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Wenn alle Hoffnung schwindet

 „Glaube Liebe Hoffnung“ geht unter die Haut

 

Eine junge Frau mit Schulden braucht dringend Geld. Wie kann man Abhilfe schaffen? Klar, indem man seine Leiche verkauft. Diesen Plan hat zumindest die junge Elisabeth, als sie das anatomische Institut aufsucht, um dort bereits jetzt Geld für ihren späteren Leichnam zu kassieren, damit dieser für wissenschaftliche Zwecke genutzt werden kann. Elisabeth, hier wunderbar in Szene gesetzt von Valerie Pachner, benötigt für ihren neuen Job als Miederwaren-Vertreterin einen Wandergewerbeschein, den sie sich jedoch nicht leisten kann. Doch sie stellt sich trotzig ihren Hindernissen entgegen, mit dem starken Willen, ihre missliche Lage ins Gegenteil zu wenden.

Als das Institut ihr Angebot ablehnt, fasst sich der dortige
Präparator jedoch ein Herz und leiht ihr das nötige Geld. Dieser findet jedoch heraus, dass Elisabeth davon nicht den Wandergewerbeschein, sondern eine ihr auferlegte Strafe für das
Arbeiten ohne Gewerbeschein abbezahlte und zeigt sie an. Als Folge dessen muss Elisabeth nicht nur 14 Tage in Haft, zusätzlich geht auch ihre Beziehung zu Alfons Klostermeyer in die Brüche. Alfons ist Polizist und kann diese Umstände weder dulden, noch mit ihnen umgehen. Dass sie die Strafe nur bekam, weil sie ohne Wandergewerbeschein gearbeitet hatte, den sie sich ohne Arbeit wiederum nicht leisten kann,
interessiert niemanden. War sie anfangs noch wild entschlossen um ihre Existenz, um ihr Recht auf Glück zu kämpfen, verlässt Elisabeth am Ende alle Hoffnung. Von allen anderen
verurteilt und missbilligt begeht sie schließlich Selbstmord.

Valerie Pachner spielt in diesem Stück die Elisabeth so herausragend, dass dem Zuschauer zuweilen der Atem stockt. Sie sieht ein wenig verwahrlost aus, wenn ihr die strähnigen und
ungekämmten Haare ins Gesicht fallen. Vor dem nüchtern gehaltenen Bühnenbild wirkt sie in ihrem weißen Kleid geradezu zerbrechlich. Eine graue Betonwand ragt dort aus dem Hintergrund empor, nahe an den Bühnenrand gebaut, sodass das Geschehen noch näher am Publikum stattfindet. Darauf ist in Großbuchtstaben „HOPE“ gepinselt worden, die Hoffnung, mit der sich Elisabeth das gesamte Stück lang beschäftigt und die sie am Ende doch verliert.

„Das lasse ich mir auch von ihnen nicht nehmen, dass ich noch einmal Glück haben werde.“ -Elisabeth

 

© Thomas Dashuber Valerie Pachner (Elisabeth)

Verzweifelt fiebert man mit dem Schicksal der jungen Frau mit, sieht wie sie langsam die Kontrolle verliert, wie ihr alle Fäden aus der Hand gleiten und spürt, wie sie schließlich vor dem Nichts steht. Obwohl Elisabeth alles gab, vergeblich nach dem letzten Strohhalm greifen wollte, blieb ihr am Ende nichts. Niemand fühlte sich verantwortlich, niemand wollte ihr helfen. Und so scheint schließlich auch dem Zuschauer ihr Selbstmord die logische Schlussfolgerung zu sein.

Ödön von Horvath porträtiert in seinem „kleinen Totentanz in fünf Bildern“ von 1932 eine krisengeschüttelte, rücksichtslose Gesellschaft in Zeiten von Rezession und Arbeitslosigkeit. Voller Selbstsucht und geprägt vom Glauben an die Instanzen erstickt sie an ihrer eigenen Passivität. Ihre Verunsicherungen und Zwänge werden am tragischen Schicksal der jungen Frau Elisabeth beschrieben.

Regisseur David Bösch gelingt es mit diesem Stück eine äußerst realistische Situation auf der Bühne zu kreieren und zudem auch den Puls der Zeit zu treffen.

 

„Das sind lauter kleine Paragraphen, aber du bleibst hängen. Du weißt eigentlich gar nicht, was los war und schon ist es aus.“

 

Mit diesen Worten erfasst Maria, eine Bekannte, die Elisabeth vor dem Wohlfahrtsamt trifft, den Kern des Stücks. Was vor über 90 Jahren aktuell war, funktioniert auch heute noch, wie Bösch mit seiner Inszenierung beweisen konnte. Vor allem die Szene auf dem Wohlfahrtsamt, die für Elisabeth eher unglücklich endet, weil ihr die nötigen Formulare fehlen und sie die Anforderungen nicht erfüllen kann, macht das besonders wirksam. Von oben regnet es geradezu Formulare auf Elisabeth herab und wirre Stimmen dröhnen von überall her, die Elisabeth verurteilen und zurechtweisen.

Für den nötigen Pep sorgt die Musikuntermalung, die von melancholisch-ruhig bis provokant reicht. Besonders eindrucksvoll ist dabei der Auftritt der Irene Prantl, Elisabeths Chefin, die von Katharina Pichler mit einem

©Thomas Dashuber:v.l. Katharina Pichler (Irene Prantl), Valerie Pachner (Elisabeth)

sympathischen Dialekt verkörpert wird. Sie schmettert einen imposanten Werbesong ihres Miederwarengeschäfts, den Elisabeth eher schlecht als recht versucht zu imitieren.

Voller Mitgefühl kann man dem beschwerlichen Weg der Protagonistin folgen. Was bleibt, ist ein aufwühlendes Gefühl und Mitleid. Als Elisabeths Geist nach ihrem Tod auf einer Neonlampe über die Bühne schaukelt, den Blick in die Ferne gerichtet und dabei das Gefühl ausstrahlend, endlich frei zu sein, versteht man sie und kann nachvollziehen, wie sie sich gefühlt haben muss…

 

„Glaube Liebe Hoffnung“ ist noch bis Ende Februar im Residenztheater zu sehen. Studentenkarten sind nach Verfügbarkeit für 8 € erhältlich.

Amelie Bauer

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