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La dolce vita in Venedig

Zwischen Vorurteilen und Begeisterung

Dreckige Straßen, stinkende Kanäle, überteuerte Preise, unverschämte Italiener, ein Meer von Touristen und Tauben – wohl kaum eine Stadt kämpft mit so vielen Vorurteilen wie Venedig. Trotzdem besuchen jährlich über 16 Millionen Touristen die Lagune im Norden Italiens. Wir fragen uns: Wieso? Was motiviert Menschen sich in Touristenströmen durch winzigste Gässchen zu drängen und dabei Gefahrenquellen durch Selfie- und Touristenführerstäbe ausgesetzt zu sein? Wer bezahlt gerne sieben Euro für eine Einzelfahrt im öffentlichen Wasserbus und fünf Euro für einen Cappuccino? Wieso sich auf eine scheinbar unendliche Schnitzeljagd durch das Straßenlabyrinth begeben, bei der selbst online Navigationssysteme die Hilfe verweigern?

Venedig vor den Alpen

Venedig vor dem Alpenpanorama

Venedig ist anders, Venedig ist einzigartig, Venedig ist magisch

Mit ein wenig Geduld, viel Neugier und ein paar Tipps gelingt der Blick unter die Oberfläche und der Aufenthalt in der Lagune wird zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Die Preisspanne für Wein, Cappuccino, Eis und Co ist groß. Der Genuss am Stadtzentrum, der Piazza San Marco, erleichtert, dank Life-Konzerten von Jazzbands und Streichquartetten sowie einem unterhaltsamen Blick auf das Treiben zahlreicher Touristen und Tauben, das Portemonnaie spürbar. Für einen Cappuccino bezahlt man dort gerne bis zu fünf Euro. Tauscht man die touristische Atmosphäre jedoch durch die Gesänge einheimischer Gondoliere gemeinsam mit lautstarken Diskussionen einheimischer Venezianer in authentischen Bars, gibt’s Kaffee und Wein bereits in den kleinen Seitenstraße direkt hinter der Basilika San Marco schon für unter einen Euro. Ein Tipp: Getränke und Snacks an der Bar bestellen – so bezahlt man oft nur die Hälfte als bei der Bestellung am Tisch.

Die Kanäle zu zweit auf einer echten, venezianischen Gondel erkunden – was für eine romantische Vorstellung. Bei einem Preis von bis zu 100 Euro für eine Fahrt von 30 Minuten ist man schnell wieder in der Realität angekommen. Die Routen der Gondeln unterscheiden sich allerdings nur selten von den der öffentlichen Wasserbusse, Vaporetto genannt. Die Linie eins beispielsweise ermöglicht eine Sightseeingtour durch den gesamten Canale Grande. Zwar ohne Romantik und Zweisamkeit – doch die gibt’s in zahlreichen Minigässchen und versteckten Brücken direkt hinter den Hauptstraßen zur Genüge.

Romantische Gassen

Romantik pur in den kleinen Gässchen

Oasen der Ruhe

Der Weg von der Piazza San Marco über die Ponte die Rialto zum Hauptbahnhof Santa Lucia gleicht einer Menschenwanderung, die den Blick auf die Schönheit der kleinen Dinge versperrt. Durchatmen, entspannen, genießen – das geht auf den Inseln um das historische Zentrum. Vorbei an Murano und Burano: Auf nach Torcello und die Gemüseinseln Erasmo und Vignole! Dort wagt man es kaum, die Vogel- und Grillengesänge durch menschliche Gespräche zu stören. Mit dem Vaporetto erreicht man diese Oasen der Ruhe bereits in knapp einer halben Stunde. Eine perfekte Möglichkeit,  die ursprüngliche Schönheit der Lagune zu erkunden und den Touristenmassen für ein paar Stunden den Rücken zu zukehren.

Pizza für über zehn Euro? Pasta als Kinderportion?

„Restaurantbesuche in Venedig sind eine wahre Investition.“

Schade eigentlich, da die Lagune dank der Mischung aus Süß- und Salzwasser eine große Vielfalt an Fischarten und Meeresfrüchten beherbergt. Dessen Ausmaß zeigt ein Besuch auf dem Rialto Mercato: Sardinen, Wolfsbarsch, Lachs, Seeteufel, Muscheln, Tintenfische frisch aus dem Meer. Venezianer kreieren daraus ihre Nationalgerichte Sarde in Soar, Bacala sowie Pasta nero di seppia. Wer sich den teuren Restaurantbesuch sparen will, bereitet sich die Gerichte entweder selbst zu oder genießt diese in Miniaturgröße als Cichetti – die venezianische Variante der spanischen Tapas. Vor allem um den Rialto Mercato sowie auf dem Weg vom Hauptbahnhof zum Studententreffpunkt Campo Santa Margaritha präsentieren zahlreiche Baracri die liebevoll zubereiteten Häppchen für ein bis zwei Euro. Von belegten Panini über Bruschettavariationen bis zu kleinen Fischsnacks kennt die Phantasie keine Grenzen. Dazu genießt der Venezianer traditionell einen Ombra – ein kleines Glas Hauswein.

Venezianische Cichetti

Venezianische Cichetti

Wer nach einem ausgiebigen Sightseeing Tag noch gefüllte Energiedepots leeren möchte, hat es in Venedig schwer: In Sachen Nightlife kann Venedig aufgrund von der begrenzten Kapazitäten der Insel kein großes Angebot vorweisen. So schließen die meisten Lokale bereits um zwei Uhr nachts, die Party im einzigen Club der Stadt endet spätestens um vier. Nachtschwärmer verweilen danach auf dem Campo Santa Margherita oder der Fondamenta Misericordia – da geht’s meist etwas länger.

Unvergessliche Erinnerungen

Nur ein bisschen Offenheit, Interesse und ein waches Auge: Schon zeigt Venedig sein wahres Gesicht – und pauschale Vorurteile müssen individuellen Erlebnissen mit unvergesslichen Erinnerungen weichen.

Mit der Gondel auf Erkundungstour in der Lagune

Mit der Gondel auf Erkundungstour in der Lagune

Johanna Böllmann

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