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Don’t Blame It On Social Media

Blame It On Yourself

Trend ist Social Media, Selbstdarstellung, Perfektion. Und Trend ist es, daran herumzumeckern. Hasstiraden und bodenlose Kritik. Sich aufzulehnen, zu rufen: Stop! Das hier ist doch alles gar nicht mehr echt. Was schon lange unter der Oberfläche brodelte, dürfte spätestens seit dem Aufsehen um 19-jährigen Ex-Social-Media-Star Essena O’Neill klar sein – ihr Ausstieg aus dem Social Media-Universum sorgte weltweit für mehr als genug Gesprächsstoff. Während Instagram, Youtube und Co. nicht nur zu ihrem Job wurden, sondern irgendwann ihr gesamtes Leben beanspruchten, welches sich letztendlich nur noch um die Jagd nach dem perfekten Foto drehte, hört man nun immer häufigere Aufschreie aus der Gesellschaft: Das ist doch alles Fake!

Social Media ist längst fester Bestandteil unseres Alltags geworden - doch wie gut tut uns das wirklich?

Social Media ist längst fester Bestandteil unseres Alltags geworden – doch wie gut tut uns das wirklich?

In Nachbars Garten wächst das Gras viel grüner

Perfekte Körper räkeln sich an weißen Sandstränden, Designertaschen in Hülle und Fülle und Traumessen wie vom Sternekoch so weit das Auge reicht. Das ist es, was uns auf Social Media-Kanälen wie Instagram tagtäglich auf dem Silbertablett serviert wird. Was für den ein oder anderen vielleicht völlig abwegig klingen mag, ist Realität: Social Media kann heutzutage ein Vollzeitjob sein. Und dabei gilt es nun mal, „perfekte“ Bilder zu posten und das tagtäglich, die Konsumenten mit dem zu füttern, wonach sie sich die Finger lecken. Und das sind eben schöne Fotos. Und zwar das, was die breite Masse für „schön“ hält. Weiß und glatt und makellos. Aber dabei dürfte es doch wohl klar sein, dass das Essen von Bloggerin XY nach einem ausgiebigen Fotoshooting vielleicht bereits kalt und ihr perfekt definierter Körper längst nicht angeboren ist. Dass der halbe Kleiderschrank und die mächtige Kosmetik-Sammlung wohl gesponsert und der verführerische Augenaufschlag wahrscheinlich mehr vom wöchentlichen Besuch eines Kosmetikstudios herrührt, als von Mutter Natur geschenkt ist. Und das ist okay. Das ist ihr Job. Werbung, nur hautnah. Scheinbar ganz normale Mädchen und Jungs, wie du und ich, greifbarer als jede TV-Werbung, näher als die großen Hollywoodstars – könnte es denn attraktivere Werbeflächen geben? Wahrscheinlich nicht. Und genau das ist das Problem. Die Gefahr. Das, was den ein oder anderen zur Selbstreflektion führen mag. Denjenigen, der ja sowieso schon nicht so selbstsicher ist. Vergleichen, resümieren und feststellen – das alles, das hab ich ja gar nicht! Und dann die darauf folgende Unzufriedenheit, das Ringen mit sich selbst, die ständige Jagd nach Selbstoptimierung. Das kleine Social Media-Teufelchen auf der Schulter.

Und wo es Probleme gibt, gilt es den Schuldigen auszumachen: Es ist doch so schrecklich einfach, Instagram und Co. die Schuld an all dem in die Schuhe zu schieben! Die Schuld an spindeldürren Mädchen, die stolz auf die Monsterlücke zwischen ihren Beinen sind, an ständigem Vergleichen und Selbstzweifeln, an Fake-Wimpern, Fake-Haaren, Fake-Nägeln – kurzum, an einer kaputten Gesellschaft ohne Individualität, ohne Echtheit, so die Kritiker.

Und all das zu kritisieren ist es, worauf man sich versteift. Diese fiesen Social Media-Kanäle, die aber auch wirklich ganz allein unsere komplette Gesellschaft zerstören. Aber das ist doch Quatsch! Und eine verdammt sture, einseitige Betrachtung des Ganzen. Dass das, was Spaß machen soll, nun Schweißperlen und Selbstzweifel statt freudvolles Teilen bewirken, hat nichts mit dem Social Media-Teufelchen zu tun.

Instagram

Aber wer ist denn jetzt Schuld an dem ganzen Dilemma?

Der Teufel sind wir

Wir müssen uns bewusst sein, dass hinter der vermeintlich rosaroten, makellosen Schaufensterwelt harte Arbeit steckt. Trainings- und Ernährungspläne, vielleicht hunderte Selfies, bis das richtige dabei ist, die Frühstückspancakes, die natürlich nicht wie durch Zauberhand perfekt neben der hübschen Blumenvase und der neusten InStyle-Ausgabe gelandet sind. Was wir sehen ist längst nicht der glatte, makellose Alltag des Instagramers. Was wir sehen ist lediglich ein Ausschnitt davon. Und zwar der Ausschnitt, den der User teilen möchte. Und das ist sein gutes Recht! So viel Selbstbestimmung ist doch wohl noch drin! Das sollte es. Und zwar ohne gleich mit bodenloser Kritik und Meinungsmache bombardiert zu werden.

Nur tun wir eines viel zu selten: Hinter die Fassade blicken

Nicht blind zu fressen, was wir sehen. Uns klar zu machen, dass auch ein Instagram-Star mal mit Magendarm und den abgegammeltsten Jogginghosen im ungemachten Bett bleibt. Mit Bad-Hair-Days kämpft und auch mal einen dicken Pickel hat, den er für die Kamera aber lieber sorgfältig abdeckt. Und sicherheitshalber vor dem Posten nochmal nachretuschiert. Dass er streitet. Zweifelt. Weint. Und mal ehrlich: Den Schmutzwäschehaufen in der Ecke und das dreckige Geschirr, das sich seit Tagen neben der Spüle stapelt, will doch auch wirklich niemand sehen. Auch unser Instagramidol ist eben ein stinknormaler Mensch – er versteht es nur, die Ästhetik im Detail zu finden. In den kleinen Dingen. Schüsselchen so zurecht zu rücken, dass es fast einem kleinen Kunstwerk gleicht. Inspiration liefern. Und vielleicht auch recht geübt darin ist, tiefe Augenringe und weiße Fussel auf dem dunklen Camisole wegzubearbeiten. Das, was wir sehen, ist meist sein Job. Durchdachte Arbeit.

iPhone

Instagram & Co. können so viel mehr, als nur Perfektion vorzugaukeln – nämlich schöne Momente und Dinge, die uns am Herzen liegen, mit der Welt teilen.

Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein, bitte!

Das ist so wichtig. Für uns. Denn nur, weil uns auf Instagram scheinbar die Illusion eines perfekten Lebens verkauft wird, heißt das doch längst nicht, dass das unsere minder gut ist. Wir brauchen nicht das neuste Macbook-Modell und regelmäßige Strandurlaube wie aus dem Bilderbuch, um glücklich zu sein. Zufrieden. Mit uns. Und wenn Essena unglücklich mit all dem war, ist es wohl ihr gutes Recht, dieser Welt den Rücken zu kehren. Aber das muss doch längst keine Kettenreaktion sein. Für sie wurde das Social Media-Universum zum Job, und dann irgendwann ihr ganzes Leben zu einer einzigen Fälschung, keine Trennung mehr zwischen Realität und virtuellem Leben – aber damit doch nicht automatisch für jeden von uns! Die Entscheidung, ob und wie man Social Media nutzen möchte, soll doch bitte jedem selbst überlassen bleiben. Und wenn das nächste hübsche Mädchen ein neues Selfie hochlädt und dafür Likes über Likes erntet, wollen wir uns doch lieber denken: „You go, girl!“, anstatt in ein tiefes Loch aus Selbstzweifeln zu verfallen. Weniger Fingerzeigen, weniger Neid. Mehr positive Vibes. Selbstbewusster sein. Und uns bewusst machen: Das alles ist nur ein Ausschnitt. Nicht unbedingt Fake – aber eben auch nicht die ganze Wahrheit. Denn es ist längst nicht alles Gold was glänzt.

Joana Brandstetter

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