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Carol – Ein Blick durch nasse Fensterscheiben

Bei allem Hype um die Fortsetzung von Star Wars darf der neue Film von Todd Haynes nicht übersehen werden – Carol wurde von Kritikern schon mehrfach als einer der besten Filme des Jahres 2015 bezeichnet.

 

Seit dem 17. Dezember läuft Carol auch endlich in deutschen Kinos

New York City, 1952. Therese Belivet ist jung, hat einen Freund, den sie nicht liebt, und einen Job, der sie nervös macht. Eigentlich möchte sie fotografieren, stattdessen arbeitet sie in der Spielwarenabteilung eines Kaufhauses, um sich über Wasser zu halten. Kurz vor Weihnachten trifft sie auf Carol Aird, eine wohlhabende Frau, die sich gerade von ihrem missbrauchenden Ehemann trennt und ein Geschenk für ihre kleine Tochter sucht. Auf Empfehlung von Therese kauft sie statt einer Puppe eine Spielzeugeisenbahn und hinterlässt für die Lieferung des Geschenks ihre Adresse – und zufällig auch ihre Handschuhe. Therese schickt ihrer Kundin die Handschuhe nach Hause, Carol dankt der Verkäuferin mit einer Einladung zum Mittagessen. Es folgen weitere Verabredungen, bei denen die beiden Frauen sich immer näher kommen. Irgendwann beschließen sie, das Auto zu packen und zusammen Richtung Westen zu fahren. Der Widerstand ihrer besitzergreifenden Männer stört sie dabei herzlich wenig. Im Laufe der Reise werden zwei Hotelzimmer zu einem und schließlich erweist sich auch das zweite Bett im Zimmer als überflüssig. Die Schwierigkeiten lassen jedoch nicht lange auf sich warten, als Carol und Therese feststellen, dass ihr Hotelzimmer nachts abgehört wird – im Auftrag von Carols Ehemann, der seiner Frau wegen „unsittlicher Verhaltensweisen“ das Sorgerecht für ihre Tochter entziehen will. Am nächsten Morgen wacht Therese auf und Carol ist verschwunden.

Fenster, Spiegel, Regentropfen und beschlagene Scheiben erzeugen Distanz und gleichzeitig doch ein Gefühl von Intimität

Carol überzeugt nicht nur durch die hervorragenden schauspielerischen Leistungen von Rooney Mara und Cate Blanchett. Von Anfang an wird der Zuschauer auf die Folter gespannt, da der Film mitten in der Geschichte einsteigt und von dort aus die Begegnung der beiden Frauen und der weitere Verlauf ihrer Beziehung geschildert werden. In kleinen, sehr intimen Momenten, kommen Therese und Carol sich behutsam näher, zunächst über lange Blicke und kurze, fast schüchterne Berührungen. Diese Szenen sind einfach gestaltet und bedürfen keiner aufwendigen Worte – als Beobachter hält man vor lauter Knistern die Luft an und fühlt sich beinahe wie ein Eindringling, der die tiefe Verbindung zwischen den beiden Frauen stört. Oft betrachtet der Zuschauer die Geschehnisse durch ein Fenster, in einem Spiegel oder durch eine halb geschlossene Tür; eine Distanz wird geschaffen und so die Intimität des Betrachteten noch betont. Zusätzlich lassen am Fenster herablaufende Regentropfen oder beschlagene Autoscheiben das Bild elegant verschwimmen.

 

Carol hat eine lange Vorgeschichte – trotzdem hätte der Zeitpunkt für die Veröffentlichung des Films kaum besser gewählt werden können

Es ist irre, dass diese wundervolle Geschichte erst jetzt verfilmt wurde. Der Roman The Price of Salt, auf dem der Film basiert, wurde 1952 unter dem Pseudonym Claire Morgan veröffentlicht. Die Autorin Patricia Highsmith bekannte sich wegen des kontroversen Inhalts erst Jahre später zu dem Werk. Phyllis Nagy, Drehbuchautorin und eine gute Freundin Highsmiths, begann bereits im Jahr 2000 damit, Carol für die Filmleinwand umzuschreiben und verhandelte im Zuge dessen mit zahlreichen Regisseuren, die allerdings immer nur vorübergehend an der Geschichte interessiert waren. Doch Nagy sieht einen Vorteil in dem langen Warten auf die Verwirklichung ihres Projekts. Im Interview mit The Guardian stellt sie fest: „Fifteen years ago, we might have come across people who insisted on the gay speech or the guilt speech. It would have been the lesser for it.“

 

Stattdessen blicken wir in Carol schlicht und einfach auf eine Liebesbeziehung. Dass diese Beziehung zwischen zwei Frauen stattfindet, ist nichts Besonderes – es ist einfach normal. Und das obwohl sich eigentlich alle Umstände gegen Therese und Carol verschworen haben: Ihr Altersunterschied, ihre unterschiedliche soziale Herkunft, die Männer in ihrem Leben, die ihre Zuneigung zueinander nicht verstehen können und sogar verspotten, und nicht zuletzt die erdrückende konformistische Mentalität der 1950er Jahre, in der Liebe zwischen zwei Frauen als „unsittliches Verhalten“ gebrandmarkt wird.

 

In einigen Kinos läuft Carol auch auf Englisch - sehr empfehlenswert!

In einigen Kinos läuft Carol auch auf Englisch – sehr empfehlenswert!

Ihre Liebe ist so normal und natürlich – und genau das macht Carol zu einem bahnbrechenden Film

Carol ist außergewöhnlich, nicht nur weil endlich mal zwei lesbische Frauen die Hauptrollen übernehmen. Es ist die Normalität ihrer Liebe, die Natürlichkeit ihrer Zuneigung zueinander und die Offenheit, mit der Therese und Carol ihren Gefühlen begegnen, die diesen Film von anderen abheben. Nach all den Jahren, in denen man froh war, überhaupt lesbische Frauen auf der Kinoleinwand zu sehen, selbst wenn sie sich gegenseitig mit Männern betrogen haben und von den fast ausschließlich männlichen Filmemachern gnadenlos in den Tod geschickt wurden, ist die Darstellung und vor allem der Ausgang der Geschichte überraschend, erfrischend, wenn nicht revolutionär.

Stephanie Berens

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