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Kodaline: „Die besten Songs kommen spontan“

Kodaline-Gitarrist Mark Prendergast im Interview

Ich stehe vor der Konzerthalle, in der Kodaline an diesem Abend spielen werden, und warte auf meinen Interviewtermin. Es ist zwei Uhr nachmittags und bereits jetzt haben sich ein paar aufgeregte Teenager vor dem Eingang versammelt, um sich einen Platz in der ersten Reihe zu sichern. Kein Zweifel, die Dubliner Indie-Band hat in den letzten Monaten einen rasanten Aufstieg hingelegt. In Großbritannien und Irland stürmen sie bereits seit 2013 die Spitzen der Charts. Spätestens seitdem sie mit ihrem Song „High Hopes“ zum Soundtrack für den Kinohit „Fack ju Göthe“ beitrugen, zählt die irische Band auch in Deutschland zu den vielversprechendsten Newcomern. Ihre aktuelle Tournee ist fast restlos ausverkauft.

Bei all dem Trubel ist Gitarrist Mark Prendergast erfrischend bodenständig geblieben. Bevor wir mit dem Interview beginnen, bietet er mir erst einmal ein Getränk an und wir plaudern entspannt. So entspannt, dass ich ihm vielleicht ein bisschen zu viel über die Geburtstagsfeier meiner Mutter und meines Onkels erzähle. Das scheint er mir aber nicht übel zu nehmen, denn er beantwortet meine Fragen äußerst bereitwillig.

Ihr seid zurzeit auf Europa-Tour. Wie war die Tour bis jetzt? 

Mark: Wunderbar! So ziemlich alle Shows waren ausverkauft, das macht es für uns viel leichter. Man weiß, dass es ein guter Abend wird, wenn die Halle voll ist. Das ist jetzt unsere zweite Tour in Deutschland innerhalb eines Jahres und auch die Hallen sind größer geworden und wir spielen in mehr Städten. Seit gestern sind auch unsere Freunde All Tvvins, eine Band aus unserer Heimatstadt Dublin, mit uns auf Tour. Das ist wie ein Roadtrip mit Freunden durch Europa, und dabei machen wir noch Musik. Zurzeit sind wir zwar gesundheitlich etwas angeschlagen, aber wenn wir dann auf die Bühne kommen, ist das vergessen. Das Publikum gestern in München war einfach der Wahnsinn! Die Leute haben zu jedem Song mitgesungen, das war einfach cool!

Was gefällt dir am besten daran, auf Tour zu sein?

Ich mag es, neue Leute kennen zu lernen und neue Sachen zu sehen. Unterschiedliche Sprachen zu hören. Gestern in München haben wir das Stadtzentrum besucht, das war wirklich schön. Normalerweise bezahlt man für Flug und Hotel, wenn man irgendwohin verreist. Wir hingegen haben auf Tour den Luxus, unsere Arbeit erst am späten Nachmittag zu beginnen. Bis dahin haben wir Zeit, uns die Städte anzusehen.

Ihr habt ja schon in vielen verschiedenen Ländern gespielt. Ist das Publikum von Land zu Land unterschiedlich?

Auf jeden Fall! In Europa ist das Publikum viel lebhafter. Sie jubeln, bevor wir auf die Bühne kommen und wir hören das backstage. Dann freuen wir uns noch mehr auf den Gig. In manchen Teilen Amerikas ist das Publikum eher reservierter und leiser. Im Mittleren Westen, nicht New York oder L.A.. Ich ziehe es vor, durch Europa zu touren, weil man jeden Tag in einem anderen Land ist. Die Kultur ändert sich ständig, während in Amerika einfach jeder amerikanisch ist – was natürlich auch cool ist! Aber Europa ziehe ich irgendwie vor.

Was war das peinlichste Erlebnis, das du während eines Auftritts hattest?

Das war vor zwei Tagen, ich wollte gerade ins Mikrofon singen, da saß ein riesiges Insekt darauf. Ein seltsames Ding mit riesigen Flügeln. Ich hab mich total erschrocken. Und dann flog das Ding einfach davon. Das Publikum hat das Insekt natürlich nicht gesehen. Die haben nur mich gesehen, wie ich vor Entsetzen zurückgewichen bin und komische Bewegungen gemacht habe. Jetzt checke ich immer mein Mikrofon bevor ich singe, ob da auch kein Insekt drauf ist. Das war echt seltsam!

Backstage mit Gitarrist Mark Prendergast und Bassist Jason Boland (c) Katja Reinhardt

Backstage mit Gitarrist Mark Prendergast und Bassist Jason Boland (c) Katja Reinhardt

Ihr seid ja in den letzten Jahren wirklich bekannt geworden. Eure Musik wurde in erfolgreichen Serien wie „The Vampire Diaries“ oder „Grey’s Anatomy“ gefeatured, und auch im deutschen Film „Fack ju Göhte“.

Ja, „High Hopes“, das hab ich mitbekommen!

Was ist das für ein Gefühl, einen Film oder eine Serie zu sehen und seinen eigenen Song zu hören?

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man den eigenen Song im Fernsehen hört. Man sitzt zu Hause, sieht fern und der eigene Song kommt bei einem Werbespot oder ähnlichem. Das erwartet man nicht. Aber es ist auch sehr hilfreich für die Band. Wir arbeiten sehr hart, verwenden viel Zeit darauf, Songs zu schreiben, sind die ganze Zeit unterwegs. Aber wenn eine TV-Show unseren Song verwendet, erreicht der sofort Millionen von Leuten, einfach so. Wir werden nicht in jedem Land so häufig im Radio gespielt, aber Film und Fernsehen kommen überall an. Ein Film ist auch für die Ewigkeit, er wird immer wieder gezeigt. Die Leute sehen ihn und werden wieder auf uns aufmerksam. Sowas ist ein großes Plus für uns, ich hoffe, es passiert noch öfter.

Wenn deine Musikkarriere nicht geklappt hätte, was würdest du jetzt tun? Hattest du einen Plan B?

Bevor ich in einer Band spielte, habe ich Lichttechnik gemacht. Ich habe die Lichter für die Band aufgestellt und bedient. Ich war also immer noch in der Konzerthalle. Ich war immer noch in dieser Atmosphäre, in der niemand dein Boss ist und niemand dir sagt, was du zu tun hast. Du kannst dein eigenes Ding machen. Ich war aber nie auf der Bühne. Das hat mich ein bisschen geärgert. Aber es hat auch Spaß gemacht. Ich habe das drei Jahre lang gemacht und habe dabei viele neue Leute getroffen… Ich würde wahrscheinlich jetzt immer noch etwas in der Richtung machen, wenn es nicht geklappt hätte. Ich wäre also immer noch in der Musikindustrie.

Irland, insbesondere Dublin, hat ja auch eine sehr lebhafte Musikszene…

Ja, dort gibt es viele Musiker. Und so viele Bands, zum Beispiel All Tvvins, mit denen wir touren. Sie haben gerade einen Vertrag bei Warner unterzeichnet. Hozier ist überall groß. Es gibt viel irisches Talent, das zurzeit erfolgreich ist. Das ist schön zu sehen und es ist schön, ein Teil davon zu sein.

Viele eurer Musikvideos erzählen kleine Geschichten, wie zum Beispiel „All I Want“. War das von Anfang an geplant?

Wir denken eigentlich nie wirklich zu weit voraus. Bei unserer ersten EP hatten wir die Idee, da ja zurzeit so viel im Internet passiert, für jeden Song ein eigenes Video zu machen. Mit jedem Song haben wir kleine Geschichten erzählt. „All I Want“ ist meiner Meinung nach der beste Song der EP, also haben wir das beste Video dafür gemacht. Videos überdauern viel länger. Die Leute gucken sie immer wieder, teilen sie auf Facebook mit ihren Freunden. Das ist ein großes Ding für uns.

Könnt ihr auch eure eigenen Ideen einbringen?

Wir kommen normalerweise nicht mit der Idee für das Video. Das macht jemand anders. Wir schreiben die Songs, und jemand anderes hat die Idee für das Video und trägt sie an uns heran. Es ist viel zufriedenstellender, wenn das jemand macht, der wirklich Ahnung davon hat und gut darin ist. Wir haben auch ein paar Videos gemacht, in die wir unsere eigenen Ideen einbrachten, aber das hat nicht so richtig funktioniert.

unikat-Redakteurin Katja mit Mark und Jason (c) Katja Reinhardt

unikat-Redakteurin Katja mit Mark und Jason (c) Katja Reinhardt

Wie kommt ihr auf Ideen für eure Songs? Kommen die einfach im Alltag, wenn ihr zum Beispiel im Bus sitzt, oder setzt ihr euch alle zusammen und sagt „Okay, wir schreiben jetzt einen Song!“?

Manchmal machen wir das. Wir kommen zusammen, spielen unsere Instrumente und dann singt jemand eine Melodie, jemand anders verändert sie… Das ist eine großartige Art, Songs zu schreiben. Ich würde mich aber nicht stundenlang hinsetzen und versuchen, einen Song zu schreiben. Wenn spontan nichts kommt, dann höre ich auf. Ich zerbreche mir nicht den Kopf, um auf eine Idee zu kommen. Die besten Songs kommen einfach aus dir raus. Wenn du dich dazu zwingst, einen Song zu schreiben, wird er meist nicht so gut sein, wie wenn es spontan geschieht. Meistens hast du ja was zu sagen, jemand hat dich verletzt oder du fühlst dich super wegen jemandem. Der beste Weg, dich selbst auszudrücken, ist, einen Stift in die Hand zu nehmen und es einfach raus zu lassen. Ich bin nicht wirklich gut darin, viel zu reden. Deshalb ist das Songschreiben für mich die beste Art, mich auszudrücken.

Euer erstes Album klingt eher melancholisch. Das zweite Album, Coming Up for Air, klingt für mich viel optimistischer. Kommen eure Songs immer von persönlichen Erfahrungen?

Ja, tun sie. Manchmal schreiben wir Songs, die nicht unbedingt von uns oder unserem Leben handeln, aber die für uns sehr persönlich sind. Ich habe zum Beispiel Songs für einen Freund geschrieben. Wenn ein Freund von mir durch harte oder gute Zeiten geht, und mit mir darüber redet, mache ich Songs daraus. Das kommt ganz von allein. Es ist mir ein paar Mal passiert, dass ich mich ans Klavier gesetzt habe, um einen Song zu schreiben, und erst gar nicht wusste, worum es eigentlich geht. Und nach ein paar Minuten dachte ich mir dann: „Okay, jetzt weiß ich, was ich sagen will.“ Und sobald ich weiß, was ich sagen will, kommt der Rest ganz von selbst. Die besten Songs sind diejenigen, die von persönlichen Erfahrungen handeln. Man kann sich natürlich eine Geschichte ausdenken. Aber wenn man zum Beispiel nicht wirklich verliebt ist, wird es nicht so authentisch sein.

Habt ihr musikalische Einflüsse?

Ja, sehr viele… Meine Lieblingsband sind die Beatles. LCD Soundsystem liebe ich auch. Außerdem die Strokes, Radiohead, Tom Waits, um nur ein paar zu nennen. Es gibt nicht nur eine Musikrichtung, die ich höre, sondern sehr viel verschiedenes.

Was können wir in Zukunft von euch erwarten?

Dieses Jahr haben wir uns vorgenommen, es etwas langsamer angehen zu lassen. Nicht jeden Monat auf Tour zu sein. Nach dieser Europatour nehmen wir uns erst einmal drei Monate frei. Nicht, um Songs zu schreiben, sondern wirklich eine Auszeit. Zwei von uns sind verlobt, sie müssen ihre Hochzeiten planen, wir hängen mit Freunden ab und so weiter. Also quasi drei Monate im echten Leben. Aber während das passiert, werden wir bestimmt auch Songs schreiben. Denn das ist das, was wir in unserer Freizeit machen. Wir werden aber wahrscheinlich bald wieder ein Album aufnehmen. Wenn wir eine Weile lang nichts tun, wird uns langweilig, dann müssen wir ins Studio.

Katja Reinhardt

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