Wir schreiben München – schreibt mit!

Wo die Liebe hinfährt

Die Stabstelle Mobilität im Referat für Stadtplanung und Bauordnung in München rechnet in Zukunft mit zunehmenden Einwohner- und Arbeitsplatzzahlen. Das ist einer der Gründe, weshalb die Verkehrs- und Siedlungsplanung immer mehr an Bedeutung gewinnt. Die 21-jährige Vanessa Steinmayr zeigt, wie mobil die heutige Gesellschaft bereits ist und wie sie sich weiter entwickeln kann. Zwischen Kaffee und Car Sharing. 

„Ob ich Raucherin bin, hat er gefragt!“, Vanessa lächelt kurz und tippt mit ihren langen, rot lackierten Nägeln mechanisch auf ihrem Smartphone herum. Sie antwortet gerade einem Fahrer von BlaBlaCar!, den sie kurz zuvor angeschrieben und gefragt hat, ob er sie am Freitag auf seiner Fahrt von München nach Regensburg mitnehmen könne. Sie legt ihr Handy weg, nimmt ihren Latte Macchiato und trinkt einen Schluck. „Ja, es ist schon nervig, dass ich Chris nicht jeden Tag sehen kann, aber so organisiert man sich wenigstens schnell zusammen!“. Chris ist ihr Freund und wohnt in Regensburg und nein, Vanessa raucht nicht.

Vanessa (21 Jahre alt) erzählt über ihre BlaBlaCar & Call a bike-Erfahrung.

Vanessa (21 Jahre alt) erzählt über ihre BlaBlaCar & Call a bike-Erfahrung

Die Zwei führen eine Fernbeziehung, doch wie sagt man so schön: Wo die Liebe hinfährt! Für Vanessa ist das dank der Mitfahrgelegenheiten kein Problem. Ihren schwarzen Afro hat sie zu einem Dutt zusammengebunden. Ihr Vater kommt aus Nigeria, die Mutter ist Deutsche, von ihrer Großmutter, die thailändische Wurzeln besitzt, habe sie die asiatischen, schönen, braunen Augen geerbt.

Mitfahren statt selber fahren, seit vielen Jahren ist das ein großer Trend in Deutschland. Und warum auch nicht? Laut Fabien Nestmann, Deutschlandsprecher von Uber, melden sich allein in Deutschland jeden Tag 1.000 weitere Menschen für Carsharing-Dienste an. Christian Schiller, Pressesprecher von BlaBlaCar! kann folgende Bilanz ziehen: „Die ersten Personen, die unser Angebot annehmen, sind tatsächlich jüngere Leute, die sich sagen: Ich muss Geld sparen, ich kann nicht immer mit teuren anderen Verkehrsmitteln fahren.“ Allerdings, so Schiller, entwickle sich die Demografie der Nutzer immer weiter, sodass auch zunehmend ältere Leute Mitfahrgelegenheiten nutzen. Auch Vanessa fährt aus Kostengründen lieber bei anderen mit und „weil darüber online immer die meisten Angebote zu finden sind“.

Ein Beispiel Bild eines Uber-Fahrers (c) Uber

Ein Beispiel Bild eines Uber-Fahrers (c) Uber

Braucht in Großstädten dann überhaupt noch jeder ein Auto? Wenn es nach der Meinung von Vanessa geht, definitiv nicht. Und auch Simon Baumann, Pressesprecher von Mitfahrgelegenheit.de, meint: „Wenn man auf die Straßen und in die fahrenden Autos hineinschaut oder sich bei Tankstellen umschaut, wird man bemerken, dass in den meisten Autos nur eine oder zwei Personen sitzen – das ist sehr ineffizient. Die Mitfahrgelegenheit ist dann die Gelegenheit, diese freien Plätze verfügbar zu machen.“ Freie Plätze mag es in den Autos genügend geben – in Garagen oder an Parkplätzen sind diese allerdings so rar wie die Freude, die einem vergeht, wenn man morgens auf dem Weg zur Arbeit wieder im Stau steht. Das Ziel wäre es folglich, das Parkplatz-Problem zu verringern, indem sich mehr Leute ein Auto teilen oder ausleihen, so Artur Schmidt von Carsharing.

Vanessa wirft einen Blick auf die Uhr: Gleich hat sie eine Vorlesung. Sie verlässt das Café und geht zu ihrem Rad, welches sie sich über Call a Bike ausgeliehen hat. Sie gibt eine vierstellige Nummer auf dem Display ein, das sich beim Rad unter einer Öffnungsklappe befindet und das Fahrradschloss öffnet sich. Denn nicht nur das Mitfahren funktioniert inzwischen problemlos: Wer nur kurze Strecken zurücklegt, kann sich über sein Handy bei verschiedenen Anbietern ein Fahrrad borgen. „Man ist bei Call a Bike nicht an das Rad gebunden und ist es nach der Abgabe auch wieder los.“, sagt zum Beispiel Dr. Frank Wolter, Director PR bei der Platform eMobility. „Das ist zum Beispiel praktisch, wenn das Wetter wechselt oder man nach einem Einkauf doch lieber mit dem Bus nach Hause möchte.“ Zudem verbrauchen Räder weniger Platz in der ohnehin engen Stadt.

Um ihren Freund in Regensburg zu besuchen, nutzt sie fast wöchentlich BlaBlaCar.

Um ihren Freund in Regensburg zu besuchen, nutzt sie fast wöchentlich BlaBlaCar.

Vanessa steigt auf ihr „Stahlross“. Wenn sie schon ganz mobil BlaBlaCar! und Call a Bike nutzt, könne sie sich dann auch vorstellen, mit einer Gondel durch München zu fahren? Diese Vision haben jedenfalls die Stadtplaner Thomas Kantke und Stefan Baumgartner: Sie wollen mit Hilfe einer Gondel von Englschalking nach Riem die Fahrtzeit zum Flughafen für Messebesucher deutlich verkürzen. Vanessa lacht und schüttelt den Kopf. Dabei sieht man ihr Zahnsteinchen, das sie als Zahnschmuck trägt. Georg-Friedrich Koppen, der für die Stadtplanung und Bauordnung der Stadt München zuständig ist, kennt solche Reaktionen: „Klar denken da manche: Spinnt ihr, was macht ihr denn da für einen Blödsinn, das kann ja gar nicht funktionieren? Aber wenn diese Idee erst einmal weiter geprüft ist und auch finanziert werden kann, dann: warum nicht?“

Bis nach Englschalking will Vanessa aber heute sowieso nicht. Sie fährt jetzt erst einmal in die Uni – und dann mit der Mitfahrgelegenheit zu ihrem Chris nach Regensburg.

Daniela Rothgang

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.