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Rache ist Blutdurst

Hamlet an den Münchner Kammerspielen

Mit nur drei Schauspielern inszeniert Christopher Rüping “Hamlet” an den Münchner Kammerspielen. Das Ergebnis ist wild, brutal und durchaus sehenswert.

Theaterblut fließt. Eimer um Eimer leeren die Schauspieler auf der Bühne aus, um sie zum feucht glänzenden Schauplatz des Gemetzels zu machen. Zeitgleich dazu: Ziemliche laute Beats und wechselnde Namen auf einem Leuchtschriftband: Ophelia – durchgestrichen. Laertes – durchgestrichen. Claudius – durchgestrichen. Am Ende sind fast alle tot. Und der Rest ist Schweigen.

Es geht blutig zu bei den Kammerspielen, (c) Thomas Aurin

Geschwiegen wird bei der „Hamlet“-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen aber nicht besonders lange – es gibt schließlich noch die Vorgeschichte zum blutigen Schluss zu erzählen. Regisseur Christopher Rüping kommt dabei mit nur drei Schauspielern aus, die im Grunde alle dieselbe Rolle spielen: Sie sind Horatio, der beste Freund Hamlets, von diesem damit beauftragt, die Tragödie zu verbreiten. Abwechselnd schildern und erzählen die drei Schauspieler nun die einzelnen Szenen des Stücks. Dazu schlüpfen sie mal in die Rolle von Hamlet, werden zu seinem Gegner Claudius oder zu seiner Geliebten Ophelia. Wer gerade wer ist, verraten bestimmte Accessoires: Claudius trägt oft einen Bademantel, Ophelia ein Kleid aus hellblauem Tüll und kennzeichnend für Hamlet ist der schwarze Kapuzenpullover.

Den trägt Katja Bürkle mit Abstand am häufigsten: Bürkle ist Hamlet, als ihm der Geist des eigenen Vaters erscheint und vom heimtückischen Brudermord durch Claudius erzählt. Bürkle ist Hamlet, als der verzweifelt, wild wird, rumschreit und sich der Länge nach Kunstblut ins Gesicht schmiert. Ihre Darstellung ist frei von Hemmungen. Hamlet sinnt auf Rache: „Die Zeit ist aus den Fugen. Es ist an mir, sie wieder einzurenken.“ Er hat einen Plan, den der Freund Horatio nicht verraten darf. Der 78-jährige Walter Hess hebt den Finger an die Lippen, um Hamlet seine Verschwiegenheit zu versichern. Der Prinz kommt herüber, lutscht den Finger auf anzügliche Weise ab. Dann steht er ohne Hose da. Wen liebt Hamlet?

Katja Bürkle als Hamlet im schwarzen Kapuzenpulli, (c) Thomas Aurin

Eigentlich Ophelia: Schön wie Eis, rein wie Schnee, im blauen Tüllkleid. Ihre Rolle übernimmt Nils Kahnwald im Rollstuhl sitzend, weil er sich kurz vor der Premiere den Meniskus gerissen hat. Der Rollstuhl stört nicht, eher unterstreicht er das Spiel Kahnwalds: Ophelia kann sich kaum gegen ihr Schicksal wehren und wirkt dadurch noch zerbrechlicher als sie es ohnehin schon ist. Sobald Kahnwald aber in den schwarzen Hamlet-Pullover schlüpft, ruft er donnernd nach seinem Assistenten Felix, damit der ihn gefälligst sofort von rechts nach links über die Bühne schiebt. Er brüllt, er dirigiert und zwingt schließlich sogar die eigene Mutter sich auszuziehen. Die Mutter ist wieder Katja Bürkle, diesmal kein bisschen wild, dafür voller Liebe zum Sohn. Sie tut wie ihr geheißen.

Abgesehen davon kommt Christopher Rüpings moderne Inszenierung mit wenig nackter Haut aus. Sie funktioniert eher über das Blut. Unentwegt füllen die Schauspieler die schwarzen Plastikeimer aus einem riesigen Tank voller Kunstblut, der gut sichtbar auf dem hinteren Teil der Bühne platziert ist. Unentwegt leeren sie die Eimer über sich, über den Köpfen der Kollegen oder auf dem Rostboden der Bühne. Die „Kammer 2“ der Münchner Kammerspiele erinnert ohnehin stark an eine Fabrikhalle – kaltes Licht und von Blut besprenkelte Kulissen lassen sie zum Schlachthaus werden.

Bevor furios gemordet wird, muss Hamlet aber erst Ophelia aus dem Weg räumen. Quälende 15 Minuten hat Christopher Rüping eingeplant, damit das Mädchen nach Strich und Faden niedergemacht wird. Reglos sitzt Ophelia in ihrem Rollstuhl, während Hamlet um sie herum springt und sie aus jedem erdenklichen Winkel beleidigt. Unkraut sei sie, Rindenmulch, ein Grottenolm, der Jedermanns Zeit verschwende. Man möchte das arme Mädchen retten, hofft, dass sie sich wehrt oder wenigstens weg geht. Man möchte Katja Bürkle zu rufen, sie solle aufhören, Ophelia habe jetzt sicher genug, um Hamlet bis in alle Ewigkeit zu verachten. Aber Ophelia bleibt und Hamlet tobt, geht ab und kommt mit weiteren Beschimpfungen zurück.

Nils Kahnwald als Ophelia im blassblauen Tüllkleid, (c) Thomas Aurin

Shakespeares Original wird gedehnt, anders als viele andere Szenen, die aus Zeitgründen zusammengeschoben wurden. Insgesamt funktioniert der moderne „Hamlet“ trotzdem, auch mit sehr kleinem Ensemble und wechselnden Figuren. Geschlecht, Alter, alles völlig egal, im Tod sind eh alle gleich. Christopher Rüping schafft es, in knapp zwei Stunden eine runde “Hamlet”-Inszenierung auf die Bühne zu bringen. Dabei erhält er die Idee des Stücks und spart auch die Schlüsselszenen nicht aus – um das „Sein oder Nichtsein“ kommt Hamlet nicht herum.

Dabei hat offensichtlich keiner der Horatios Lust, die unendlich oft gespielte Szene noch ein weiteres Mal auf die Bühne zu bringen. Es ist schließlich der DJ Christoph Hart, bis dahin Randfigur am Mischpult, der sich erbarmt und dem geflügelten Wort Tribut zollt, mit einem Remix des berühmten Hamlet-Monologs, aus dem Mund großer, alter Shakespeare-Filme. Im Hintergrund füllen die Schauspieler derweil wieder ihre Plastikeimer auf.

Marlene Thiele

 

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