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Das „Wir“ gewinnt

Ein Berliner Problembezirk im Wandel

Was trägt zur Veränderung des Images von Brennpunktvierteln bei, und welche Angebote gibt es für dort ansässige Familien?
Ein Einblick in die Arbeit in einem neu entstehenden „Familienzentrum“.

„Gentrifizierung“: Seit vielen Jahren ein allgegenwärtiger Begriff für viele Großstadtbewohner, egal ob Frankfurt, München oder Berlin. Konkret gemeint ist damit eine soziale Umstrukturierung, die zu einer Veränderung und häufig Aufwertung der betroffenen Wohngegend führt. Paradebeispiel hierfür ist Berlin- Neukölln: Der mit am dichtesten besiedelte Berliner Bezirk lockt mit Multikulti, guter Verkehrsanbindung zur Innenstadt sowie preisgünstigen Ausgehmöglichkeiten gleich um die Ecke und ist damit besonders für Studenten interessant.  Dennoch bleibt bei vielen ein negativer Beigeschmack – man denke nur an die negativen Berichte über die deutschlandweit bekannte Rütli-Schule sowie die gewaltsamen Ausschreitungen im Columbiabad.

Messerstechereien unter Grundschülern und Polizeieinsätze auf dem Schulhof sind leider  immer noch traurige Realität. Prävention und Intervention lauten daher die Stichworte – und das am besten von klein auf. In Neukölln gibt es eine Vielfalt pädagogischer Angebote, die sich speziell an Kinder und Familien richten.

Bildung in Bewegung

„Man sollte immer die Familie als System betrachten“, so Tanja Neumann (42). Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen und die Integrationsarbeit ist die tägliche Herausforderung für die Psychologin und ausgebildete Erzieherin, die seit Anfang diesen Jahres das neu eröffnete AWO-Familienzentrum am Droryplatz inmitten von Neukölln leitet. Unter dem Slogan „Bildung in Bewegung“ arbeiten neben dem erwähnten Familienzentrum unter anderem die Löwenzahn-Grundschule inklusive Hort, der Kinderpavillon mit zusätzlichen Kreativ-Angeboten für die Grundschüler sowie die AWO-Kita „Du und Ich“  in ihren Projekten zusammen. Im Dachgeschoss der Kita finden auch die Angebote des Familienzentrums statt – „Durch die örtliche Nähe  erreicht man die Eltern besser für die Angebote des Familienzentrums“, weiß Tanja aus Erfahrung. Neben wöchentlichen Angeboten für Kinder wie einem interkulturellen „Bilderbuch-Kino“ oder Kreativ-Workshops mit professionellen Künstlern liegt der Schwerpunkt auf der „Elternarbeit“ in Form von Cafés, Frühstücken und persönlichen Sprechstunden.

"Auf die Kleinen kommt es an" - Beim Kita-Aktionstag waren die Kinder der AWO-Kita "Du und Ich" mit vollem Elan dabei. Zwischen 80 und 90 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund, (c) Rebekka Wiemer

„Auf die Kleinen kommt es an“ – Beim Kita-Aktionstag waren die Kinder der AWO-Kita „Du und Ich“ mit vollem Elan dabei. Zwischen 80 und 90 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund, (c) Rebekka Wiemer

Ein Tisch der kulturellen Vielfalt

Anfangs war es nicht ganz einfach, die Eltern für die genannten Angebote zu gewinnen – kaum zu glauben, denn das Familienzentrum ist an diesem Spätvormittag im Oktober rappelvoll:  Über 15 Eltern mit und ohne Kinder haben die knarrenden Stufen des Altbaus erklommen, um sich bei selbstgebackenem Kuchen, frischem Obst und Brötchen mit Nutella oder auch Hummus gemeinsam zu unterhalten und auszutauschen. Neben der jungen deutschen Familie aus der Nachbarschaft mit der lebhaften 7-monatigen Tochter, die zum ersten Mal hier ist, sitzen Bouchra, Melvide und Hanadi, die schon länger dabei sind und das Frühstück unter Rücksprache mit Tanja vorbereiten und anleiten. Alle drei sind hier im Bezirk zusätzlich als sogenannte „Stadtteilmütter“ tätig. Darunter versteht man Frauen ab 35 Jahren mit Migrationshintergrund, die bereits eigene Kinder haben und Deutsch zusätzlich zu ihrer eigenen Muttersprache sehr gut beherrschen. Nach einer sechsmonatigen, kostenfreien Schulung zu den Themen Erziehung, Bildung und Gesundheit besuchen sie neu zugezogene Mütter ihres Kulturkreises zuhause und unterstützen sie beispielsweise bei Erziehungsfragen oder auch Behördengängen. Für ihre Arbeit werden die Stadtteilmütter im Rahmen einer Beschäftigungsmaßnahme des örtlichen Job-Centers für 30 Stunden pro Woche angestellt.

Die interkulturellen Elterncafés sind immer gut besucht - auch die "Kleinen" sind stets willkommen, (c) Rebekka Wiemer

Die interkulturellen Elterncafés sind immer gut besucht – auch die „Kleinen“ sind stets willkommen, (c) Rebekka Wiemer

Scheitern gehört dazu

Angesichts der aktuellen Flüchtlingssituation ist insbesondere der Bedarf an Dolmetschern momentan groß – Melvide wird bald zusätzlich in einem nahe gelegenen Flüchtlingsheim arbeiten, in dem vor allem Wirtschaftsflüchtlinge aus dem serbischen Raum untergebracht sind.  „Wir brauchen dringend Leute, die die Kinder morgens zur Schule bringen“, so Tanja über das Kooperationsprojekt des Familienzentrums mit dem Flüchtlingsheim. Zusätzlich war auch ein gemeinsamer Ausflug geplant, an dem Flüchtlingsfamilien sowie Eltern des Familienzentrums teilnehmen sollten. Dieser konnte jedoch nicht stattfinden, da am Ziel des geplanten Ausflugsorts spontan Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien untergebracht werden mussten und nicht vorauszusehen war, ob ein Zusammentreffen von Menschen mit völlig unterschiedlichen Fluchtmotiven zu Streit und Komplikationen geführt hätte. „Ich habe drei Wochen Arbeit in das Projekt gesteckt“, sagt Tanja enttäuscht. Aber fest steht auch: „Die Situation ist einfach nicht absehbar, wir können die Verantwortung dafür nicht tragen.“

Ein erfolgreicher Start 

Doch trotz mancher Misserfolge hatte das Familienzentrum eine erfolgreiche Startphase. Highlights  waren beispielsweise ein Freibadbesuch sowie ein interkultureller Grill- und Tanzabend im Rahmen des Sommerferienprogramms: „Die Stimmung war super, am Ende haben wir alle getanzt.“ Alle Angebote sind inklusive Fahrkarten für Eltern und Kinder kostenlos:  „Wir legen Wert auf niedrigschwellige, partizipative Angebote“  – wenig Bürokratie und viel Selbstbestimmung der potentiellen Teilnehmer sind essenziell für eine langfristig erfolgreiche Zusammenarbeit.

Das „Wir“ gewinnt

Wichtig sei auch, den Eltern zu vermitteln, sich bei Problemen direkt an das Familienzentrum wenden zu können. So war kürzlich einer Alleinerziehenden aus Rumänien, deren Kinder die Kita besuchen,  bereits zum dritten Mal das Kindergeld von der Familienkasse nicht bewilligt worden. „Das Jugendamt war kurz davor, die Kinder aus der Familie zu nehmen“ – verständlich bei der aktuellen Wohnsituation. „Die Familie lebt in einem 17-Quadratmeter-Zimmer in einer Pension.“ Mittlerweile hat die Mutter einen deutschen Pass. Es fehlten aber noch die Steuer-Identifikationsnummern sowie  eine schriftliche Erklärung, warum bis jetzt kein Kindergeld empfangen wurde. Was für uns zum Teil schon schwierig ist, macht die Sprachbarriere unmöglich. Doch viele Betroffene wissen nicht, wo sie Hilfe bekommen können.

Nachdem das Kindergeld beantragt ist, muss die Familie nun möglichst schnell eine neue Bleibe finden – eine neue Herausforderung, doch Frau A. und auch Tanja bleiben optimistisch:  „Ich habe gesehen, dass sie bereit ist, sich zu öffnen, und auch vor allem, wie sie mit ihren Kindern umgeht“, so die 42-jährige, die selbst zwei Kinder im Grundschulalter hat. Sich über kleine Erfolge zu freuen, spontan zu sein und Misserfolge hinzunehmen – das alles sind Teilaspekte ihrer Arbeit. Trotzdem liebt sie ihren Beruf: „Ich könnte mit meiner Ausbildung theoretisch auch Manager coachen, doch eigentlich sind mir meine Neuköllner Eltern lieber.“

Rebekka Wiemer

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