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The Vaccines im Bandinterview

„Wir haben uns hohe Ziele gesetzt“

Viel ist passiert, seitdem „The Vaccines“ ihren Track „If you wanna“ im Jahr 2010 auf YouTube veröffentlichten und damit Begeisterungsstürme der britischen Musikindustrie auslösten. Drei Alben hat die Indie-Rock-Band seitdem veröffentlicht, auf ihren extensiven Tourneen brachte sie Fans auf der ganzen Welt zum Schwitzen. Vergangene Woche machten die Briten auch in München Halt und erwiesen unikat die Ehre, sie vor ihrem Konzert zum Interview zu treffen. Mit Sänger Justin und Bassist Árni sprachen wir über ihre laufende Europatournee, das Songschreiben und über ihr neues Album „English Graffiti“.

Redakteurin Katja im Interview mit Justin und Árni., (c) Christina Bacher

Redakteurin Katja im Interview mit Justin und Árni., (c) Christina Bacher

Ihr seid zurzeit auf Europatour. Wie gefällt es euch bis jetzt?

Justin: Touren in Europa im Herbst ist eines der besten Dinge, die man als Band erlebt. Man ist jeden Tag an einem aufregenden Ort, wie Paris, Amsterdam, Brüssel oder Berlin.

Árni: Man spricht auch überall eine andere Sprache, und in diesem Teil der Welt hat man immer helle, klare Herbsttage.

Justin: Ja, es ist einfach aufregend, immer in anderen Städten zu sein, so viele unterschiedliche Kulturen zu erleben. Das erste Mal, als wir durch Europa getourt sind, erzählte ich meiner Mutter ganz aufgeregt „Wir sind jeden Tag in einem anderen Land, es ist verrückt!“.

Árni: Wir haben allerdings in Europa noch nie eine Tour im Oktober oder November gemacht. Bisher nur im Sommer. Also ist diese Tour ein wichtiger Teil unseres Tagebuchs.

In welcher Stadt habt ihr auf dieser Tour bisher am liebsten gespielt?

Justin: Paris war gut.

Árni: Ja, und Brüssel war gut.

Justin: Zaragoza in Spanien war unser erstes Konzert dieser Tour, das Publikum dort war der Wahnsinn. Es ist überall so unterschiedlich. Aber ja, ich würde sagen, Paris und Brüssel.

Habt ihr irgendwelche Rituale, bevor ihr auf die Bühne geht?

Justin: Ja, es werden tatsächlich immer mehr Rituale. Wir haben eine Gruppenumarmung und wir verbringen eine halbe Stunde zusammen, um uns aufeinander einzustimmen. Wir hören uns bestimmte Songs an, spielen oder singen ein paar Minuten zusammen.

Árni: Es wird immer mehr, jedes Mal wenn wir auf Tour gehen. Denn wenn man vor einem Konzert etwas Neues macht und dann einen super Gig spielt, dann behält man das für den Rest der Tour bei, weil man sich denkt „Wenn wir das nicht tun, werden wir keine gute Show haben.“

Ihr seid ja schon durch die ganze Welt getourt, wart zum Beispiel in Hong Kong oder Brasilien und habt einen richtig vollen Tourplan. Kann dieses „Jetset“-Leben auch anstrengend sein?

Justin: Ja, sehr anstrengend. Man hat allerdings eine seltsame, insulare Energie, die einen immer weiter antreibt, und wenn man nach Hause kommt, realisiert man erst, wie müde man ist. Ich bin auch jetzt müde, aber ich garantiere dir, dass ich nach dem Gig plötzlich sehr viel Energie haben werde.

Ihr seid in Großbritannien eine wirklich große Band. Gab es einen Moment in eurer Karriere, an dem ihr realisiert habt, dass ihr jetzt groß rauskommt?

Justin: Es gab viele solche Momente, aber dann wiederum auch gar keinen. Man geht nicht die Straße entlang und denkt plötzlich „Oh, wir sind wirklich bekannt in diesem Land!“. Mir persönlich wird das immer bewusst, wenn wir Soundcheck haben und die Konzerthalle das erste Mal sehen. Ich denke dann „Woah, dieser Raum ist echt groß, kommen heute Abend wirklich so viele Leute?“ Das kommt bei mir immer noch oft vor, dass ich die große Halle sehe und mir denke „Das ist cool, wir spielen hier!“

Árni: Eigentlich haben wir unsere Erwartungen schon bei unserer ersten London-Show überschritten. Alles von diesem Moment an war sehr überraschend, man dachte sich: „Woah, was passiert hier?“ Also eigentlich haben wir diese Momente jeden Tag.

The Vaccines: Àrni, Freddie, Pete und Justin (v.l.n.r.), (c) Christina Bacher

The Vaccines: Àrni, Freddie, Pete und Justin (v.l.n.r.), (c) Christina Bacher

Ich möchte ein bisschen über euer neues Album „English Graffiti“ reden, das dieses Jahr herauskam. Es sind drei Jahre seit eurem letzten Albumrelease vergangen, warum gab es diese lange Pause?

Justin: Wir haben zwar eine Pause gemacht, aber eigentlich keine besonders lange. Nach dieser Pause haben wir angefangen, uns Gedanken darüber zu machen, wer wir sein wollen und wie wir weitermachen wollen, und das hat uns viel Zeit gekostet, wir haben viel ausprobiert, viel erforscht … Wir haben also eigentlich die ganze Zeit gearbeitet. Wir haben auch Fehler gemacht, bei dem Versuch, herauszufinden, was wir für ein Album machen wollen. Es war sehr wichtig für uns, dass wir es richtig machen und es ein wirklich gutes Album wird. Es gab erst auch viele Songs, die keinen Sinn machten. Aber es war eine lange Zeit, in der wir hart gearbeitet haben.

Wie würdet ihr den Sound eures neuen Albums beschreiben?

Justin: Alles in allem würde ich es als strebsam bezeichnen. Wir haben uns mit diesem Album hohe Ziele gesteckt. Wir haben versucht, Sounds zu bekommen, die wir so nie hatten und die die Welt so noch nicht gehört hat. Wir wollten, dass Leute auf der ganzen Welt das Album lieben werden.

Wie glaubt ihr, habt ihr euch als Band – professionell wie auch persönlich – seit dem letzten Album entwickelt?

Justin: Ich glaube, wir haben uns konstant als Menschen weiter entwickelt, nicht nur seit dem letzten Album.

Árni: Hoffen wir zumindest!

Justin: Es ist schwierig, das in Worte zu fassen, aber wenn ich daran zurückdenke, wie wir vor fünf Jahren als Menschen waren, dann waren wir da natürlich ganz anders. Natürlich auch irgendwie dieselben. Ich würde aber nicht gerne dahin zurückwollen.

Was inspiriert euch beim Songschreiben?

Justin: Mich inspiriert jeder, der mich umgibt, meine Freunde, meine Familie, Situationen. Ich denke, es ist wichtig, aus dem Herzen zu sprechen und so persönlich zu sein, wie es geht. Je persönlicher man ist, desto interpersönlicher, universeller wirkt man. Deswegen inspirieren mich zumeist meine eigenen Erfahrungen oder Erfahrungen von Freunden.

Wie sieht der Prozess des Songschreibens bei euch aus?

Justin: Wir haben wirklich alles schon mal probiert. Meistens bringt einer den fast fertigen Song ein und wir entwickeln das dann gemeinsam weiter, die Band macht daraus dann ihren eigenen Song.

Árni: Aber wir jammen nicht. Wir haben das etwa dreimal gemacht und alles klang …

Justin: … sehr unfokussiert!

Árni: (lacht) Ja, sehr unfokussiert!

Musikstreamingportale wie Spotify können dazu beitragen, neue Bands bekannt zu machen, sind aber auch dafür bekannt, den Interpreten kaum Gewinnbeteiligung zu bieten. Wie denkt ihr darüber?

Justin: Verbunden zu sein, macht die Dinge einfach. Musikaufnahmen werden heutzutage frei verfügbar konsumiert, sie sind wertloser geworden, aber Musik an sich ist es nicht. Musik als Business und als Industrie verändert sich, aber nicht als Kunst. Die meisten Musiker, die genug auf Spotify gestreamt werden, um eine Bezahlung zu rechtfertigen, bekommen viel Geld aus anderen Quellen. Wenn du zum Beispiel einen Song schreibst und der in der Großbritannien im Radio gespielt wird, bekommst du 50 Pfund – jedes Mal, wenn er gespielt wird. Natürlich wundert einen, wer bei Spotify bezahlt wird und wo das ganze Geld hingeht, denn es läuft alle 5 Sekunden Werbung. Aber ich habe nicht das Gefühl, Verluste zu machen.

Árni: Überhaupt nicht. Und ich finde, den Zugang zu solchen Streamingportalen zu verweigern, ist auch keine Lösung. Alles ist heutzutage zu jeder Zeit überall zugänglich, und Musik wird ein Teil davon sein, ob es einem gefällt oder nicht.

Letzte Frage: Was sind eure Pläne für die nahe Zukunft?

Árni: Wir spielen heute Abend ein Konzert in München! (lacht)

Justin: Ja, und nach dieser Tour spielen wir in Asien, Australien und Großbritannien.

Árni: Dann machen wir erstmal Urlaub …

Justin: … und dann versuchen wir, ein bisschen Musik zu machen, damit ihr nicht wieder drei Jahre lang auf ein neues Album warten müsst. (lacht)

Nicht nur erfolgreich, sondern auch sympathisch! The Vaccines mit den unikat-Redakteurinnen Katja und Christina. (c) Christina Bacher

Nicht nur erfolgreich, sondern auch sympathisch! The Vaccines mit den unikat-Redakteurinnen Katja und Christina., (c) Christina Bacher

Katja Reinhardt

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