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Der Drachenstich

 Wo Geschichte lebendig wird

Legenden entführen in andere Welten. Viele Sagen berichten von Fabelwesen, von Rittern und schönen Frauen. Geschichten erzählen vom fortwährenden Kampf zwischen Gut und Böse und erwecken vergangene Zeiten zum Leben, die heute fremd scheinen. Denn für Mythen der alten Art ist in der Moderne kein Platz. Doch bei vielen Menschen besteht die Sehnsucht nach Verzauberung und so lassen sich manche in eine andere Welt mitnehmen. Doch wo bietet sich die Gelegenheit, Gestalten aus längst vergangener Zeit zu begegnen?

Um das herauszufinden, setze ich mich an einem der letzten Spätsommertage früh ins Auto, um eine kleine Stadt an der bayerisch-tschechischen Grenze zu besuchen. Denn dort, so sagt man, wird einmal im Jahr ein Drache lebendig, der Besuchern das Fürchten lehrt.

Wer losfährt, um Furth im Wald zu besuchen, erlebt eine malerisch gelegene Kleinstadt, umgeben von den Bergen des Oberpfälzer Waldes. Der Ort wirkt beschaulich und blickt doch zurück auf eine bewegte Geschichte.

©Katharina Hurka

2 Blick auf den Further Stadtturm ©Katharina Hurka

Wer mit offenen Augen durch die Straßen läuft, entdeckt bald erste Anzeichen, dass zwischen der Stadt und dem Fabelwesen eine besondere Beziehung besteht. Zahlreiche Gebäude zieren Darstellungen eines Drachenkampfes. Als ich ein Schild mit der Aufschrift „Zur Drachenhöhle“ entdecke, glaube ich endgültig, dass ich angekommen bin – in der Drachenstadt. Deren Jahreshöhepunkt ist der Drachenstich, ein Historienspiel.

Am zweiten Sonntag im August ist die Stadt nicht wiederzuerkennen. Schon früh strömen die ersten Zuschauer in die Stadt, um sich die besten Plätze zu sichern. Im Laufe des Vormittags mischen sich Musikanten und Kostümierte unter die erwartungsvolle Menge. Es ist der Tag des historischen Festzugs – Höhepunkt des Drachenstichs. Nicht nur das gemeine Volk, Bauern, Fischer und Jäger in einfachen Kutten und Umhängen, auch Ritter in glänzenden Rüstungen, adlige Damen in edlen Gewändern, Tänzerinnen in schreiend bunten Kleidern, sowie Geistliche geben sich die Ehre. Doch neben vornehmen Edlen und den einfachen Friedliebenden, ziehen auch andere durch die Straßen. Denn die Stadt hat auch kriegerische Zeiten gesehen: Landsknechte und dunkle Gestalten mit rostigen Hellebarden jagen den Zuschauern noch heute Angst ein. Die Festzugsteilnehmer tragen historische Kostüme und nehmen ihre Rolle sehr ernst. Das Spektakel lebt schließlich von der Begeisterung seiner Mitwirkenden, die die Stadtgeschichte lebendig werden lassen.

©Drachenstich Festspiele

3 Teilnehmer des historischen Festzugs ©Drachenstich Festspiele

©Drachenstich Festspiele

4 Der Festzug leistet einen wichtigen Beitrag zur lokalen Identität, denn er hält die Erinnerung an die eigene Geschichte wach. ©Drachenstich Festspiele

Wenn alle gekommen sind, um für die Dauer eines Festzugs ihre Rolle zu spielen, ist es auch für den Drachen Zeit, zum Leben zu erwachen. Mit einem geschuppten Leib von fast 16 Metern Länge, einer Höhe von viereinhalb Metern, einer Breite von fast vier Metern und einer Flügelspannweite von 12 Metern, erwecken die Further ein Wesen zum Leben, das seinesgleichen sucht. Der Drache überrascht nicht nur durch seine Größe, sondern vor allem durch seine Optik, mit der er direkt einem Märchen entsprungen scheint. Was die Zuschauer vor allem gefangen nimmt, ist die Mimik des Drachens. Doch zu einem echten Drachen gehört noch mehr: Nämlich die Fähigkeit Feuer und Rauch zu spucken und anständig zu brüllen. Dahinter verbirgt neueste Technik und hohe Ingenieurskunst.

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5 Der Drache zieht jedes Jahr tausende von Besuchern an und ist eingetragen in das Guinness-Buch der Rekorde als größter Schreitroboter der Welt. ©Drachenstich Festspiele

Der neue High-Tech-Drache, der erst im Jahr 2010 seinen Vorgänger ablöste, ist Teil einer jahrhundertealten Tradition. Seit über 500 Jahren wird in der Grenzstadt Furth im Wald ein Festspiel aufgeführt, in dem der Drache sterben muss, damit das Gute überleben kann. Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, versinnbildlicht im Kampf zwischen edlem Ritter und furchterregendem Untier, ist eine der ältesten Heldensagen, die Eingang in viele Kulturen gefunden hat.

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6 Zwei Generationen des Further Drachens: Der moderne High-Tech Drache und sein Vorgänger, der von 1974 an für über 30 Jahre seinen Dienst versah. ©Drachenstich Festspiele

Der Drachenstich, also der Kampf zwischen Ritter und Drachen, entwickelte sich vermutlich aus der Fronleichnamsprozession. Doch schon bald war den Einheimischen der Drachenstich wichtiger als der kirchliche Teil, sodass nach dem erfolglosen Versuch, den Kampf gegen den Drachen zu verbieten, der Drachenstich von der Fronleichnamsfeier getrennt wurde. Der Umzug blieb erhalten und es entwickelte sich ein Festspiel, in dem die bewegte Geschichte der Region um Furth im Wald verarbeitet wird. Darin eingebettet ist der Kampf gegen den Drachen als Sinnbild verschiedenster Gefahren, denen die Grenzregion im Laufe der Jahrhunderte ausgesetzt war.
Eine wichtigen Zeitabschnitt bildeten dabei die Hussitenkriege. Den Beginn dieser blutigen Auseinandersetzung stellte die Verbrennung des Kirchenkritikers Jan Hus als Ketzer auf dem Konzil von Konstanz dar, obwohl ihm freies Geleit zugesichert worden war. In der Folge erhoben sich seine Anhänger und es kam zu zahlreichen Schlachten, einige davon in der Grenzregion zwischen Bayern und Böhmen. Für die ansässige Bevölkerung stellten die Kämpfe eine ständige Gefahr dar. Diese Angst klingt noch heute im Festspiel nach.

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7 Der Drache als Personifikation des Bösens während des Festspiels ©Drachenstich Festspiele

Vor dem Hintergrund der Schlacht bei Taus, erwacht der Drache im Festspiel vom vergossenen Blut geweckt, zum Leben und bedroht die Stadt. Nur Opfer- oder Heldenmut können das Untier bannen. Doch zunächst wagt keiner, den Kampf gegen den Drachen aufzunehmen. Erst als es fast zu spät ist, findet sich einer, der den Mut aufbringt, entweder zu siegen oder zu sterben. In der Handlung des Festspiels verschwimmen Realität und Fiktion, denn manche der auftretenden Personen hat es wirklich gegeben. Und wer weiß, vielleicht ja auch den Drachen…
Das bedeutet: Die Geschichte der Stadt wird fortgeschrieben und spiegelt sich im Festspiel. Der Drachenstich ist damit ein lebendiges historisches Denkmal. Doch auch ohne großes Hintergrundwissen ist der Drachenstich, bestehend aus dem einmal jährlich stattfindenden Festzug und dem zwei Wochen lang aufgeführten Festspiel, ein Erlebnis für alle Altersklassen.
Wer den Drachenstich einmal erleben will und wissen möchte, wie der Kampf zwischen Ritter und Drache endet, muss sich zwar bis zum kommenden August gedulden, den Drachen kann man jedoch auch übers Jahr in seiner Drachenhöhle besuchen, wo er hin und wieder aus seinem Schlaf erwacht.

©Katharina Hurka

8 Szene vom Stadtplatz, überall zeigt sich der besondere Stellenwert des Drachens. ©Katharina Hurka

Eine weitere Gelegenheit ins „dunkle“ Mittelalter einzutauchen, bietet sich nach dem Drachenstich auf dem Cave Gladium. Das Lagerleben mit Gruppen aus ganz Europa hat sich während der letzten Jahre zu einem weiteren Spektakel entwickelt. Es lässt sich nicht nur typisch mittelalterlich Speiß und Trank genießen, die fahrenden Händler bieten auch allerlei Ungewöhnliches und Exotisches. Ergänzend wird ein buntes Programm von Musikern, Gauklern, Handwerkern und Kämpfern geboten.

Wer den Ausflug wagt, lernt das Mittelalter in seinem Facettenreichtum kennen und weiß von da an, dass es Drachen nicht bloß in den Sagen gibt.

©Katharina Hurka

9 Sonnenuntergang über der Zeltstadt des Cave Gladiums ©Katharina Hurka

Link zur offiziellen Webseite des Drachenstichs

Das Cave Gladium

Vielen Dank an Gerhard Meier für die zur Verfügung gestellten Fotos. Die Rechte für das Titelbild, sowie die Bilder mit der Nummer 3, 4, 5, 6 und 7 liegen bei ©Drachenstich Festspiele.

 

Katharina Hurka

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