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Kinotipp: Die letzte Sau

Rebellion, Witz und Anarchie

Wunderschöne Landschaftsaufnahmen einer schwäbischen Idylle – Cut und die Kamera zeigt den schlafenden Kleinbauern Huber in der Totale. Der Wecker klingelt, Huber bewegt sich, das Bett kracht zusammen: „Scheißdreck“. Schon die humorvolle Mischung von genialen Aufnahmen des schönen Schwabenländles und derber Bauernmundart der Darsteller zu Beginn macht die Geschichte zu einem anarchischen Märchen.

Der Regisseur Aron Lehmann erzählt in „Die letzte Sau“ das Schicksal des Kleinbauern „Huaba“ (Golo Euler), der als gestandener, fleißiger und ehrlicher Landwirt langsam pleite geht. Schmerzlich wird ihm bewusst, dass sein Hof gegenüber den Agrarfabriken nicht mehr konkurrenzfähig ist und dass er als Kleiner am Markt nicht mehr mit den Großen mithalten kann.

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Huber (Golo Euler) und Birgit (Rosalie Thomass) auf dem Huberhof © drei-freunde Filmverleih 2016 / Fotograf: Andreas Steffan

„Schlimmer kos nemme wera“ – Metzger Willi

Auch der lokale Metzger Willi (Heinz-Josef Braun) ist verzweifelt. Ungeschönt und detailgenau wird die Schlachtung einer Sau gezeigt, drei schafft der Willi am Tag, um den Tieren zumindest noch eine würdevolle und sanfte Tötung zu ermöglichen. Dies war wohl seine Letzte, denn er ist bankrott. „Schlimmer kos nemme wera“, sagt er zum Huber.
Doch schlimmer kann es immer kommen. Als Hubers große Liebe Birgit (Rosalie Thomass) wegzieht, um den neuen Agrarriesen ihres Vaters in Ostdeutschland zu übernehmen, steht er nach einem urkomischen und absurden Meteoriteneinschlag zu allem Übel auch noch ohne Hof und Anwesen da. Das Einzige, das ihm geblieben ist, ist eine letzte Sau, die sich stets geweigert hat, den Anderen in den Stall zu folgen.

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Huber (Golo Euler) und seine letzte Sau © drei-freunde Filmverleih 2016 / Fotograf: Andreas Steffan

Zusammen mit seiner Sau macht sich Huber auf die Reise, wird zum Rebellen, zum Gesetzlosen. Und so entstehen grandiose Aufnahmen wie das skurrile Bild der beiden – Huber in traditioneller Tracht und mit Kriegsbemalung, neben ihm die Sau – auf ihrem Mofa bei Dämmerung, an hohen Getreidefeldern und grünen Bäumen vorbeiziehend.

„Fortschritt und Gier bestimmen die Welt“ – Director’s Note

Im „Nördlinger Ries“, seiner Heimat, drehte Aron Lehmann 2011 seinen ersten Langfilm „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“, der zahlreiche Preise gewann. Nach seiner Komödie „Highway to Hellas“ mit Christoph Maria Herbst in der Hauptrolle, die 2015 in die Kinos kam, kehrt er nun zu seinen Wurzeln zurück und lässt die Don Quijote-Geschichte erneut im heimeligen, bayerischen Schwaben spielen.

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Huber (Golo Euler) und Imker Meier (Thorsten Merten) am Lagerfeuer © drei-freunde Filmverleih 2016 / Fotograf: Andreas Steffan

Mit künstlerisch umgesetzten, absurden Szenarien und schwarzem Humor will der junge Regisseur ein gebildetes Publikum ansprechen. Der Film regt zum Nachdenken an: über Massentierhaltung, Freiheit und Unabhängigkeit, unsere Konsumgesellschaft.

Zugleich schafft er es gekonnt, uns zum Lachen, Weinen und Staunen zu bringen. Die oft lustigen, aber in ihrer Verzweiflung auch zynischen Weggefährten, die Huber auf seinem Roadtrip trifft, vermitteln keine einfache Lösung für die Probleme unserer kapitalistischen Gesellschaft, berühren aber durch ihr leidenschaftliches und mutiges Einstehen für Freiheit, Widerstand und Unabhängigkeit.
Huber erregt Aufsehen mit seinen an den Wilden Westen erinnernden Methoden, die den Großbauern einen Schrecken einjagen, und so wird er ungewollt die Leitfigur einer Revolutionsbewegung. Doch auch diese extreme Kehrtwende seines Schicksals kann nicht die Lösung sein, wie der Film klar macht.

Huber (Golo Euler) bedroht Schweinezüchter Theissen (Heiko Pinkowski) © drei-freunde Filmverleih 2016 / Fotograf: Andreas Steffan

Huber (Golo Euler) bedroht Schweinezüchter Theissen (Heiko Pinkowski)
© drei-freunde Filmverleih 2016 / Fotograf: Andreas Steffan

Kleinbauer Huber und seine letzte Sau rufen zum Widerstand auf, doch zuallererst meint dieser einen Appell an den gesunden Menschenverstand. „Wir jammern, dass der Lieblingsmetzger schließt und kaufen die Salami an drei von vier Tagen im Discounter“ – weil es so nicht weitergehen kann, wollen die Macher von „Die letzte Sau“ nicht mit intellektuellem Gedöns daher kommen, sondern mit Emotionalität, Humor und eindrucksvollen Bildern Menschen erreichen.

Ein selten erfrischender, komischer und tiefgründiger Film, in dem Golo Euler als wortkarge, stilecht schwäbelnde Hauptfigur überzeugt.
Wer jetzt neugierig geworden ist, sollte sich unbedingt ab dem 29. September 2016 auf ins Kino machen, denn „wia a Würschtle schmeckt, woisch halt erscht, wennd nei beisch“!

Daya Sieber

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