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All Eyes On: Short Eyes

Ein moralischer Konflikt, der sich auf kleinster Ebene in einem Gefängnis, besser noch in einem einzigen Raum, unter sieben Insassen abspielt, wird Sinnbild für ein globales und überzeitliches Gesellschaftsproblem: Wann ist Gewalt mit Gegengewalt zu rechtfertigen? Welche Regeln bestimmen das „richtige Handeln“?

Im HochX wird dieses Wochenende das US-amerikanische Gefängnisdrama „Short Eyes“ aus den Siebziger-Jahren aufgeführt. Verantwortlich dafür ist die Studiobühne des Instituts für Theaterwissenschaft an der LMU.
Auf dem „Floor“ sind zu Beginn sechs Männer inhaftiert, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Von kulturellen und religiösen Verschiedenheiten bis zu diversen emotionalen und psychischen Zuständen verbindet die Figuren erstmal nur eines: das Verbrechen, für das sie alle, ob Juan, Paco, Cupcakes oder Ice, einsitzen.

Die Situation wird zwar gelegentlich durch kleine Auseinandersetzungen unterbrochen, doch sie erfährt ihren Höhepunkt erst im Ankommen des siebten Mannes. Clark Davis wirkt erstmal wie ein wohl situierter Bürger mit perfektem Image: weiß, Familienvater, aus der amerikanischen „Working Class“. Doch angeklagt ist er nicht wegen eines Drogendeliktes oder eines Raubüberfalls, sondern wegen Kindesmissbrauch und Pädophilie.
Aufgrund dieser Art der Straftat eckt er konsequent an, er wird zum schwarzen Schaf in der immer homogener erscheinenden Gruppe junger Männer. Diese beginnen sich kollektiv gegen Davis zu verbünden, seine Tat sei unmenschlich und verachtenswert. Die Gruppe entwickelt eine eigene Dynamik, die sich aus ihrem eigenen Verständnis von Moral entwickelt. Schließlich folgt die Eskalation.

Gesellschaftliches Leben im Kleinen –

das Gefängnisdrama

Regisseurin Azeret Koua studiert Theaterwissenschaft an der LMU und ist durch Zufall auf das amerikanische Stück gestoßen. Es scheint nach dem großen Hype in den Siebzigern und Achtzigern in den USA und Teilen Europas irgendwie in Vergessenheit geraten zu sein. Doch in einer Zeit, in der unterschiedliche Werteverständnisse die Gesellschaft spalten, erscheint das Thema aktueller denn je und das nicht nur für Amerika: „Was das Stück universell, nicht nur in den USA, gültig macht, ist die Frage: Haben wir das Recht jemandem das Leben zu nehmen auf der Basis einer Beschuldigung?“ , sagt Azeret. Ein weiterer Aspekt, den die Regisseurin gerade auch in Bezug auf München herausgearbeitet hat, ist das „Aufeinandertreffen verschiedener ethnischer Gruppen“. Hier will sie das Münchner Publikum fordern: „Man hat oft den Hang zum Stereotypisieren und damit wird sich München auch ein bisschen sehen“.

"Short Eyes" Proben v.l. Jared Witbeck, Danjiel Szeredy, Daniel Mullings, Rodrigo Arredondo Parra, (c) Short Eyes

„Short Eyes“ Proben v.l. Jared Witbeck, Danjiel Szeredy, Daniel Mullings, Rodrigo Arredondo Parra, (c) Karina Garosa Designs

 Empathie mit einem Kinderschänder

Die Rollen setzen sich in „Short Eyes“ aus Häftlingen unterschiedlichster Herkunft und religiöser Identität zusammen. Auch im echten Leben spiegeln die Darsteller diese Vielfalt wieder. Ob aus London, Indien, New York oder Deutschland, die Schauspieler sind für „Short Eyes“ zusammengekommen.
Der Theaterwissenschaftsstudent Lukas Illig spielt den pädophilen Clark Davis. Er beschreibt, dass sie als Gruppe überhaupt nicht lange gebraucht haben, um miteinander warm zu werden. Zur Vorbereitung auf die Rollenarbeit haben sie gemeinsam und individuell gearbeitet, erstmal besprochen, wie ein Gefängnis in den USA eigentlich aufgebaut ist und welche Strafe, im Fall seiner Rolle, auf einen Kinderschänder zukommt. In seiner Rollenarbeit hat er dann viel zum Thema Pädophilie recherchiert. Ein Tabuthema, das sich hinter vermeintlich harmlosen Wänden abspielt und von der Gesellschaft als nicht nachvollziehbar und schlimm empfunden wird.
In diesem Zusammenhang sieht Lukas eine Chance in „Short Eyes“. Man sollte nicht zu schnell und zu reaktionär handeln oder sich sofort ein Urteil bilden. „Short Eyes“ lässt zu, dass man mit mitfühlt. Bei jedem einzelnen Inhaftierten „und das vielleicht sogar ein bisschen verstehen kann“.

"Short Eyes" Proben v.l. Makrand Mujumdar, Jared Witbeck, Amedeo Gonnella, Danjiel Szeredy, Daniel Mullings, Ben P. Reynolds, (c) Short Eyes

„Short Eyes“ Proben v.l. Makrand Mujumdar, Jared Witbeck, Amedeo Gonnella, Danjiel Szeredy, Daniel Mullings, Ben P. Reynolds, (c) Karina Garosa Designs

Das Stück entwickelt in Azeret Kouas Inszenierung eine eigene Dynamik. Als Zuschauer steckt man schnell tiefer als gewollt im Konflikt mit der eigenen Moral. Die Angst, etwas „Falsches“ zu fühlen, Empathie für einen Straftäter zuzulassen, überkommt einen. Die Schauspieler sind wach, spielen die Sequenzen mit einer zerreißenden Spannung, die den Zuschauer einfängt. Schnell ist man mitten drin im Rauschzustand und kann ihm nicht mehr entkommen, dem Albtraum „Short Eyes“.

Miriam Fendt

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