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Auf den Spuren „richtiger“ Literatur

„Das muss man einfach gelesen haben.“

Im Seminar sollen wir zuordnen: Song-Lyrics oder ein Gedicht, was davon ist richtige Literatur? Twilight oder FrankensteinMary Stuart oder Plötzlich Prinzessin?

Wenn man als Literaturstudent zugibt, dass man lieber Harry Potter als Shakespeare liest, wird man oft und gerne schief angeschaut. Man solle doch lieber richtige Literatur lesen. Da drängt sich natürlich die Frage auf: Was ist denn eigentlich „richtige“ Literatur? Wer entscheidet, was „richtige“ Literatur ist? Und was ist dann die ganze andere Literatur, also die, die nicht „richtig“ ist?

Die Antwort, wenn man eine simple will, ist klar: Die Klassiker soll man lesen. Sie heißen ja nicht umsonst so.

Sind nur Klassiker „richtige“ Literatur?

Es gibt zahlreiche Listen mit Büchern, die man als Literaturliebhaber gelesen haben muss: Odyssee, Romeo und Julia, Die Leiden des jungen Werther und Stolz und Vorurteil sind nur ein paar von den Werken, die immer wieder auftauchen. Weltliteratur also. Wenn man sich dann mal durch Goethe und Dickens und Schiller gequält hat, darf man sich, so behaupten manche, einen gebildeten Menschen nennen.

Oft scheint es, dass es gewisse Anforderungen zu erfüllen gibt: Jane Austen soll man verehren, ein Werk von Thomas Mann muss im Bücherregal stehen und eine ungekürzte Fassung von Les Misérables soll man vielleicht auch noch gelesen haben. Erst dann darf man sich in den Augen vieler als eifrigen Leser bezeichnen. Natürlich kann man es sich auch nicht ganz so einfach machen.

Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn jemandes Lieblingsbuch ein Klassiker der Weltliteratur ist, allerdings sollte man sich in keinem Fall für einen besseren oder gar gescheiteren Menschen halten, nur weil man modernere Bestseller wie Twilight oder Harry Potter nicht mal mit dem kleinen Finger anfassen würde.

Sind manche Arten von Literatur wirklich besser als andere?

Sind manche Arten von Literatur wirklich besser als andere?

Alle Literaturgattungen haben ihre Daseinsberechtigung

Diese Art von „Literatursnobismus“ lässt sich auch auf andere Bereiche übertragen: Sind Romane besser als Comics? Ist ein Popsong von Grund auf weniger wertvoll als ein Gedicht? Ist eine Oper automatisch besser als ein Musical? Eigentlich kann man das eine kaum mit dem anderen vergleichen, genauso wenig wie man Shades of Grey mit Robinson Crusoe vergleichen kann.

Jede Art von Literatur und jede Art von Kunst hat ihre Daseinsberechtigung. Keine Art von Literatur ist „richtiger“ oder von Natur aus besser als eine andere. Jede Generation hat ihre eigenen Bestseller, ihre eigenen Helden. Und irgendwann ist es vielleicht an der Zeit, die Klassiker loszulassen oder zumindest nicht ganz so stark an ihnen festzuhalten.

Natürlich kann man sich durch hunderte Seiten Krieg und Frieden quälen, aber um welchen Preis? Wenn man nicht wirklich Freude daran hat, hat es kaum Sinn, seine Zeit mit einem Buch zu verschwenden, bloß weil es angeblich eines der wichtigsten und besten Werke der Weltliteratur ist. Man sollte sich nicht weismachen lassen, dass es Bücher gibt, die man gelesen haben muss. Schlauer ist man nachdem man sie gelesen hat nämlich nicht unbedingt. Wer wirklich schlau ist, weiß, dass Geschmäcker einfach verschieden sind. Und um das herauszufinden, muss man nicht einmal Shakespeare gelesen haben.

Claudia Schmidhuber

2 Kommentare

  1. Am schlimmsten finde ich daran, dass in einem Seminar zugeordnet werden soll, was „richtige“ Literatur ist. Ringelpietz mit Anfassen. Es geht ja dann offensichtlich nicht darum, welche Ziele Literatur haben kann, welche Identifikationsangebote Literatur macht oder verwehrt, welche Maßstäbe man anlegen kann. Es geht nicht um Sender- oder Empfängerorientierung. Es geht um „richtig“ oder „falsch“. Wow. Das hat jetzt wirklich Uni-Niveau, oder? Die Hoffnung bleibt, dass vielleicht später im Studium oder während eines Hauptseminars oder vielleicht in einer Abschlussprüfung das gefühlige Abholen von Studenten dort, wo sie sind, mal aufhört und das Ankommen von Studenten dort, wo sie sein könnten, mal anfängt. Es geht nicth um „richtig“ oder „falsch“. Und es muss nicht alles immer Spaß machen, was langfristig erstrebenswert ist. Mitunter kann man sich schon auch ein wenig quälen und dabei die eigenen Grenzen ausweiten. Wenn man sich jedoch allzu häufig quält, dann sollte man sich vielleicht überlegen, ob die grundsätzliche Entscheidung (zum Beispiel für ein Studium der vergleichenden Literaturwissenschaft) die richtige war.
    Kleine Anmerkung am Rande: Die Bestseller zu Goethes Zeiten hießen nicht Goethe und Schiller, die liest man nur heute nicht mehr. Der „Rinaldo Rinaldini“ zum Beispiel erlebte 6 Auflagen und wurde in folgende Sprachen übersetzt: Französisch, Englisch, Russisch, Spanisch, Holländisch, Dänisch, Polnisch und Ungarisch. Er fand viele Folge- und Nachahmerromane. Und in einer Rezeptionsorientierten Literaturwissenschaft wird er natürlich behandelt. Also, wurde er zumindest in Prä-Bologna-Zeiten.

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    • Lest doch einfach mal DAS (Geheimtipp):

      P. Strobach, „The Documents of Mister P.: In den Fängen der
      akademischen Inquisition“, BoD, Dec. 2015.

      Passt von Inhalt gut zu den studentischen Themen!

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