdiskussionen, Lesungen, Konzerte und Vorträge an. Doch auch praxisorientiertere Fortbildungsmöglichkeiten wie beispielsweise ein Reperaturcafé oder Kreativworkshops werden jedermann kostenlos zur Verfügung gestellt. Und dieses Jahr eben auch eine Lesenacht der Komparatistik.

Es war also eine laue Sommernacht und als die Band, etwas verspätet, ihr Konzert beendete, machten wir Verrückten uns an die Aufgabe, ein ganzes Buch in einer Nacht durchzulesen – laut. Auf so etwas können ja auch nur Komparatisten kommen.

Zunächst noch untermalt von Musik für die Konzertbesucher, machten wir es uns in Liegestühlen, eingewickelt in dicke Decken, versorgt mit Kaffee und Bier so richtig gemütlich.

Die Stimmung war entspannt und angeregt. Leute kamen und gingen. Der ein oder andere Passant – zumindest am Anfang noch – setzte sich für ein paar Minuten dazu und lauschte. Es war so herrlich bizarr, ein philosophisches, sozialkritisches Werk mitten in der Nacht laut vorgelesen zu bekommen beziehungsweise selbst vorzulesen. Von 23 Uhr abends bis 7 Uhr morgens lasen und lauschten und lasen und lauschten wir. Manche Kapitel gingen wie im Nebel an einem vorbei, manche standen ganz klar im Raum. Manchen Kapiteln lauschte man mit geschlossenen Augen, manchen nur mit halben Ohr.

Doch wir lasen die Nacht hindurch – und so wurde aus der Lesenacht ein Lesemorgen und die Sonne ging über München wieder auf.

Rosa Weber

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