Wir schreiben München – schreibt mit!

Komparatistin vs. Romanistin

Liebe Romanistin,

so nah mein Fach auch mit deinem verwandt sein mag, beinhaltet die Schnittmenge unserer beiden Fächer wohl genau drei Namen: Dante, Cervantes und Proust. Klassiker, die wir als Anhaltspunkte nehmen. Für euch sind sie wohl eher die Bibeln (sofern es einen Plural dazu gibt) eures Fachs. Aber gehen wir einen Schritt zurück, zu deinem Ursprung: das Römische Reich. Ach herrje, eigentlich wird es hier schon schwierig, sich nur auf die Romanistik zu beschränken. Habt ihr eigentlich schon mal davon gehört, dass die Römer nahezu alles von den Griechen haben? Die Schrift, die Philosophie, die Regierungsformen, die Literatur. Wenn ihr von (Vulgär-)Latein als dem Ursprung sprecht, könntet ihr eigentlich auch gleich singen: Das ist alles nur geklaut eh oh, eh oh. Das ist alles gar nicht meines. Eh oh.

Himmlische Meisterleistung

Nun ja, du wirst mir entgegnen, dass es weniger um Latein geht, als um das, was daraus wurde. Aber herauszufinden, dass ciel, cielo (it.) und cielo (sp.) von caelum abstammen, ist noch keine Meisterleistung. Wieso ihr also gut die Hälfte eures Studiums mit romanistischer Linguistik verbringt, bleibt mir ein Rätsel. Bleibt noch die andere Hälfte: Literaturwissenschaft. Laut eures Stundenplans irgendwie verwurstelt mit Kulturwissenschaft. Sicherlich sind Städte wie Paris, Florenz und Sevilla geradezu ein Mekka für Kunst und Kultur, aber was passiert mit dem Rest – Istanbul, Jerusalem, Machu Picchu? Das lasst ihr links liegen, wie so manch einer das Norgerl im Maßkrug.

Zurück zur Literaturwissenschaft. Ist ja schön und gut, wenn ihr Nationalliteratur so ernst nehmt, aber Strömungen passieren nun mal länderübergreifend, da schaut der eine vom anderen ab, was derjenige sogar von einem dritten hat. Intertextualität nennen wir das und betrachten es von Nord nach Süd, von Ost nach West und wieder zurück, während ihr all die wichtigen Literaturentwicklungen in Deutschland, Russland und dem englisch-sprachigen Raum vernachlässigt. Apropos Deutschland, wie kommt man eigentlich als deutscher Studierender zur Romanistik, wo wir doch weise Namen wie Goethe, Mann und Grass im Repertoire haben? Richtig! Um mit euren ausgearbeiteten Sprachkenntnissen anzugeben. Doch für die meisten von euch bleibt der Berufswunsch zum Dolmetscher oder Übersetzer nur ein Traum, weil eure Sprachkenntnisse wohl eher einem Potpourri gleichen als dem „Verhandlungssicher“ in eurem Lebenslauf, oui? Der Wortschatz und die Grammatik der romanischen Sprachen ähneln sich für einen Fachfremden doch wie Football und Rugby für einen Europäer – ein paar Regeln kennt man, ein paar Wörter ändert man so, dass sie zumindest nach der Sprache klingen und die Verständigung läuft bei Italienern und Spaniern sowieso zum großen Teil über die Gestik. Was für ein Glück für euch, dass ihr also nur so tun müsst, als ob ihr mehrere, verwandte Sprachen sprecht.

Und dann zum Rest, der euer Studium so charakteristisch macht: das Erasmus-Semester. Statt eurem Fach während dieser Zeit näher zu kommen, verhaltet ihr euch wie alle anderen Erasmus-Studenten: Englisch sprechen, Party machen, am Strand chillen – nichts mit Kunst, Kultur und Insider-Wissen. Ich frage mich deshalb, ob man die romanistische Forschung nicht lieber den Landsleuten überlassen sollte?

Buena suerte,

Deine Komparatistin.

 

… und die Antwort:

Liebe Komparatistin,

aha, ja, das hast du alles schön gesagt und ja, irgendwie sind unsere Fächer schon ein bisschen verwandt. Allerdings nur auf den ersten Blick. Und was das Römische Reich angeht: Dass die Römer sich bei den Griechen bedient haben, ist uns bestens bekannt.  So einfach ist das aber mit dem (Vulgär)Latein und auch mit deinem „ist-ja-eh-alles-geklaut-Argument“ nicht. Denn ein Romanistik-Studium lässt sich gottseidank nicht so auf diese Kleinigkeiten herunterbrechen, von denen sogar ihr Komparatisten mal gehört habt.

Intertextualität und Intermedialität, meine Liebe Komparatistin, sind auch uns ein Begriff. Ich glaube, da kann uns Romanisten keiner so leicht das Wasser reichen. Schließlich haben wir Umberto Eco aka Meister der Intertextualität aka bester Semiotiker ever bis zum Umfallen gemacht. In Originalsprache.
Chapeau! Hinreißend, wie du versuchst, die Romanistik auf diesem Gebiet auseinanderzunehmen. Es gehört natürlich dazu, sich mit Nationalliteratur zu beschäftigen. Immerhin häufen wir kein lächerliches Halbwissen an, weil wir uns nämlich gründlich damit auseinandersetzen, bevor wir das mit literarischen Kreationen aus anderen Ländern in Bezug setzen. Und seien wir mal ehrlich, viele der romanischen Dichter haben über Ländergrenzen hinweg (bis in die heutige) Zeit andere Schriftsteller maßgebend beeinflusst. Ja, wusstet ihr überhaupt dass Orhan Pamuks Roman Das neue Leben eine Anspielung auf Dantes Werk Vita Nova ist? Lies mal rein, könnte dich eventuell interessieren. Ihr habt ja sowieso diese bescheuerte Krankheit immer alles miteinander irgendwie in Bezug zu setzen und zu vergleichen, wer hat wo abgeschrieben, blabla, Diskursanalyse und am Ende kommt ihr dann irgendwo bei Proust raus. Ernsthaft? Das kann nicht alles sein.

Alles in einen Topf

Einmal hatte ich das Vergnügen über mein Nebenfach ein Seminar bei euch zu besuchen. Schnell bereute ich diese Entscheidung. Zu Beginn hatte ich echt keinen Plan, woher die anderen TeilnehmerInnen diese abenteuerlichen Interpretationen hatten, die sie da megastolz rausposaunten. Ich wollte dieses Zeug, das die geraucht haben auch. Endlich mal richtig kreativ sein. Einfach Balzac, Derrida, Hemingway und Thomas Mann zusammen mit Chomsky in einem Atemzug erwähnen und nicht differenzieren, geschweige denn erst nachzudenken, bevor man etwas interpretiert. Also bereitete ich mich einfach gar nicht mehr vor, feierte die Nacht durch und das Seminar hätte nicht besser laufen können. Meine komparatistischen Ergüsse wurden mit zufriedenem Kopfnicken aufgenommen und dienten der weiteren Diskussion. Crazy shit, diese Zeit bei euch.

Und nun zur Linguistik. Ja, auch sie ist ein wichtiger Bestandteil. Denn immerhin hat die Romanistik erkannt: ohne Sprache keine Literatur. Ist eigentlich logisch, nur so fortschrittlich ist man bei der Komparatistik wohl noch nicht. Da beschränkt man sich lieber nur ganz oldschool auf eine Sache. Kein Ding, Multitasking kann nicht jeder. Warum also ist romanistische Sprachwissenschaft so wichtig? Naja, irgendwer muss den Leuten ja auf’s Maul schauen, weißt du. Und solange es Sprache gibt und Menschen, die miteinander interagieren, solange wird auch die Sprachwissenschaft nicht an Relevanz verlieren. Und die Romanistik ist ein sehr vielseitiges Gebiet aus sprachwissenschaftlicher Perspektive: allein Italien ist sozusagen ein Eldorado für Sprachwissenschaftler. Unzählige Dialekte, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Wusstest du, dass es in Apulien und Sizilien Sprachgemeinschaften gibt, die einen Dialekt sprechen, der dem Albanischen sehr ähnlich ist? Und was Istanbul betrifft, auch damit beschäftigen wir uns. Der Stadtteil Galata in Istanbul, der heute unter dem Namen Karaköy bekannt ist, war früher die größte italienische Handelskolonie (mit eigener Stadtmauer!). Zahlreiche Händler aus Genua, die mit dem Orient Handel betrieben, haben dort gelebt. Was hat das jetzt mit Sprache zu tun? Viel, denn Sprache entsteht durch Sprachkontakt und dieser Kontakt kam zu alten Zeiten oftmals durch Handel zustande. Noch heute werden im Italienischen Ausdrücke verwendet, die in genau dieser Zeit des Handels mit dem Orient entstanden sind.

So, nun aber genug mit der Klugscheißerei. Ich glaube, du siehst, dass man romanistische Sprach- und Literaturwissenschaft nicht so einfach herunterbrechen kann. Denn schaut man mal genauer hin, reicht das ganze noch viel weiter als angenommen. Und wozu eigentlich dieses Kräftemessen hier?
Wir sollten uns gegenseitig stärken und zusammenhalten, damit wir gegen diese frustrierten BWLer und Juristen da draußen ankämpfen können, die uns ständig einreden wollen, dass wir nutzlos sind, aber selbst ihre erste „wissenschaftliche“ Arbeit erst im 6. Semester schreiben (nämlich die Bachelorarbeit) und keinen anständigen Satz auf die Reihe bekommen. Ich sag euch was: Abgerechnet wird am Ende! Und bis dahin machen wir, liebe Komparatistin, einfach das, was uns Spaß bereitet und haben eine schöne Studienzeit.

Deine Romanistin.

 

Illustration: Teresa Frank

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.