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Vancouver, eh?

Ein Semester Regen, Midterm Assignments und
Tim Hortons

Ich stehe an einer Bushaltestelle, neben mir ein monströser roter Koffer, ein prall gefüllter Rucksack auf dem Rücken, Kameratasche in der Hand. Ich habe keine Ahnung, wo ich hin muss und laufe einfach mal los, den Koffer mal ziehend, mal vor mir her schiebend, nervös, aber mit einem erwartungsvollen Grinsen im Gesicht. Eine Stunde Busfahrt liegt hinter mir, von Downtown Vancouver bis nach Burnaby Mountain, wo der Hauptcampus der Simon Fraser University liegt, an der ich ein Semester studieren werde. Irgendwann bin ich endlich am Residence Office angekommen und nach einer Stunde Schlange stehen bekomme ich die Schlüssel für mein Zimmer im Shell House überreicht. Ich zerre den Koffer die Stufen im Treppenhaus hoch und sehe mich zufrieden in meinem neuen Zuhause um – hier lässt es sich definitiv aushalten.

Kursbücher und Küchenutensilien

Die erste Woche an der Uni ist prall gefüllt mit Aktivitäten, die im Rahmen der Residence Orientation durchgeführt werden. Im Mittelpunkt stehen vor allem zahlreiche Gelegenheiten, um neue Leute kennen zu lernen – ob beim gemeinsamen Essen in der Dining Hall, bei Spieleabenden, einer Open Mic Night oder bei der offiziellen Infoveranstaltung des International Office für die gut 160 Austauschstudenten. Das Highlight der Woche ist eine Fahrt zum Lynn Canyon, einem Park mit verschiedenen Seen, Hängebrücken, viel Wald und schönen Wanderwegen. Heimweh kommt hier garantiert nicht auf, viel zu viele Eindrücke prasseln auf einen ein, man lernt viel zu viele Namen und vergisst die Hälfte direkt wieder. Außerdem muss ich mir in der ersten Woche mehrere Bücher für meine Kurse beschaffen, decke mich bei Walmart mit den nötigen Küchenutensilien ein, und freue mich darauf, nach einer Woche Mensa-Essen endlich wieder selbst kochen zu können.

Nach der Einführungswoche beginnen auch endlich die Kurse – es fühlt sich an wie der allererste Schultag: Leicht verwirrt stolpere ich durch die verschiedenen Gebäude der Uni und wandle durch die zahlreichen Gänge auf der Suche nach dem richtigen Kursraum, kämpfe mit den Druckern in der Library und entdecke neue Orte zum Lernen und zur Nahrungsbeschaffung. Ich lerne meine neuen Profs und Mitstudenten kennen und merke ziemlich schnell, dass hier einiges gefordert wird: Die Gesamtnote für jeden meiner drei Kurse besteht oft aus fünf oder mehr Komponenten, welche meist mehrere Essays oder Hausarbeiten, ein oder zwei Klausuren und Präsentationen umfassen. Wie stressig das werden kann, merke ich vor allem in der Mitte und zum Ende des Semesters hin. Während ich an der LMU oft einen Monat oder länger Zeit für eine zehn bis zwölfseitige Hausarbeit hatte, schreibe ich hier drei innerhalb von drei Wochen.

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Auf dem Burnaby Campus der SFU

Pizzaparty im Wohnheim

Eine gesunde Balance zwischen Essays schreiben und Spaß haben ist gar nicht so leicht herzustellen. Aber es gibt zum Glück viele Beschäftigungsmöglichkeiten, sowohl auf dem Campus als auch abseits der Uni. Ein integraler Bestandteil des Campuslebens sind die Studentenwohnheime, die jeweils von mehreren studentischen Community Advisors betreut werden. Sie organisieren im Laufe des Semesters viele Aktivitäten, wie Abende zum gemeinsamen Lernen, Filme gucken, Pizza essen oder basteln, und sind generell immer als Ansprechpartner für alle Fragen und Probleme erreichbar. In den Gemeinschaftsküchen trifft man immer Leute zum Quatschen, im Keller kloppt man sich um die letzte freie Waschmaschine, auf dem Flur tauscht man sich über die letzte Klausur aus. Für mich bietet das Leben in einem klassischen Wohnheim eine willkommene Abwechslung zu meiner Zweier-WG in München – viele Austauschstudenten wohnen jedoch auch in den Townhouses, wo man sich zu viert eine kleine Wohnung teilt. Generell ist die Gemeinschaft auf dem Campus – vor allem aber auch in den Wohnheimen – kulturell sehr vielfältig. Die häufigste Frage, die vor allem am Anfang gestellt wurde: „So, where are you from?“ Da die SFU eine Commuter-Universität ist, leben vor allem Internationals in den Wohnheimen, was zu vielen interessanten und bereichernden Gesprächen führt.

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Herbstfarben auf dem Campus

Neben Residence bieten auch die zahlreichen Clubs gute Beschäftigungsmöglichkeiten, wenn man mal eine Pause von der Lernerei braucht. Ich wollte mal etwas komplett Neues ausprobieren und hab mich im ASL Club angemeldet, um die amerikanische Gebärdensprache (American Sign Language) zu lernen. Da die Treffen leider nur einmal im Monat stattfanden, konnte ich mir bisher nur merken wie man meinen Namen buchstabiert und sich nach dem Befinden des Gegenüber erkundigt, aber es war trotzdem eine ziemlich coole Erfahrung! Außerdem hab ich beim Studentenmagazin der SFU The Peak mitgeschrieben und fand es sehr interessant, einen Einblick in den Ablauf und die Struktur einer etwas größeren, studentischen Printpublikation zu bekommen.

Abseits vom Campus

Doch manchmal fällt einem die Decke am Campus auf den Kopf. Da die SFU auf einem kleinen Berg liegt, fühlt man sich ab und an doch ein wenig von der Außenwelt abgeschnitten. Vor allem an nebligen Tagen, an denen man kaum fünfzig Meter weit gucken kann und der ganze Berg von weißer Watte umhüllt zu sein scheint, sehnt man sich danach, den Campus zu verlassen. Wenn man sich mal überwunden hat, den einstündigen Bus nach Downtown zu nehmen, bietet Vancouver den perfekten Ausgleich zum Uni-Alltag. Falls es mal nicht regnet, kann man sich wunderbar im Stanley Park oder am Kitsiliano Beach vergnügen, durch Gastown schlendern oder sich den phänomenalen Ausblick vom Harbour Center oder dem Canada Place gönnen. Aber auch wenn es mal wieder aus Eimern gießt (der Oktober hat mit 28 Regentagen sämtliche Rekorde gebrochen), hat die Stadt viel zu bieten: Von Museen und Kunstgalerien über die zahlreichen Starbucks und Tim Hortons an jeder Ecke, die ein trockenes Plätzchen und warmen Kaffee versprechen, bis hin zum berühmten Vancouver Aquarium.

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Aussicht vom Harbour Center

Vancouver ist vor allem eines: vielseitig. Jede Ecke der Stadt hat etwas anderes zu bieten, die verschiedenen Stadtteile haben jeweils ihren eigenen Charme. Besonders gut gefiel mir bisher der Commercial Drive, bei den Locals schlicht als „The Drive“ bekannt. Abgesehen davon, dass hier angeblich die Lesben zu finden sind (während sich die männliche queere Community eher in der Davie Street aufhält), gibt es zahlreiche internationale Restaurants, gemütliche Cafés und kleine Läden, die einen leicht abgefuckten, aber sehr originellen Flair haben. Vancouver hat aber auch seine Schattenseiten: Vor allem im Bereich der East Hastings Street und Main Street werden gravierende Disparitäten innerhalb der Stadt sichtbar. Die Downtown Eastside hat wegen vieler Obdachloser, Drogenabhängiger und Prostituierter einen ziemlich schlechten Ruf. Vor allem die erschreckende Situation indigener Frauen, die in diesem Teil der Stadt leben, ist ein großes Thema unter Aktivisten.

Niemand ist perfekt – auch Kanada nicht

Obwohl sich mein Hauptfach Nordamerikastudien nennt, lag der Fokus meines Studiums bisher fast ausschließlich auf den Vereinigten Staaten, weshalb es umso interessanter war, nun auch die kanadische Geschichte, Politik und Kultur näher kennen zu lernen. Sämtliche Stereotype haben sich bestätigt: Kanadier sind wirklich wahnsinnig nett, entschuldigen sich ständig, sind besessen von Hockey, kaufen regelmäßig Donuts und billigen Kaffee bei Tim Hortons und nutzen jede Gelegenheit, um sich von den Amerikanern abzugrenzen. Vor allem in meinen Uni-Kursen wurde mein Bild von Kanada als einer friedlichen, multikulturellen und toleranten Nation jedoch etwas relativiert. Die wichtigste Schlussfolgerung, die ich nach diesem Semester ziehen kann, ist: Selbst Kanada ist nicht perfekt. In meinem Geschichtskurs habe ich zum Beispiel viel über die problematischen Beziehungen zwischen der Regierung und indigenen Völkern und über Rassismus und Ungerechtigkeiten gegenüber asiatischen Bevölkerungsgruppen gelernt.

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Seawall am Stanley Park

Generell kann ich – wie wahrscheinlich jeder, der schon mal ein Auslandssemester gemacht hat – sagen: Es lohnt sich ungemein. Ich habe akademisch über den amerikanischen Tellerrand meines Studiums blicken können, habe wahnsinnig viel über mich selbst gelernt, Freundschaften geschlossen, von denen ich glaube und hoffe, dass sie noch Jahrzehnte halten werden, und mich vor allem in diese wunderschöne, vielseitige Stadt verliebt. In einer Woche werde ich schweren Herzens meinen großen roten Koffer, prall gefüllt mit SFU-Pullis und kanadischen Flaggen, die Treppen meines Wohnheims wieder hinunterschleifen. Ich werde in einen Bus steigen und das (vorerst) letzte Mal durch Vancouver fahren, am Flughafen noch einen letzten Kaffee bei Timmies trinken, und Kanada erstmal wieder gegen die USA eintauschen. Aber wer einmal in Kanada war, kann gar nicht anders, als dieses einzigartige Land ins Herz zu schließen, deswegen werde ich auf jeden Fall wiederkommen.

Stephanie Berens

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