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Die Selfie Generation

Im Zwiespalt über moderne Selbstportraits

Auch wenn gerne oft so getan wird, gibt es Selfies eigentlich nicht erst seit gestern. Früher hatte man halt kein Smartphone, sondern einen Fotoapparat in der Hand. Und man hat nicht zehn Selfies gemacht, sondern eins, weil der Film, den man in der Kamera hatte, einfach nicht mehr als 36 Fotos hergegeben hat. Heutzutage werden oft Beschwerden laut. Die fleißigen Selfie-Knipser seien eingebildet, die Bilder wolle ja eh keiner sehen. Das Wort „Narzissmus“ wird in den Raum geworfen.

Erst vor kurzem haben sich zwei Kommentatoren live im Fernsehen über einige junge Damen lustig gemacht, weil sie während eines Baseballspiels ihre Handys gezückt haben. Das Spiel war offenbar nicht Unterhaltung genug – das sieht man ja auch daran, dass die zwei Kommentatoren die Selfie-knipsenden Mädchen viel interessanter fanden als das Spiel, das sie eigentlich hätten kommentieren sollen. Die Erziehung der Mädchen wurde in Frage gestellt und ein Kommentator beschwerte sich, weil alle Mädchen, die im Bild zu sehen waren, nur an ihren Smartphones hingen.

Der Kommentator selbst will uns glauben lassen, dass er nicht mal weiß, wie er mit seinem eigenen Smartphone ein Foto machen kann. Man fragt sich, ob er sich vielleicht plötzlich daran erinnern könnte, wenn er die Möglichkeit hätte, ein Selfie mit seinem Lieblingsbaseballspieler zu machen. Ebenfalls fragt man sich, ob die Reaktion der Kommentatoren dieselbe gewesen wäre, wenn es Männer gewesen wären, die während eines langweiligen Baseballspiels angefangen hätten Selfies zu schießen.

Selfies erfreuen sich vor allem bei jüngeren Generationen großer Beliebtheit.

Selfies erfreuen sich vor allem bei jüngeren Generationen großer Beliebtheit.

Selfies: Ein Produkt von Arroganz oder Selbstbewusstsein?

Ist die Selfie Generation wirklich arrogant? Hat die Erziehung versagt? Man kann sich vielleicht darauf einigen, dass Grundschulkinder nicht unbedingt Smartphones brauchen. Man kann sich auch darauf einigen, dass niemand gerne von einer Foto-Flut auf Facebook überrannt wird. Aber wenn Teenager – und, seien wir mal ehrlich, auch Erwachsene – Fotos von sich selbst schießen und auf diversen Social Media Plattformen posten, heißt das noch lange nicht, dass sie selbstverliebt sind.

Ein Selfie ist kein Produkt von Narzissmus, sondern eines von Selbstbewusstsein. In einer Gesellschaft, die uns glauben lassen will, dass vor allem Frauen einem gewissen Ideal zu entsprechen haben, mögen sich Selfie-Knipser so wie sie sind. Und andere tun das auch. Postet man ein Selfie – auf Facebook, auf Twitter, auf Instagram – regnet es oft Komplimente. Dennoch sind ganze Industrien nur darauf aufgebaut, dass junge Mädchen aussehen wollen, wie Models auf einem Zeitschriftencover. Diäten, Makeup, und vorteilhafte Kleidung: Frauen wird gesagt, dass sie schön sein können, aber nur unter gewissen Bedingungen, nur im richtigen Licht, nur wenn es auch andere anspricht. Die Selfie Generation ist dabei zu lernen, über all das hinwegzusehen. Sie mag ihre Haare, ihre Kleidung und ihren Körper, auch wenn nichts davon dem Ideal entspricht.

Die Selfie Generation mag sich selbst. Und davon können sich viele von uns noch ein Scheibchen abschneiden.

Claudia Schmidhuber

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