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Gewalt und Gloria im isländischen Staatszerfall

I Ein Schrei nach Gewalt

Jede Hyperbel nährt die hoffnungsvolle Erwartung aller Akteure auf eine Katharsis. Ein Zustand, der, angebahnt durch das erregende Moment, nur durch Gewalt erreicht werden kann. Als probate Mittel dafür biedern sich Totschläge, Morde und Exzesse unterschiedlichster Art an. Gewalt als Weg zur Wiederherstellung der heiß ersehnten Harmonie? Zumindest in der Literatur ein Ausweg, erlaubt doch nur die ultimative Zerstörung einen wahren Neuanfang.

Im Island des 13. und 14. Jahrhunderts ist die Sehnsucht nach einer solchen Katharsis groß: Das Land wird gepeinigt durch Machtkämpfe zahlreicher Sitten und Clans während bereits die drohende Hegemonie Norwegens heraufzieht. Vor diesem Hintergrund entstehen literarische Meisterwerke von Weltruhm, die auch heute noch, nach mehr als sieben Jahrhunderten, Beachtung und Bewunderer finden. Sie behandeln das entbehrungsreiche Alltagsleben der Menschen auf einer lebensfeindlichen Insel aus Feuer und Eis. Stets ist man dabei dem gesellschaftlichen Ansehen unterworfen, das es selbst wert ist, dafür zu töten und zu sterben. Es ließe sich sicherlich noch einiges mehr über Islands einzigartige Sagaliteratur schreiben, doch die liebevolle Paraphrase „Bauern prügeln sich“ erfasst den Grundton dieser Prosatexte wohl am besten.

II Der Söhne Verlust und ein Mordbrand

Am Anfang stehen die Isländersagas. Sie berichten von den ersten Jahren der Besiedelung Islands, der Landnahmezeit zwischen 870 und 930. Historisch korrekt sind sie freilich nie gewesen, selbst wenn ihnen zum Teil historische Begebenheiten zugrunde gelegt werden können. Interessanter ist die Mentalität, die sie ausdrücken: Die Sehnsucht nach einer gemeinsamen Identität. Letztlich scheitert das isländische Experiment, einen eigenen, neuen Staat zu schaffen, doch der Weg hin zu diesem Scheitern ist in jedem Fall spannend zu verfolgen.

Es gäbe viele Sagas, auf die hier näher eingegangen werden könnte, und die es wert wären. Zu den meist gelesenen und verehrten gehören zweifelsohne die Egils saga Skallagrímssonar und die Brennu Njáls saga. Erstere widmet sich dem Leben einer historisch belegten Gestalt, die zu den beliebtesten und düstersten des Sagauniversums zählt: Egill Skallagrímsson. Der Mann, der von einem Werwolf abstammen soll, zeigt bereits früh herausragendes Talent sowohl als Skalde als auch als Mörder und Totschläger; so wird ihm nachgesagt, bereits als Kind einen anderen Jungen wegen eines verlorenen Spiels erschlagen zu haben. Egils Natur bringt ihn schließlich sogar in Konflikt mit dem norwegischen König, als er gekränkt einen seiner Untergebenen erschlägt. Letztlich ist es seine dichterische Begabung, die ihm das Leben rettet; mit einem Preisgedicht auf den Herrscher gelingt es ihm, Abbitte zu leisten. Auf Island geht Egils Erzählung weiter. Verstrickt in Kämpfe um Besitz und Einfluss verliert er nach und nach alle seine Söhne. Dies bereitet die Bühne für eine der menschlichsten und tragischsten Darstellungen innerhalb der Isländersagas, als der trauernde und lebensunwillige Egill im Gedenken an die verlorenen Kinder das Gedicht „Der Söhne Verlust“ verfasst, welches ihn schließlich vor sich selbst rettet. Egill – ein Zerrissener zwischen Mord und Poesie?

Deutlich gewaltiger ist die Brennu Njáls saga. Mit ungefähr 700 Akteuren gehört sie zu den detailliertesten Sagas. Sie berichtet von einer unglücklichen Ehe, die über Generationen hinweg Unruhe stiftet. Selbst den großen Helden dieser Erzählung, Gunnarr, dem besten aller Kämpfer, und Njáll, dem weisesten aller Isländer, gelingt es nicht, den unheilvollen Verlauf der Ereignisse aufzuhalten, und so werden sie schließlich von ihnen überrollt. Alle Versuche, das politische System des Landes zu reformieren, um so die ständigen Fehden zu beenden, scheitern: Die Annahme des Christentums wie auch die Einführung des 5. Gerichts bleiben wirkungslos. Zuerst wird Gunnarr in seinem Haus von einer Übermacht ermordet, dann stirbt Njáll mit seinen Söhnen im schändlichen Mordbrand. Einzig Kári überlebt und räumt als unerbittlicher Rächer die Mehrzahl der Mordbrenner aus dem Weg. Höhepunkt dieser Aktionen ist wohl die Schlacht auf dem Allthing, das als höchstes Gericht und Parlament eigentlich friedliche Lösungen bieten soll. Schließlich kommt es doch noch zum Frieden, doch da ist das isländische System im Grunde genommen bereits gescheitert: Die mutmaßliche Vision Njáls und Gunnars ist gescheitert, die politische Abhängigkeit von Norwegen steht kurz bevor. An der verlorenen Einheit ist letztendlich die Freiheit zerbrochen.

III Fafnir und das Gold der Riesen

Späteren Texten fehlt häufig dieser Tiefgang, während sie zugleich in vielen Fällen literarisch geschickter gestaltet sind. Anders als viele frühere Sagas wurden diese mutmaßlich nicht mündlich tradiert, bevor sie niedergeschrieben wurden, vielmehr stammen sie in einigen Fällen von individuellen Verfassern. Ihre Handlung findet meist lange vor der Besiedelung Islands statt, sie berichten von langen Reisen und heroischen Kämpfen mit Ungeheuern wie Drachen und Riesen. Aus dieser großen, sehr heterogenen Gruppe sticht eine Saga besonders hervor: Die Völsunga saga. Sie könnte als altnordische Prosa-Version des Nibelungenlieds gesehen werden. Im Zentrum der Ereignisse steht das Geschlecht der Völsungen: Nach der Vertreibung durch den Stammvater Odin werden sie wiederholt in Kämpfe mit anderen Fürsten verstrickt. Mehrmals steht das Geschlecht kurz vor der Auslöschung, doch jedes Mal erhebt es sich von Neuem. Psychopathen, Kindsmörder und Inzestbeziehungen dürfen in dieser Geschichte nicht fehlen, das Schicksal der „Helden“ ist es stets, ermordet zu werden oder in der Schlacht zu sterben, schließlich entspricht ein Tod durch Altersschwäche nicht dem gängigen Heldenideal. In Isländersagas wäre dies noch möglich gewesen.

Im Fokus dieser Erzählung steht unzweifelhaft Sigurd: Aufgestachelt durch den hinterlistigen Zwerg Reginn erschlägt er dessen Bruder, den Drachen Fafnir. In Folge dessen besteht der heldenhafte Kriegeraristokrat noch zahlreiche Abenteuer, bis er schließlich auf Betreiben seiner ehemaligen Geliebten Brynhild ermordet wird. Bis zum endgültigen Erlöschen des Völsungen-Geschlechts müssen allerdings noch einige andere Charaktere ihr Leben lassen, größtenteils auf sehr unschöne Weise an König Atlis Hof. Hier ließe sich erneut die Frage nach dem Themenwechsel der altnordischen Sagaliteratur stellen, nach der Abkehr von gesellschaftskritischer Literatur hin zu Fabeln und Märchen. War den Isländern ihre kleine Insel mit ihrem enervierend aussichtslosen Alltagsleben zu klein geworden?

IV Der Wolf, die Schlange und der Untergang der Welt

Es erscheint passend, einen Artikel über altisländische Literatur und Mentalität mit dem Weltuntergang, der Ragnarök, enden zu lassen. Ihre Beschreibung lässt sich detailliert im Codex Regius der Lieder-Edda und der Snorra-Edda nachlesen. Bei der Textgattung handelt es sich in diesen Fällen nicht um Sagas. Es ist zu erwähnen, dass beide Eddas erst in christlicher Zeit niedergeschrieben wurden, als Island bereits seit beinahe vier Jahrhunderten ein christliches Land war. Sie als „Bibel der Vikinger“ zu bezeichnen, verbittet sich also ohne Frage.

Hier wird in großem Rahmen durch eine Seherin bzw. den Göttervater Odin selbst die gesamte Geschichte der Welt, der Vergangenheit und Zukunft, verkündet. Es wird berichtet, dass die Asen, das herrschende Göttergeschlecht, sich aus allzu menschlichen Beweggründen immer mehr Schuld aufladen: Sie sind geizig, jähzornig, eitel und gierig, und allen voran Thor wird als besonders martialisch und cholerisch beschrieben. So schaffen sie sich viele ihrer Gegner selbst, bis schließlich die Bühne für das letzte Gefecht bereitet ist. Dann reißt sich der furchtbare Fenris-Wolf von seinen Fesseln los, der Odin verschlingen wird, und die Midgardschlange, deren Körper die ganze Welt umspannt, kriecht an Land. Die Muspellssöhne aus ihrer Welt aus Feuer reiten heran und Loki befreit sich aus seinem Gefängnis. In dieser letzten Schlacht wird die gesamte Welt verheert und alle Menschen kommen dabei um.

Doch am Ende aller Zerstörung, nach der Vernichtung der Asen und ihrer Feinde, entsteht die Welt aufs Neue: Unbefleckt und rein. Balder, der gute Gott, kehrt zurück, und auch Menschen werden Midgard wieder bewohnen. Alle Schulden sind getilgt, alle Untaten vergolten, der Weg für eine neue Zukunft ist frei.

V Conclusio

Zusammengenommen zeigen Sagas und Eddas ein geschlossenes Weltbild: Höchstes Gut darin ist die Harmonie, doch ist sie nur zu leicht verloren. Individuen laden größte Schuld auf sich, wenn sie sich an ihr vergehen, und als einziges Mittel zur Wiederherstellung tritt die allumfassende Zerstörung und Verwüstung der bestehenden Welt auf; nur Gewalt kann Gewalt sühnen. Doch war es gerade dieser unheilvolle Gedanke, der das mittelalterliche Island in einen regelrechten Bürgerkrieg stürzte, welcher in der politischen Unfreiheit endete.

Sebastian Schindlbeck

 

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