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Im Selbstversuch: Eine Woche vegan

Die Entdeckung des Kleingedruckten

In Deutschland ernähren sich derzeit ungefähr 900.000 Menschen vegan. 900.000 Menschen verzichten also täglich auf jegliche Art von tierischen Produkten – angefangen beim Honig, über Milch und Joghurt bis hin zum Steak. Viele verzichten außerdem noch auf Kleidung oder Kosmetik, die durch tierischen Nutzen hergestellt wurde. Gründe für Veganismus gibt es viele: Massentierhaltung, Tiertransporte, Umweltschutz und die eigene Gesundheit – denn das Märchen, wir bräuchten Fleisch und Milch um groß und stark zu werden, wurde längst aufgeklärt und bei der heutigen Menge an Nahrungsmitteln ist eine vegane Ernährung für jeden geeignet. So viel zur Theorie. Aber was bedeutet Veganismus im Alltag? Wohlgemerkt im studentischen Alltag, mit leerem Geldbeutel und Netto als Stammsupermarkt? Das habe ich, die nicht vegetarisch Lebende, dauernd sparende Studentin, eine Woche für unikat getestet.

Samstag: Auf der Suche nach dem Verbotenem

Meine Planung für die vegane Woche beginnt mit dem Einkauf am Samstag Nachmittag. Hier habe ich schon Schlimmstes befürchtet, denn ich war bisher der Meinung: Vegan = schweineteuer. Man denke da nur mal an das Aganvendicksaftfläschen für stolze fünf Euro. Da ich ja aber herausfinden möchte, wie es sich als Ottonormalstudent vegan lebt, sind meine Supermärkte des Vertrauens gefragt: Netto und Real.
Geplant sind also: Ausgaben insgesamt um die 30 Euro und eine Einkaufszeit von etwa einer Stunde. Während ich sonst immer einfach munter ins Regal gegriffen habe, stürze ich mich jetzt in eine intensive Zutatenlektüre bei (fast) jedem Produkt, denn:

„Man weiß ja nie, wo sich überall ein Ei oder Milch verstecken könnte“

Da ich Gemüse und Obst vorrätig hatte, besteht mein Einkauf am Ende hauptsächlich aus Alpro-Produkten und – muss man schließlich probieren – Tofu Bolognese.

Das Ergebnis des ersten veganen Einkaufs, (c) Viktoria Lack

Das Ergebnis des ersten veganen Einkaufs, (c) Viktoria Lack

Sonntag: Die erste große Herausforderung

Der erste vegane Tag ist gleich eine Herausforderung: Ich bin den ganzen Tag unterwegs und sitze acht Stunden in der Arbeit – ohne Kantine, nur mit dem berüchtigten „Snack-Bär“ voller Gummibärchen und Schokolade. Also heißt es: Raus mit den Tupperboxen und vorkochen!
Ausgerüstet mit Quinoa-Salat, einem Alpro-Joghurt und Nüssen ziehe ich los und siehe da – kein Problem das Ganze. Man braucht zwar eine etwas größere Tasche, aber damit kann ich als Frau durchaus leben. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass mir irgendetwas fehlt und Nüsse snacken ist sowieso viel gesünder als Schokoriegel, oder?

Montag: Eine vegane Sachertorte, bitte!

Da ich natürlich auch das vegane Erlebnis außerhalb meiner Küche haben möchte, geht es heute mit einer Freundin ins vegane Restaurant „Max Pett“ am Sendlinger Tor. Erste Reaktion beim Anblick der Speisekarte:

„Also doch, Veganismus hat seinen Preis!“

Wir entscheiden uns für das Tagesmenü für 8,50 Euro: Wokgemüse mit Sprossen und Reis. Sehr lecker, aber wenn man dazu ein Hähnchen oder gebratene Ente… Nein, stopp: Vegan ist angesagt! Als Nachtisch teilen wir uns eine vegane Sachertorte und die schmeckt wirklich super lecker. Aber ich erwische mich doch dabei wie ich zwischen zwei Bissen überlege: Wie bekommen die das komplett ohne Eier und Milch so lecker gebacken?

Die vegane Sachertorte im "Max Pett", (c) Viktoria Lack

Ein veganer Genuss: Die vegane Sachertorte im „Max Pett“, (c) Viktoria Lack

Dienstag: Peinliche Nachfragen

Also eins steht mittlerweile fest: Vorbereitung ist das A und O bei der veganen Ernährung. Heute ist es mir passiert, dass ich nichts zum Essen dabei hatte und dann halb verhungert beim Bäcker stand und nicht wusste, was ich essen darf. Also kam es zu der (von mir gefürchteten) Frage: „Haben Sie auch was Veganes?“ Und siehe da: Jawohl, Sonnenblumenkernsemmel zum Beispiel. Gut, gekauft. Wieso mir diese Frage etwas unangenehm war? Ich weiß es ehrlich gesagt selbst nicht und die Verkäuferin hat ja auch ganz freundlich reagiert.
Am Abend beim spontanen After-Uni-Bier bin ich dann fast noch ins Fettnäpfchen getreten: Nach der Uni noch schnell zum Tengelmann, Bier und einen Snack besorgen – klar, kein Problem! Dachte ich zumindest, bis mir dann an der Kasse die sehr offensichtlichen Hähnchenstücke in meinem Wrap aufgefallen sind und ich nochmal zur Kühltheke zurückeilen musste, um einen veganen Ersatz zu finden (auch hier: Intensives Studium der enthaltenen Zutaten). Bei der Gelegenheit habe ich dann auch gleich noch mein Radler überprüft – man weiß ja nie.

Mittwoch: Sei kreativ!

Heute ist der erste Tag, an dem ich komplett zu Hause koche und esse und deshalb auch meine Vorräte erstmal genauer unter die Lupe nehme: Welche Nudeln sind vegan? Was ist mit dem Müsli? Und wie verwende ich meine Avocados am besten? Wie heißt es so schön: Google ist dein Freund. Also schnell nach einem veganen Nudelrezept gegoogelt und voilà: Nudeln mit Zuccini und Avocadopesto á la moi. Ich will mich ja nicht selbst loben, aber das schmeckt wirklich richtig lecker! Zweite Erkenntnis des Veganen Daseins: Kreativität ist gefragt.

Super lecker: Avocadopesto!, (c) Viktoria Lack

Super lecker: Avocadopesto!, (c) Viktoria Lack

Donnerstag: Den Durchblick nicht verlieren

Dieser Moment, wenn man beim Bäckerregal im Tengelmann das Kleingedruckte lesen muss… Also, was Brot und Backwaren angeht, habe ich immer noch nicht so wirklich den Durchblick – kann man als Veganer nicht einfach schnell zum Bäcker laufen und sich was mitnehmen? Oder was ist mit Schokolade und Co.? „Kann Spuren von Milch enthalten“ – bedeutet das dann schon gleich, dass es nicht vegan ist? Selbst viele vegetarische Produkte enthalten immer noch Ei, Milchpulver oder sonst ein tierisches Produkt. Und dann die nächste Frage: Was kommt aufs Brot? Schon mal keine Wurst, Käse, Butter und noch nicht mal Honig. Hummus? Auberginenaufstrich? Langsam komme ich hier doch an meine Grenzen. Naja, wenigstens die Tofu Bolognese war lecker.

Man beachte das Kleingedruckte!, (c) Viktoria Lack

Man beachte das Kleingedruckte!, (c) Viktoria Lack

Freitag: Grünzeug vs. Schweinebraten

Kurz vor Schluss kommt nochmal ein Härtetest: Die Kantine in der Arbeit. Nachdem ich vormittags schon jeden – wirklich JEDEN – Schokoriegel im „SnackBär“ inspiziert hatte (nur um festzustellen, dass ich keinen davon essen darf), stehe ich nun hungrig vor der reizenden Kantinendame und darf zwischen Schweinebraten mit Pommes oder Risotto mit Hähnchen wählen. Bravo. Das Risotto gäbe es auch vegetarisch, da wäre aber doch Milch drin. Ansonsten solle ich mir doch einen Salat holen. Hmpf. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als mich am Salatbuffet zu bedienen, was bei der Hitze wahrscheinlich auch nicht das Schlimmste ist. Trotzdem, so recht mundet mir das Grünzeug dann doch nicht – vor allem, weil ich meiner Kollegin dabei zusehen muss, wie sie sich den Schweinebraten reinhaut.

Die einzige vegane Kantinenoption, (c) Viktoria Lack

Die einzige vegane Kantinenoption, (c) Viktoria Lack

Samstag: Der letzte Tag

Der letzte vegane Tag beginnt für mich so, wie die Woche angefangen hat: Mit acht Stunden Arbeit, geschlossener Kantine und einer Menge Tupperboxen. Es gibt – zum vierten Mal diese Woche – Quinoa-Salat. Ich glaube, wenn ich das vegane Dasein länger durchziehen wollen würde, müsste ich mir erstmal ein Kochbuch zulegen oder das Internet nach verschiedenen Rezepten durchforsten, um nicht ständig das selbe zu essen. Als Snack habe ich wieder Alpro-Joghurt und Nüsse dabei – beides wurde im Verlauf der letzten Woche zu meinen neuen Favoriten, was Snacks und Süßes betrifft. Am Ende des Tages stellt sich mir dann die Frage: Wie war’s denn jetzt eigentlich als Veganer?

Fazit: Um eine vegane Erfahrung reicher

Gegen Ende der Woche habe ich mich doch etwas eingeschränkt gefühlt. Es ist nicht so, dass ich unglaubliche Lust auf Fleisch oder Milchprodukte hatte, eher dass ich es leid geworden bin, ständig und überall die „nicht vegane Gefahr“ zu entdecken. Ich habe meine kulinarische Spontanität viel mehr vermisst, als den Joghurt zum Frühstück oder die Wurst in der Semmel. Es ist ja nicht so, dass Veganer nicht genug Möglichkeiten hätten, allerdings stehen diese nun mal nicht jederzeit zur Verfügung – und kosten teilweise auch echt zu viel für meinen Geschmack. Klar, die Veganer unter euch werden jetzt sagen: Ist es dir den Zeitaufwand nicht wert, wenn du dadurch ein unschuldiges Tier rettest? Hmm.

„Laut PETA rettet ein Veganer 198 Tiere pro Jahr!“

Eine Zahl, die für mich schon sehr unrealistisch klingt. Ich meine, nur weil ich mich entscheide, keine Butter auf mein Brot zu schmieren, wird die Kuh doch auch nicht wieder aus dem Schlachthaus entlassen? Doch das muss wohl jeder mit sich selbst vereinbaren. Ich für mich fasse jedenfalls folgenden Entschluss: Ich werde weiterhin so gut es geht auf die Herkunft und die Zutaten meiner Lebensmittel achten und mit Sicherheit auch nochmal das ein oder andere Alternativprodukt kaufen. Bewusste und gesunde Ernährung soll ja auch nicht so schlecht sein, habe ich mir sagen lassen. Aber wenn ich am Monatsende nur noch Geld für den Döner habe, werde ich ihn mir kaufen – und nicht das überteuerte Seitan-Modell. Und wenn ich morgen Abend beim Raclette mit Freunden den Käse gereicht bekomme, dann werde ich mit Sicherheit – nichts für ungut – nicht nein sagen.

Viktoria Lack

6 Kommentare

  1. Ich finde, Menschen sollten sich viel öfter und intensiver mit ihrer Ernährung beschäftigen und nicht nur die Inhaltsstoffe checken, wenn sie sich mal eine Woche vegan ernähren möchten.
    Ich habe den Selbstversuch vor über zwei Jahren vier Wochen lang konsequent durchgezogen und fand es nach einer Woche gar nicht mehr so schwer – man kennt die Produkte und deren Zusammensetzung recht schnell und spart außerdem eine Menge Zeit, wenn man die Fleisch- und Wurstwarenabteilung im Supermarkt links liegen lässt. So ist man ruckzuck mit dem Einkauf fertig, netter Nebeneffekt. ;-) Ich merkte sofort, wie sich der Körper umstellt und bin dabei geblieben – ab und an gönne ich mir ein Stück Käse oder Quark und finde das auch nicht schlimm. Auf Fleisch war ich nie besonders scharf.

    Ich empfehle Dir, den Döner mit Falafel und Sesamsoße zu nehmen – vegan und genauso teuer wie einer mit Fleisch :-)
    Und wenn du doch lieber zuhause kochst: schau mal auf meinem Foodblog http://www.minzgruen.com vorbei und lass Dich inspirieren von dem, was die vegetarische und vegane Küche so zu bieten hat. :o)

    Liebe Grüße aus Leipzig, Aileen

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  2. Eine Woche ist definitiv zu kurz, damit man sich auch richtig vegan ernährt. Aber es wurde schon auf den Punkt gebracht, das Einkaufen ist extrem. Ich selber habe gar keine Zeit groß die Zutatenlisten zu studieren und selbst wenn man das eine Zeit gemacht hat und vegane Produkte gefunden hat, so muss man eigentlich immer schauen, denn manchmal ändern die Hersteller die Zutatenliste und was noch beim letzten Einkauf ok. war, ist es dann mit einem Mal nicht mehr! Das ist ein enormer Zeitaufwand und dann die ganzen E-Nr.

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  3. Man kann ja erst mal als Vegetarier anfangen, dann ist der Einstieg nicht so schwer.

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  4. Eine Woche ist wirklich zu kurz. Zum veganen Leben gehört auf jeden Fall eine Umstellungsphase, eine Zeit der Rumprobierens und Experimentierens.
    Und ja, in der Anfangszeit ist das Einkaufen etwas „umständlicher“, da man sich neu orientieren muss. Nach einer gewissen Zeit „kennt“ man jedoch „seine Produkte“, und das Einkaufen normalisiert sich wieder, man weiß wo man hingreifen muss und an welchen Regalen man vorbei läuft. Das fühlt sich dann nicht mehr anders an, als vorher auch.
    Und es empfielt sich, es so zu handhaben, wie sonst auch: Man sucht sich aus, was man kochen will und besorgt sich die nötigen Zutaten.
    Wenn man planlos einkauft, braucht man sich nicht zu wundern, wenn man keinen Plan hat, was man essen könnte.
    Es gibt hunderttausende wirklich leckerer, vegane Rezepte im Internet, hunderte Kochbücher und viele vegane Rezeptegruppen auf Facebook. Vegane ernährung ist unglaublich lecker und vielseitig. 4x die Woche Quinoasalat würde mir im Traum nicht einfallen.
    Nein, Vegan ist nicht teurer, im Gegenteil, so zeigt die Erfahrung, solange man sich nicht auf Fertigprodukte stürzt. Im Gegenteil, es ist sogar billiger und die Differenz kann man verwenden, um dafür hochwertigere Produkte zu kaufen.
    Dass Kantinenessen und Restaurantbesuche bezüglich Vegaan immer noch etwas problematisch sind, ist hinlänglich bekannt und keine Überraschung. Als Veganer weiß man das und kann sich entsprechend darauf einstellen.
    Ich empfehle, dieses „Experiment“ einfach mal „richtig“ und über einen längeren Zeitraum durchzuziehen, sich umfassend zu informieren, was es alles gibt und worauf man achten sollte, mit der Option, hinterher sogar dabei zu bleiben, und nicht mit dem Gedanken: „Noch ein paar Tage, dann gibts wieder Currywurst!“
    Es gibt viele Menschen, die dabei sehr gerne behilflich sind.

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  5. Lob & Kritik:

    Vorab: deine offene, relativ unvoreingenommene Haltung hat mir sehr gut gefallen. Die meisten, die die vegane Ernährung ausprobieren, tun es nicht richtig und machen es nur, um zu begründen, warum sie dann doch weiter Fleisch, Hühnermenstruation & co. in sich reinstopfen.
    Du warst da wirklich offen und bist gut an die Sache rangegangen. Glückwunsch! :)

    Man muss sich natürlich vor der Ernährungsumstellung gut informieren.Und mit der Zeit gewöhnt man sich an alles, die ersten 1-2 Wochen sind die schwersten, danach ist es ziemlich einfach.
    Zur PETA-Statistik: Doch, natürlich ist diese Zahl realistisch. Es geht um Angebot und Nachfrage, und darum, wieviel du sonst gegessen hättest. Wenn du zu jeder Mahlzeit etwas unveganes isst, isst du zwar nicht das ganze Tier, aber es wird ein ganzes Tier dafür getötet.
    Wenn du 365 Tage pro Jahr hast und dann knapp 1 Tier pro Tag rechnest.. haut schon hin.

    Du kannst dich mit Haferflocken, Bulgur, Couscous, Quinoa, Hirse, Kichererbsen, Linsen, Bohnen & co (von der Hälfte dieser Nahrungsmittel haben die meisten Nichtveganer noch nicht mal gehört – von wegen vegan ist eingeschränkt!) gesunder ernähren, als du es als Omnivor tust.

    Unterwegs ist es natürlich manchmal schwer, bei Freunden auch.
    Aber da muss man entweder für sich selbst sorgen/vorbereiten oder suchen.
    Nach einer Weile ist das auch nicht mehr so schwierig.

    Am Ende des Tages würde ich jedoch immer fragen (und ich kann dir gerne eine Liste aller Argumente schicken, die belegen/erklären, warum es so ist):

    Ist dir der Geschmack von Fleisch/Tierprodukten oder die Simplizität des Erwerbs wirklich wichtiger als die Umwelt, die Tiere, die Mitmenschen und die eigene Gesundheit?
    Wahrscheinlich nicht. Leg dir „Vegan für Faule“ zu, das ist zum Einstieg perfekt.

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  6. * nicht nur gesunder, sondern auch günstiger!!

    Aber das hat Chris ja schon sehr gut erläutert. :)

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