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Historikerin vs. Medizinerin

Liebe Medizinerin,

jetzt wohnen wir schon seit über einem Jahr zusammen! Vieles hat sich in dieser Zeit getan, nur die Grundfarbe unserer Wohnung ist geblieben: Es ist immer noch alles weiß. Weiße Wände, weiße Ikea-Regale, weißer Duschvorhang („Damit der Raum nicht optisch verkleinert wird!“), ein weißer Küchentisch, weißes Geschirr, weiße Auflaufform, man braucht fast eine Schneebrille, wenn man unsere Wohnung betritt. Selbst deine Lieblingsnudelsoßenzutat Crème fraîche ist weiß. Dein Arztkittel ist auch weiß. Wozu braucht ihr den eigentlich? Zur Tarnung?

Was uns zum Thema Kittel bringt. Danke, dass du ihn neulich in die Reinigung gebracht hast, anstatt ihn von der heimischen Waschmaschine säubern zu lassen. So muss ich mir keine Sorgen darum machen, dass irgendwelche seuchenauslösende Bakterien aus dem Labor an meiner nächsten Ladung Wäsche kleben. Oder Spuren von den Leichen, in denen du mit Hingabe und Begeisterung herumwühlst.

Apropos Leichen: Ich finde es wirklich bewundernswert, dass du so im Inneren von Dahingeschiedenen herummantschen und die einzelnen Organe hinterher sogar wieder an der richtigen Stelle platzieren kannst, ohne vom Brechreiz überwältigt zu werden oder umzukippen. Der Gefahr, das Bewusstsein zu verlieren, bin ich nämlich regelmäßig ausgesetzt, wenn du von der Uni nach Hause kommst und begeistert davon erzählst, wie die Nadel zum Blutabnehmen erst im vierten Anlauf die Vene getroffen hat oder mir Bilder von amputierten und halb verfaulten Armen zeigst.

Das dickste Buch in meinem Schrank ist ein Wälzer zur amerikanischen Geschichte, den ich bisher ungefähr dreimal angefasst und genauso schnell wieder weggelegt habe. In deinem Schrank stehen mindestens acht Bücher, die zusammen wahrscheinlich eine Tonne wiegen und deren Inhalt du auswendig runterbeten kannst. Hut ab! Neben den überdimensionalen Lehrbüchern darf natürlich ein Standardwerk der Medizin nicht fehlen: Darm mit Charme. Bis ich mal gerafft habe, dass es nicht „Darm mit Scham“ heißt, hast du mir schon ganz genau erklärt, warum der Durchschnittsbürger viel mehr auf seinen Darm und die eigene Verdauung achten sollte. An diesen Ratschlag hältst du dich jedoch selbst auch nicht immer, in dem Sinne dass die Verdauung ANDERER oft mindestens genauso interessant für dich ist.

Als Medizinstudent ist man natürlich auch wahnsinnig krankheitsanfällig. Immerhin hast du dir ja schon mehrfache Gehirntumore diagnostiziert, auch leidest du deiner Meinung nach an einer Art von früh einsetzender Demenz. Aber wenn du wirklich mal einen Schnupfen hast, dann bist du nach zwei Tagen wieder topfit – während ich mich mit den von dir weiter gereichten Bakterien herumplage und zwei Wochen lang mit einer Rachenentzündung flach liege. Aber solche Gelegenheiten geben dir schließlich die Möglichkeit, dich als zukünftige Ärztin in Fürsorglichkeit zu üben. Bei meinem letzten Schnupfen bist du sofort zur Apotheke gerannt, um Nasenspray zu kaufen, trotz schwachem Protestkrächzen meinerseits. Von dem Hausmittel, eine Schüssel mit aufgeschnittenen Zwiebeln ins Zimmer zu stellen, hast du nämlich nicht viel gehalten.

Deine Historikerin

… und die Antwort: 

Liebe Historikerin,

du hast Recht, vieles hat sich im letzten Jahr getan. Vor allem habe ich einige neue Erkenntnisse über Historiker erlangt, zum Beispiel dass das medizinische Prüfungsamt bei euch im Historicum ist. Und dass ihr offensichtlich eure Könige mehr heiligt als euer Essen – unvorstellbar! Anders kann ich mir jedenfalls eins unserer hochintellektuellen Gespräche während der Klausurenphase („Machen wir was zu essen?“ – „Warte kurz, noch drei Könige!“) nicht erklären.

Ich wusste auch gar nicht, dass du dich so an der Farbe Weiß störst. Ja, unsere Wohnung ist weiß, aber das beinhaltet schließlich auch dein Zimmer, das du mit weißen Ikea-Möbeln perfekt an den Rest unserer studentischen Behausung angepasst hast. Außerdem sind weiße Möbel chic, zeitlos und sehen darüber hinaus auch schön steril aus. Genauso wie Arztkittel. Weiße Kittel sind doch wunderbar praktisch. Sie sind stilsicher, passen zu allem und vermitteln Seriosität und Kompetenz, während Vertreter eurer Spezies des Öfteren in erdfarbenen Jacketts und beigen Cordhosen anzutreffen ist. Anscheinend passen wir uns alle wie Chamäleons an unsere Umgebung an: Wir Mediziner an die sterile, weiß-strahlende Reinheit eines Krankenhauses und ihr Historiker an verstaubte, vollgestopfte, unterirdische Archive.

Hast du dir eigentlich schon mal überlegt, dass wir uns beide gerne mit Toten beschäftigen? Ich wühle eben in ihren Innereien herum, du in ihrer Geschichte. Meine selten artikulierte Leidenschaft für Leichen kannst du mir eigentlich nicht übel nehmen, wenn man bedenkt, welche Begeisterungsausbrüche deinerseits ich schon aushalten musste. Zum Beispiel als du mir ganz genau erklärt hast, wie ein König einem Kloster eine Wiese schenkt. Die Geschichte kannst du bestimmt mal den Leuten erzählen, die bei dir im Taxi mitfahren. Aber warte, bis du jemanden durch die Gegend fährst, der schon ordentlich betrunken ist – am Ende läuft der Kunde lieber zu Fuß. Genauso unnötig sind übrigens die Jahreszahlen, mit denen du ständig um dich schmeißt. Ist es wirklich so wichtig auswendig zu wissen, wann die beiden Weltkriege waren und ob Adenauer jetzt vor oder nach Hitler kam? Wozu gibt’s denn bitte Google?

Neben dem Wälzer zur amerikanischen Geschichte kenne ich auch noch weitere unnötige Bücher in deinem Schrank. Zum Beispiel ein vergilbtes Exemplar von Dietrich Schäfers zweitem Band zur Deutschen Geschichte. Eines Abends bist du ganz stolz mit dem Ding nach Hause gekommen und konntest dich gar nicht genug darüber begeistern, dass eure Bibliothek alte Bücher verschenkt hat, die offensichtlich keiner mehr braucht. Aber bringt dir das Teil überhaupt was? „Als Quelle vielleicht, aber als Sekundärliteratur ist es natürlich schon längst überholt – aber es ist ein ALTES BUCH!“

Die Tatsache, dass du die Bücher in deinem Regal anscheinend überhaupt nicht benötigst, spricht wohl für den krassen Unterschied im Lernaufwand unserer Fächer. Dieser zeigt sich vor allem in unseren Definitionen von ausgeschlafen: Während ich um halb 6 aufstehe und von morgens bis abends in anspruchsvollen Vorlesungen und Seminaren sitze, stehst du vielleicht mal um halb 10 auf, spazierst gemütlich in deine paar Seminare und erzählst mir hinterher, du wärst ja so müde und unausgeschlafen. Bringt man euch in der Uni eigentlich auch was Praxisorientiertes bei? Zum Beispiel wie man die Formulare beim Arbeitsamt korrekt ausfüllt?

Übrigens, nur weil man vielleicht im Mittelalter Schnupfen mit Zwiebeln ausgeräuchert hat, heißt das noch lange nicht, dass du die ganze Wohnung mit einem solchen Geruch verseuchen sollst. Wenn du weniger an uralten Büchern schnüffeln würdest (jaja, ich weiß, angeblich riechen die ja so historisch) und dabei jahrhundertalte Bakterien aufnehmen würdest, wärst du vielleicht auch nicht so oft erkältet.

Deine Medizinerin

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