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Die Daheimbleiberperspektive

Wenn plötzlich alle ein Auslandssemester machen…

Wie gewinnbringend ein oder mehrere Studiensemester im Ausland sein können, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Man füttert sein Selbstbewusstsein mit gemeisterten Herausforderungen, sein Herz mit neuen Freundschaften, seine Erinnerung mit unvergesslichen Erlebnissen und seinen Lebenslauf mit ein paar zusätzlichen Zeilen. Kein Wunder also, dass inzwischen über ein Drittel der deutschen Studenten einen Teil seines Studiums im Ausland verbringt und diese Monate im Nachhinein als einige der besten seines Lebens beschreibt. Doch was ist mit denjenigen, die zuhause bleiben, während ihre Freunde die große weite Welt unsicher machen?

Allein, allein?

Ein bisschen musste ich zu Anfang des Semesters schon schlucken, als mir bewusst wurde, dass gleich drei meiner besten Freundinnen für das nächste halbe Jahr nicht in greifbarer Nähe sein würden. Mit Wales, Italien und den Niederlanden haben sich die drei auf verschiedene Ecken Europas verteilt und führen dort im Moment ein völlig anderes Leben. Plötzlich gibt es kein wöchentliches Zumba, Weggehen oder „Wie-läuft’s-in-der-Uni“-Kaffetrinken mehr und das ist schon ein komisches Gefühl. Mir kommt es so vor, als wären die Veränderungen in diesem Fall für diejenigen, die bleiben und nicht ins Ausland gehen, fast genauso schwierig zu verarbeiten. In einem veränderten Umfeld prasseln so viele neue Eindrücke auf eine Person ein, dass ihr häufig gar nicht richtig auffällt, was im Vergleich zu zuhause im Einzelnen fehlt. Zumindest im Optimalfall. Geht jedoch das Leben bis auf das Fehlen von bestimmten Personen weiterhin seinen gewohnten Gang, so entsteht zunächst eine Lücke, die sich nicht sofort ohne Weiteres schließen lässt.

Regelmäßige Updates per Facebook oder WhatsApp führen zwar dazu, dass man ungefähr über den aktuellen Stand des anderen Bescheid weiß, aber das macht die Sache häufig auch nicht besser. Denn die Berichte der Freunde darüber, wie viel Spannendes sie erleben, führt einem schmerzlich vor Augen, wie wenig sich doch vergleichsweise im eigenen Leben tut. Und wer findet sich schon gerne langweilig?

Sehnsüchtig wartet man auf eine Nachricht aus dem Ausland

Sehnsüchtig wartet man auf eine Nachricht aus dem Ausland

Raus aus dem Jammermodus

Um vom Auslandsaufenthalt der Freunde auch selbst profitieren zu können, gilt es, den Jammermodus abzuschalten und die Augen zu öffnen. Wann hat sich zum Beispiel ein Urlaub je besser rechtfertigen lassen als jetzt, wenn es nicht nur darum geht, eine neue Stadt kennenzulernen, sondern dabei auch noch einen Freund zu besuchen, den man vermisst? Jede Distanz lässt sich überbrücken und tolle Sparangebote gibt es immer, egal ob man mit dem Flugzeug, Zug oder Fernbus unterwegs ist. Im Urlaubspaket inklusive sind dann auch noch eine kostenlose Unterkunft sowie ein privater Stadtführer, der mit echten Geheimtipps punkten kann. Dass derartige Besuche sehr viel Spaß machen und eine Freundschaft noch inniger werden lassen, konnte ich dabei bei meinem Wochenende in Amsterdam vor einem Monat (Nummer eins der drei geplanten Besuche!) am eigenen Leib erfahren und wurde gleichzeitig noch mehr in meinem Vorhaben bestärkt, selbst ein Semester im Ausland zu verbringen.

Auch hierbei ist es ungemein praktisch, wenn man Freunde hat, die schon ein Auslandssemester hinter sich haben, da sie sich als echte Profis in allen Organisationsbereichen erweisen. Wie viel Arbeit sollte ich in meine Bewerbung investieren? Ist es sinnvoll, ein Urlaubssemester zu beantragen? Wie bekomme ich am besten eine Wohnung vor Ort? Konntest du dir die Kurse anrechnen lassen? Für die Beantwortung all diese Fragen hat man nun Experten im Freundeskreis, sodass man letztendlich besser auf den eigenen Auslandsaufenthalt vorbereitet ist als die Freunde es damals waren.

Eine weitere Erkenntnis hat sich mir zudem in den letzten Wochen schleichend offenbart, als ich die Nachrichten meiner Freundinnen gelesen habe. Zwei von ihnen haben nur männliche Mitbewohner in ihren WGs und streifen mit ihnen abends durch die Bars der Stadt, eine erfüllt sich einen langersehnten Wunsch und nimmt Gesangsunterricht und eine andere ist plötzlich Expertin im Kayakfahren. Alle drei sind während ihres Auslandssemesters so viel aktiver, mutiger und offener für Neues geworden als sie es zuhause in Deutschland waren. Dabei ließe sich diese Einstellung so einfach auch auf den Alltag übertragen. Vielleicht sollten wir alle ein bisschen mehr riskieren und mehr das tun, worauf wir Lust haben. Unserem normalen Leben einen Hauch von Auslandssemester zu verleihen, würde sich mit Sicherheit lohnen.

Marina Babl

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