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Amerikanistin vs. Chemikerin

Liebe Chemikerin,

erstmal freue ich mich sehr, dass ich dich für unseren kleinen Austausch aus dem Labor locken konnte. Es kann ja nicht gesund sein, immer nur von Schwefeldioxiden und Kohlenstoffmonoxiden umgeben zu sein. Oder darfst du überhaupt schon ins Labor? Also so richtig mit Explosionen, Reagenzgläsern und Bunsenbrenner?

Ich muss zugeben, ich habe ein bisschen recherchiert, wie so ein Chemie-Stundenplan an der TU denn überhaupt aussieht. War eine nette Gelegenheit für einen kleinen Mittagsschlaf. Anorganisch, Organisch, physikalisch, biochemisch… Bla Bla Bla. Wo ist die Spannung, liebe Chemikerin? Wo sind die Experimente, die die Welt verändern werden?

Wahrscheinlich musst du erstmal fünf Semester deinem Professor dabei zu sehen, wie er die ganzen spannenden Versuche durchführt, bevor du selbst ran darfst. Ist bestimmt ganz nett, aber so weit war ich damals in der 10. Klasse auch schon. Natürlich hatte ich damals noch keine dynamische Schutzbrille oder – das Must-Have schlechthin – diesen weißen Chemiker-Kittel. Der ist ja wirklich zu ALLEM kombinierbar, ein echter Dauerbrenner.

Apropos Brenner: Hast du deine Augenbrauen noch? Deine Haarspitzen sehen auch etwas verkohlt aus – man sagt euch doch in den Vorlesungen sicher, dass ihr das nicht zu Hause nachmachen dürft?

Womit sich mir wieder die Frage stellt: Was dürft ihr machen? Und es geht noch weiter, was wirst du machen? Wenn du es dann endlich zu den Reagenzgläsern geschafft hast, was kommt danach? Ich gehe davon aus, dass nicht jedem Chemiker die Gaben Marie Curies in die Wiege gelegt wurden, aber wie verdient man sich denn dann nach dem Studium seine Brötchen? Ich sehe dich schon gelangweilt in einem Klassenzimmer an meinem alten Gymnasium unterrichten, weil es zum Nobelpreis dann doch nicht gelangt hat.

Nun ja, no risk no fun! (Das ist Englisch für: Selber schuld.)

Viel Glück und nicht aufgeben,

Deine Amerikanistin

… und die Antwort:

Liebe Amerikanistin,

vielen herzlichen Dank für deinen Brief. Es ist schön, einmal etwas anderes als „Puhh, also das wäre ja gar nichts für mich!“ zu hören, wenn ich jemandem eröffne, was ich studiere.

Um auf deine Fragen zu sprechen zu kommen: Ja, ich durfte tatsächlich schon von Beginn meines Studiums an ins Labor. Die Praxis ist ein sehr wichtiger Teil des Chemiestudiums – und wie du bereits erwähntest, ist es tatsächlich ein Glück, einen Chemiestudenten einmal außerhalb des Labors anzutreffen. Dass ein solcher Workload – neben der täglichen Laborarbeit müssen wir natürlich auch noch Vorlesungen besuchen, Übungsblätter bearbeiten und Protokolle schreiben – für dich fremd ist, ist ja eigentlich klar. Denn dagegen ist ein Studium der Geisteswissenschaften mit zwei bis drei Vorlesungen pro Semester vermutlich eher eine Nebenbeschäftigung. Den Rest der Zeit verbringst du dann vor dem Spiegel oder beim Feiern.

Explosionen gibt es bei uns sehr selten, denn idealerweise sind wir bestens über die Chemikalien informiert, mit denen wir arbeiten. Okay, es kommt zwar trotzdem manchmal zu Unfällen und ab und an wurde auch schon das Gebäude evakuiert, aber auch dabei handelt es sich meist nicht um Explosionen, sondern „nur“ um den Austritt giftiger Chemikalien oder um Brände. Aber wie gesagt: Die meiste Zeit über wissen wir, was wir tun.

Es mag ja sein, dass sich die Fächer, die man im Bachelorstudium der Chemie belegt, erstmal langweilig anhören. Vor allem für jemanden, der keine Ahnung hat, was sich dahinter verbirgt. Allerdings werden hier tatsächlich die Grundbausteine für die wichtigsten Problemstellungen unserer Zeit gelegt: Sei es nun die Entwicklung neuer Pharmaka, die Optimierung von Batterien oder die Analytik von Schadstoffen in der Umwelt, Chemiker werden überall gebraucht – und zwischen Lehrer und Nobelpreisträger stehen mir als Chemikerin zum Glück noch zahlreiche weitere Optionen offen. Und was kannst du so, wenn du mit deinem Studium fertig bist? Hm. Du kennst dich so ein bisschen mit Amerika aus. Na ja, ist ja auch schon mal was.

Was mich dazu führt, dir die Gegenfrage zu stellen: Was macht man eigentlich so als studierte Amerikanistin? Ich denke, du weißt genauso gut wie ich, dass nur die Besten eurer Absolventen Anstellungen in Wirtschaft oder Politik erhalten, diejenigen, die neben ihrem Studium noch tausende von Praktika absolviert haben und das nötige Vitamin B besitzen. Was bleibt dann also für die restlichen 99 Prozent von euch? Vermutlich das, was für den Rest der Geisteswissenschaften auch bleibt: Irgendwas mit Medien. Und dieses Berufsfeld ist ja sowieso geradezu überflutet von Aspiranten. Das heißt also: Du endest entweder als mittellose, freie Journalistin oder du servierst Burger und Pommes, aber das passt ja auch irgendwie zu Amerika.

Nichtsdestotrotz wünsche ich dir natürlich alles Gute für deine Zukunft! Genieße dein Partystudium, solange du kannst, denn schon allzu bald fängt der triste Alltag des erfolglosen Berufslebens an.

Vielleicht sehen wir uns ja in zehn Jahren wieder und können über unsere (un)erfüllten Karriereträume plaudern, aber ich bezweifle es, denn ich esse nicht so gern bei McDonalds.

Herzlichste Grüße,

Deine Chemikerin

Amerikanistin vs. Chemikerin

Amerikanistin vs. Chemikerin

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