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Shaping global development

Innovative concepts with Africa

Zigtausende Studierende tummelten sich am vergangenen Freitag, den 17.02.2017, vor dem Audimax der TU München. Warum? Die TUM Speakers Series hat ein ganz besonderes Event auf die Beine gestellt: Kein geringerer als Bill Gates, Mitgründer von Microsoft, der Bill & Melinda Gates Foundation und reichstes Individuum der Welt, führt zusammen mit Bundesminister Gerd Müller eine Podiumsdiskussion. Gemeinsam wollen sie in Afrika Entwicklungshilfe leisten – an der TUM dürfen Studenten und Studentinnen der Münchner Universitäten die Diskussion live mitverfolgen.

Langsam füllt sich das Audimax, die Atmosphäre – gespannt, aufgeregt, vibrierend. Vor sich liegen haben die Glücklichen, die heute dabei sein dürfen, ein Kärtchen mit einem Zitat von Bill Gates: „I will always choose a lazy person to do a difficult job. Because he will definitely find an easy way to do it.“ Eine Aussage, die pars pro toto für Gates’ Charakter steht. Wolfgang Hermann, Präsident der TUM, bezeichnet den Multimilliardär in seiner einleitenden Rede als einen der besten ihm bekannten Menschen der Welt.

Der Fokus der anstehenden Podiumsdebatte: Die Gestaltung der weltweiten Entwicklung und in diesem Zusammenhang ganz besonders die Etablierung innovativer Konzepte in Afrika – einem Kontinent, der über Jahrzehnte hinweg von einem Großteil der Menschheit übersehen wurde, so Herrmann.  Eigens für das Event gibt es die Hashtags #gatesspeaks und #muellerspeaks – Tweets zum Thema werden direkt auf die Leinwand projiziert, was der Veranstaltung eine gute Portion Interaktion verleiht und für zusätzliche Stimmung sorgt.
Nach ersten einführenden Worten des TUM-Präsidenten bittet Melinda Crane, Moderatorin des Events, Gerd Müller (Bundespräsident für Wirtschaft und Entwicklung) auf die Bühne. Neidlos und freudig verkündet der:

„Wir alle wollen heute Bill Gates hören – von mir nur ein paar wenige Worte“ (Müller)

Müller tritt sympathisch und selbstlos auf, scheint dabei aber ebenso gespannt auf die anstehende Diskussion mit Multimilliardär Gates wie die anwesenden Studenten. Seine nächsten Worte richtet er an Gates direkt:

„Mr. Gates, Sie bewegen die Welt.“ (Müller)

Müller meint die Erfindung von Microsoft, welche die Welt, wie wir sie heute kennen, maßgeblich revolutionierte – er erinnert an die Zeiten, in denen Smartphones und PCs noch futuristischem Gedankengut entsprachen. Seine eigene Doktorarbeit habe er noch ohne Internet geschrieben, erzählt er schmunzelnd. Bill Gates, betont er, bewege aber nicht nur als Gründer von Microsoft die Welt, sondern als Kämpfer. Als Kämpfer für eine bessere und gerechtere Welt, für eine gerechtere Globalisierung.

© Andreas Heddergott/TU München

Das Augenmerk lenkt Müller nun gezielt auf Afrika und betont: Bis 2025 werde sich die afrikanische Bevölkerung verdoppeln. Jeden Tag wachse die Weltbevölkerung um etwa 250.000 Menschen, so Müller weiter, und damit selbstverständlich auch die Herausforderungen. Daraus resultieren Fragen: Wie retten wir die Menschheit, wie das Klima? Wie schaffen wir eine globale Energiewende – ohne Öl, Gas und Kohle? Wie besiegen wir Krankheiten wie AIDS und Malaria? Dass die angesprochenen Probleme lösbar sind, beweist Bill Gates, dessen Stiftung sich unter anderem für die eben erläuterten Probleme einsetzt.

„Ich will Nobelpreisträger sehen, hier, unter Ihnen, aus unserer Jugend!“ (Müller)

so Müllers Appell – nicht nur an die Anwesenden im Saal, sondern an unsere gesamte Generation. Eine Welt ohne Hunger sei machbar, so Müller weiter. Seine abschließenden Worte sind gleichzeitig das Signal für Gates, das Wort zu ergreifen: „Gates rettet Millionen von Menschen mit seiner Stiftung. Es ist ein Glücksfall, dass es Menschen wie ihn gibt. Einer, der alles kann und alles was er hat in die Zukunft des Planeten, der Menschen und der Jugend investiert. Es ist ein großartiger Tag, dass Sie hier sind – Herzlich Willkommen“.

Die warmen, herzlichen Worte rühren Gates sichtlich. Müller verlässt das Podium unter tosendem Beifall. Moderatorin Melinda Crane ergreift das Wort und leitet die Diskussion mit einigen Zahlen und Fakten zur Gates Foundation ein – mehr als 35 Milliarden Dollar spendete der Milliardär im Rahmen seiner Stiftung bereits, um Menschen ein gesundes und produktives Leben zu ermöglichen.
Auf Stichwort erhebt sich Bill Gates, Mann der Stunde, von seinem Stuhl – erfreut lächelnd betritt er, unter Jubelschreien, Pfiffen und tosendem Applaus aus den Reihen der Studierenden, die Bühne. Müller, Gates und Nicki Weber, Vertreter der TUM Speakers Series, nehmen Platz. Sofort wird es mucksmäuschenstill im Saal. Gates ergreift, zum ersten Mal an diesem Abend, das Wort, um auf die Fragen: Was steckt hinter der Bill & Melinda Gates Foundation? Welche Ziele verfolgt sie, wie werden diese realisiert?, zu antworten.
Gates betont die ganz besondere Wichtigkeit der beiden Bereiche Gesundheit und Landwirtschaft. Vor allem die Gesundheit der Kinder sei dabei ein wichtiges Anliegen – Aufwachsen ohne Krankheiten, dafür gesund und gut genährt, mit Zugang zu funktionierender medizinischer Versorgung und Nahrungsmitteleinrichtungen, so einige der innigsten Wünsche, die er für die afrikanische Gesellschaft umzusetzen versucht.
Der Untertitel der Veranstaltung lautet „innovative concepts with Africa“ – Crane betont das „with“, das Miteinander, das in diesem Zusammenhang angestrebt wird. Auf die Frage hin, welche konkrete Innovation zur Erreichung dieser Ziele die vielversprechendste sei, antwortet Gates zunächst mit ernüchternden, ja, erschreckenden Worten:

„Africa today has almost 15 percent of children die before they are five.“ (Gates)

sagt er, und führt dieses Phänomen auf Krankheiten wie beispielsweise Malaria zurück. Neueste Instrumentarien aus der Molekularbiologie sollen helfen, den Ursachen der Infektionen auf den Grund zu gehen, um Impfstoffe zu entwickeln, die das Kindersterben auf ein Minimum reduzieren. Impfstoffe sollen außerdem für jeden erschwinglich sein. Das, so Gates, sei „on top of the list“, dicht gefolgt von besserer Landwirtschaft. Landwirte sollen geschult werden und besseres Saatgut erhalten, um eine stabile Nahrungsversorgung zu gewährleisten, ohne auf Importe angewiesen zu sein. Letzteres sei ironisch, denn Land, so Gates, sei immerhin zur Genüge verfügbar. Wie aber sieht es mit technischer Versorgung für Afrika aus? IT-Titan Gates überrascht mit seiner Antwort auf die Frage nach Innovationen aus dem Bereich, für dessen Revolution er bekannt wurde. Digitale Technologien, so der Multimilliardär, stehen nicht auf der Liste, so weit sei man bis dato noch nicht. Er erinnert sich an einen Besuch in Kenia, im Rahmen dessen er einen wundervollen Computer mit Microsoft-Software in ein Slumviertel mitnahm, um dort das „Wunder Technik“ zu präsentieren. Dieser Plan scheitert: Zwar sei ein riesiger Generator vorhanden gewesen, allerdings war selbst dieser nur herangeschafft worden, um den Rechner für seine Darbietung zum Laufen zu bringen.

„I love Digital Technology […] Digital Technology is helping us in a lot of ways, but it’s not the first thing. The first thing is health, nutrition and the agricultural sector.“ (Gates)

Müller ergreift das Wort und gibt an, auch im kürzlich vorgeschlagenen Marshall Plan für Afrika spielten Innovationen und über 100 vorgestellte Reformideen eine übergeordnete Rolle. Was aber ist das wirklich Neue, was sind die wichtigsten Ideen und Innovationen, die im Rahmen des Marshall Plans realisiert werden sollen?

„Afrika muss selber mehr leisten“ (Müller)

so Müller. Das Land müsse sich selbst entwickeln und Entwicklung zulassen, um voranzukommen. Die Digitalisierung gäbe ganz neue Möglichkeiten.Die nächste Frage, die Crane stellt, ist gleichzeitig ein kleiner Diskurs – ein Thema, für das sich alle im Raum, ja, die ganze Welt brennend interessiert. Es geht um die Risiken, welchen die Welt derzeit ausgesetzt ist. „Which among them do you fear the most?“, übergibt Crane das Wort zurück an Gates. Dieser beginnt zunächst mit der beruhigenden Einschätzung, der Trend sei sehr positiv, zurückblickend auf die vergangenen 25 Jahre. Die Armut sei um 50% zurückgegangen und analog dazu auch das Kindersterben. Lediglich drei negative Trends, so Gates, stünden den positiven gegenüber: Atomkriege, Seuchen wie beispielsweise Ebola und der Klimawandel. Was aber muss sich an der internationalen Politik ändern? Wie können wir diesen Risiken gerecht werden? Dazu ergreift Gerd Müller das Wort: Es gäbe weniger Kriege als vor 30 Jahren – aufgrund der Digitalisierung nehmen wir nur mehr von dem, was passiert, wahr. Dank sozialen Medien sind wir involvierter, empfangen Bilder, sind generell näher am Geschehen. Die Menschheit, so Müller, sei in Gefahr. Man sei in der Lage, menschliches Leben zu zerstören. Die Klimakatastrophe sei in Afrika nicht nur fühlbar, sondern auch sichtbar. Er bezeichnet den Klimawandel als ein weltweites Problem, das gemeinsam bekämpft werden muss. Müllers abschließenden Worten, bevor er das Wort zurück an Bill Gates übergibt, folgt tosender Applaus:

„Mehr Panzer und Militär bringen nicht mehr Frieden!“ (Müller)

Gates nimmt diesen letzten Satz als Aufhänger für das, was sich in diesem Zusammenhang jeder im Raum leise für sich gedacht hat – Amerika. Die von Trump etablierte Aussage „America First“ sieht er dabei kritisch: Wie solle ein Land, das sich vor alle anderen stellt, anderen Ländern helfen? Die Länder müssen einander helfen, um gemeinsam stark zu sein. Manchmal, so Gates, seien Länder nur darauf bedacht, ihre eigenen Bedürfnisse zu stärken. Das sei natürlich nicht hilfreich.
Nicki Weber, Mitglied der TUM Speakers Series, interessiert außerdem etwas ganz Anderes: Warum, so Weber souverän, habe Gates sich dafür entschieden, sich als Privatperson für andere einzusetzen? Oder konkret gefragt: „Why aren’t you considering running for president?“ Die Menge lacht und jubelt, klatscht und pfeift. Gates setzt sich etwas nervös, aber sichtlich geehrt über die Frage, auf seinem Stuhl zurecht. Politik sei wichtig, so Gates zögernd. Es sei wichtig, eine motivierte Regierung zu haben, es sei wichtig, kreative und gute Köpfe in Regierungspositionen zu haben. Er selbst aber sehe sich nicht in dieser Position, sondern für den Rest seines Lebens in seiner Stiftung – hier, so Gates weiter, gäbe es keine Wahlkämpfe, keine begrenzten Zeiträume, innerhalb derer ein Handeln möglich sei.

„Presidents will come, perhaps they’ll go –  we’ll see.“ (Gates)

sagt er grinsend, achselzuckend und beweist damit eine gute Portion Humor, die auch von der Menge lachend und applaudierend gewürdigt wird. Schließlich stellt Nicki Weber eine Frage an Gates, die wohl sämtliche Studierende interessieren dürfte: Welchen Tipp habe er, der reichste Mensch der Welt, für diejenigen, die heutzutage ein eigenes Business gründen möchten? Der Multimilliardär steigt mit guten Neuigkeiten ein: Die Möglichkeiten seien heutzutage sehr breit gefächert. Dabei hebt er besonders die zukunftsträchtige Medizinbranche, den Bereich der digitalen Erziehung und den Energiesektor hervor. „We need a revolution, and we need it very quickly“, so Gates in Bezug auf den letztgenannten Sektor, dessen Revolution auch dem Klimawandel besonders zugute käme. Die Chancen dabei für diejenigen, die von einer Top-Universität wie der TUM selbst kämen? Sehr hoch.
Was aber können wir als Individuen, als Privatpersonen dafür tun, um die Welt besser zu machen? Die Frage geht an Gates und Müller. „Jeder kann viel tun“, so der Bundesminister. Jeder einzelne sei gefragt, wir als Konsumenten müssten unsere Macht ausüben. Als Beispiel nennt er die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in beispielsweise Bangladesch – es läge in unserer Macht als Konsumenten, dort für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen.

„Wir müssen einen Dollar mehr von der Jeans in Bangladesch lassen“ (Müller)

sagt er,  damit sei es möglich, den Lohn der Arbeiter zu sichern.

Auch Gates meldet sich zu Wort. Um als Individuum handeln zu können, müsse man die Situation in Afrika mit eigenen Augen sehen, um eine direkte Beziehung zum Thema aufzubauen. Allein kleine Spenden und ein wenig politische Involviertheit seien in Summa ein großer Schritt für die Entwicklung in Afrika.

„If you would talk to the 20-year-old Gates, what would the advice be you’d give him at the moment?“

Mit diesen Worten richtet Weber das letzte Mal das Wort an Gates. Der lacht charmant und gibt die einzig korrekte Antwort – nichts würde er ändern. Dennoch betont er, als Jugendlicher naiv gewesen zu sein, räumt ein, Fehler gemacht zu haben in Bezug auf die ersten Schritte der Firma, die die Revolutionierung des digitalen Zeitalters einleitete.
Letzte Schlussworte von Melinda Crane und tosender Applaus begleiten die Diskutierenden Gates, Müller und Weber schließlich von der Bühne.
Das Event? Hervorragend strukturiert. Die Stimmung? Spannung pur. TUM Speakers? Genial – wir sagen Danke für die Möglichkeit, die Diskussion zwischen Bill Gates und Gerd Müller miterlebt zu haben! Bei Interesse kann die Podiumsdiskussion auch in voller Länge angesehen werden.

Manja Faulhaber

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