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Der gesprächige Inder in der Pizzeria

München – Schickimicki und Bussi-Bussi?

 

Der Münchner Szene eilt ein gewisser Ruf voraus: Versnobt, arrogant und alles ist überteuert. Leider ist das sehr oft zutreffend, aber mein Artikel soll auch einen anderen Blick auf München ermöglichen und eine ungewöhnliche Seite zeigen, die auch mich überrascht hat.

München ist bekannt für viele noble Restaurants und Clubs. Aber es geht auch anders: Eher zufällig verschlug es mich mit einer Freundin in eine (sehr!) kleine Pizzeria in der Feilitzschstraße an der Münchner Freiheit. Mein Artikel soll kein Location-Check sein, denn es geht mir in erster Linie nicht um den Imbiss, sondern um den Pizzabäcker.

Nicht ahnend, was der Besuch mit sich bringen wird, betreten wir den Imbiss, betrachten die Aushänge mit den 53 verschiedenen Pizzavariationen (in 4 verschiedenen Größen: klein, mittel, groß und jumbo) und bestellen. Ich muss gestehen, dass der Imbiss sehr einfach ist und seine besten Tage schon hinter sich hat, aber doch seinen eigenen Charme ausstrahlt. Während wir auf unsere Pizzen warten, kommen wir mit dem sympathischen Mitarbeiter ins Gespräch. Die Konversation mit ihm ist wie eine interessante und witzige Geschichtsstunde.

Die Auswahl der preiswerten Pizzen musste festgehalten werden © Marina Schmidt

Seit einigen Jahren arbeitet der ältere, lebhafte Mann nur zur Mittagszeit für ein paar Stunden in der Pizzeria, um sich etwas Geld dazuzuverdienen, etwas zu tun zu haben und weil es ihm hier Spaß macht.
Auf die Frage, woher er denn eigentlich komme, antwortet er sehr ausführlich und begeistert: Er taucht in seine eigene Welt voller Erinnerungen und Bilder vergangener Zeiten ab und lässt uns daran teilhaben.

Ursprünglich kommt er aus Indien, aus Kaschmir, um genau zu sein.
In den 1960er Jahren zog es ihn von Indien nach München, denn er wollte hier studieren. Er brach sein Studium jedoch ab, verliebte sich und heiratete. Nebenbei jobbte er noch im Wirtshaus „Zur Brezn“ und fing vor vielen Jahren im „Drugstore“ – direkt neben der kleinen Pizzeria – an der Bar an. Er stammt aus einer höheren Kaste, erzählt er, bekanntlich gibt es in Indien das sogenannte Kastenwesen mit den vier bzw. fünf unterschiedlichen „Schichten“, in die man hineingeboren wird.

Aber seine Erzählungen gehen über sein Heimatland Indien weit hinaus. Er erzählt von Pakistan, den verschiedenen Religionen (Muslime, Christen, Hindus und wie deren Zusammenleben funktioniert oder auch nicht funktioniert), den Sprachen und von den Menschen. Lustige Geschichten und traurige Geschichten, genau die richtige Mischung, um seine beiden Gäste gut zu unterhalten.

Pizzabäcker in Action © Marina Schmidt

Die Pizzen (die übrigens sehr gut geschmeckt haben!) sind schon längst aufgegessen, aber ein Grund zum Gehen ist das trotzdem nicht.

Der Mann fängt ja schließlich gerade erst an. Alle zwei Jahre verbringt er einen Monat in seiner Heimat. In den Sommerferien reist er dort mit seiner Familie hin und sie wohnen im Haus neben seinem Cousin. Heiß sei es gewesen, erzählt er, aber sie haben ja zumindest eine Klimaanlage gehabt. Auf die Frage, ob man als Frau heutzutage nach Indien reisen kann, antwortet er, dass man dies schon machen könne, allerdings nur in Begleitung.
Und man muss wissen, wo man hindarf und wo nicht.

Aber nicht nur von Indien kann er Geschichten erzählen, sondern auch von seiner Zeit in München: Wie er an seine Jobs gekommen ist, was er für Chefs hatte, wie seine Kollegen ticken und was seine Freunde beruflich machen. Innerhalb kürzester Zeit wurden meine Freundin und ich umfassend und sehr unterhaltsam informiert.
Im Hintergrund läuft währenddessen die ganze Zeit die Musik vom Radiosender Energy. Zu den Geschichten des Mannes bilden die Charts einen krassen Kontrast, aber Justin Bieber und The Weeknd sind nur Störfaktoren. Ihnen schenken wir keine Beachtung, es gibt schließlich Interessanteres.

Werbeflyer mit Reimen, die er selbst drucken ließ © Marina Schmidt

Ob ich einen Artikel über ihn schreiben darf, wollte ich von ihm wissen. „Für die Pizzeria wird gar nicht aktiv Werbung gemacht“, antwortet er mir. „Vor einigen Jahren gab es schon mal eine Website, die sei aber gehackt worden und die herumliegenden, knallgelben Werbeflyer mit Sprüchen wie „Die beste Pizza, ist doch klar! Gibt’s an der Drugstore Pizzabar“ hab ich vor einigen Jahren selbst drucken lassen.“

„Es geht gar nicht um die Pizzeria, sondern um ihre Geschichten und Sie als Person“ versuche ich ihm zu erklären. „Jaja, natürlich darfst du über mich schreiben“, lautet seine Antwort. Bilder darf ich selbstverständlich auch

Außenansicht auf den kleinen Pizza-Imbiss © Marina Schmidt

machen. Man merkt ihm die Freude richtig an. Nicht nur darüber, dass er uns seine Geschichten erzählen durfte, sondern einfach eine allgemeine Lebensfreude, die er ausstrahlt. Während seines Monologs kommen oft andere Kunden in den Imbiss und geben Bestellungen auf. Eifrig schiebt er die Pizzen in den Ofen und rechnet ab, aber vom Erzählen kann ihn kein Kunde abhalten.

 

Letztendlich kann ich den Imbiss allen empfehlen, die an preiswerter und richtig guter Pizza sowie an sehr spannenden Geschichten und Lebensweisheiten interessiert sind.
So anders kann München nämlich sein: Multikulti, gegen den Mainstream, einfach und doch liebenswert.

 

Marina Schmidt

1 Kommentar

  1. Super Artikel. Gut geschrieben! Kompliment. Da muss ich mal hingehn.

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