Wir schreiben München – schreibt mit!

The road less travelled…

is less travelled for a reason

unter diesem Motto macht sich Andreas – auf seiner Internetseite auch unter dem Pseudonym Gletschersau bekannt – jeden Sommer auf den Weg querfeldein durch die Berge.

„Die Alpenüberquerung mit dem Mountainbike ist für mich immer noch eines der besten Erlebnisse im Jahr. Eine Woche allein sein mit der Natur und deinem Bike, eine Woche lang leiden, schwitzen, hungern, an deine Grenzen gehen, und die traumhaft schöne Hochgebirgswelt erleben – das ist einfach durch nichts zu ersetzen.“

Neben Bike, Campingutensilien und der passenden Verpflegung gehört seit 2010 auch eine Videokamera zu seiner Grundausrüstung, denn seitdem veröffentlicht Andreas seine Touren mit großem Erfolg bei YouTube. Hierbei dokumentiert er nicht nur rasante Abfahrten, für die zwecks Kameraplatzierung mal eben hunderte Meter steil bergauf geklettert werden müssen, sondern auch viele andere interessante Dinge aus dem Alltag eines Transalp-Tourers – vom unfreiwilligen nächtlichen Kontakt mit Wildschweinen bis hin zu Tutorials für die Zubereitung energiereicher Snacks. Dieses Jahr war er zum ersten Mal zu Fuß unterwegs – auf einer nicht weniger anspruchsvollen Route.

Andreas ist schon lange ein passionierter Biker. Seine erste große Tour unternahm er Anfang der 90er Jahre als Student zusammen mit einem Kumpel: Auf Dreigangrädern tourten sie über einen Monat lang quer durch Griechenland – bepackt mit nicht viel mehr als einem Zelt. Kurze Zeit später ersetzte er sein Dreigangrad durch ein geländetaugliches Mountainbike, und überquerte Anfang der 2000er Jahre zum ersten Mal die Alpen, damals noch in der Gruppe. „Die Alpenüberquerung ist die Königsdisziplin der Mountainbiker“ – eine Königsdisziplin, die perfektioniert werden will: „Mir war klar: Ich möchte nochmal eine Alpenüberquerung machen, aber auf einer etwas anspruchsvolleren Route.“

Die Alpenüberquerung - die Königsdisziplin der Mountainbiker

Die Alpenüberquerung – die Königsdisziplin der Mountainbiker, (c) Gletschersau.de

Eine solche Tour bedarf der passenden Vorbereitung: „Es ist wichtig, dass man fit genug ist, sein Mountainbike beherrscht und Durchhaltevermögen hat“. Eine Woche vor Beginn des Trips wird dann entspannt, um noch einmal „die Akkus aufzuladen“, bevor es losgeht. Unerlässlich ist es auch, sich bezüglich des Wetters vor Ort zu informieren. Zudem ist Andreas Mitglied im Alpenverein und damit für Unfälle in den Alpen noch einmal extra versichert.

Energiespender für zwischendurch

Energiespender für zwischendurch –  Müsliriegel nach eigenem Rezept selbstgemacht, (c) Gletschersau.de

An seinen Startpunkt gelangt er mit dem Zug – und von dort aus geht es mit dem Bike ab in die Berge. Wie sieht ein typischer Alpencross-Tag aus? „Ich übernachte in der freien Wildbahn im Biwak. Gegen sechs Uhr wache ich auf, packe meinen Rucksack zusammen, steige auf’s Radl und fahre los“ – die Route hat er zuvor mithilfe verschiedener GPS-Tools genau ausgearbeitet. Zur Orientierung vor Ort sind neben einem speziellen Outdoor-GPS-Gerät auch immer Landkarten vonnöten. Alle ein bis zwei Stunden macht er eine kurze Pause, mittags kehrt er meist in einen Gasthof ein und schlägt mit Anbruch der Dunkelheit sein Nachtlager auf. Ist so eine Tour allein denn nicht auch ein bisschen gefährlich? „Eine Alpenüberquerung ist, wenn man sein Bike beherrscht und sich in den Alpen auskennt, nicht gefährlicher als im Münchner Straßenverkehr mit dem Fahrrad zu fahren.“ Auch Wildscheine treffe man in den Alpen eher selten an – „wenn, dann eigentlich nur in den Talregionen Italiens oder Sloweniens.“

Wer sein Rad liebt, der - trägt.

Wer sein Rad liebt, der – trägt. Und das steil bergauf, manchmal stundenlang, (c) Gletschersau.de

Aber was tut man, wenn der Weg doch nicht so verläuft, wie geplant oder es an einer Stelle einfach nicht mehr weitergeht? „Eine brenzlige Situation, an die ich mich erinnere, ist, dass ich mein Fahrrad den halben Tag bergauf getragen hatte. Dann kam ich an einen Steilhang, der vom Wetter ausgewaschen war. Der Weg war nur ca. 40 Zentimeter breit und es ging neben mir 50 Meter in die Tiefe.“ Ein anderes Mal (2013 in Slowenien) musste er seine Route komplett abändern: „Ungefähr auf halber Höhe ging der Weg durch eine Felsschlucht durch, in der noch ein vereistes Altschneefeld war.“ Es war damals unmöglich, das Fahrrad über die vereiste, steile, glatte Fläche zu tragen. „Da habe ich mich dann dazu entschieden, umzukehren.“ 2012 im Südtiroler Vinschgau war ebenfalls Improvisationstalent gefragt: Eine Schlechtwetterfront hinderte Andreas daran, einen Bergkamm zu passieren. „Da musste ich einen riesigen Umweg in Kauf nehmen – soweit haben meine Karten gar nicht gereicht. Ich fuhr dann längere Zeit durchs Tal und ließ mich mit dem Zug an die Stelle, an die ich hinwollte, zurückfahren.“

Schmale Pfade und steile Abgründe

Schmale Pfade und steile Abgründe, (c) Gletschersau.de

Doch warum all das alleine? „Ich finde niemanden, der das auf die Art und Weise mitmacht, und fahre nicht etwa alleine, weil ich es so besser finde. Ich arbeite meine Route komplett selbst aus, indem ich mir auf der Wanderkarte interessante Stellen suche. Außerdem fahre ich gerne sehr anspruchsvolle Routen – ich möchte in Gebirgsregionen kommen, in die man sonst mit dem Fahrrad eher nicht hinkommt.“ Also lieber die „krassen Touren“, und dafür alleine? Die knappe Antwort: „Ja.“ Ein Mann, ein Wort? Andreas ergänzt: „Natürlich ist das Alleine-Fahren auch eine besondere Art von Erlebnis. Im Alltag ist man von früh bis in die Nacht ständig von Menschen umgeben, und mal eine Woche komplett alleine unterwegs zu sein, hat etwas Meditatives.“

Gibt es denn nicht auch Momente, in denen man komplett fertig ist und die Tour am liebsten abbrechen möchte? „Die gibt es oft.“ Manchmal würde er „das Fahrrad am liebsten in die Ecke schmeißen.“ Aber: „Ich weiß, was ich mir zumuten kann und was ich erleben möchte. Die schönsten Stellen der Natur sind oft am schwersten zu erreichen. Aus eigener Kraft einen Beg hochzukommen, ist für mich ein wesentlicher Bestandteil meiner Touren, und das macht für mich den Genuss um vieles größer. Eine Alpenüberquerung ist eine anstrengende Sache, bei der man auf jeden Fall leiden wird.“ – Auch etwas, das man bei einer solchen Tour können sollte:

„Jemand, der sich nicht quälen und schinden kann, sollte so etwas gar nicht erst anfangen, denn er wird wahrscheinlich nach dem ersten Tag aufhören. Man muss der Typ dafür sein, man muss gerne Sport machen, bereit sein, an seine Grenzen zu gehen, Spaß an der Natur haben, die Herausforderung suchen.“.

Die Alpentour 2014

Die Alpentour 2014 – diesmal zu Fuß

Für seine Videos ist ihm ebenfalls keine Anstrengung und kein Aufwand zu groß. Seine Touren mit Liebe zum Detail zu dokumentieren, ist eher ein Zufall gewesen: „2010 habe ich ein bisschen mitgefilmt und das Ganze dann zusammengeschnitten.“ Die technische Verarbeitung macht ihm sehr viel Spaß. „Die Mischung aus Sport und kreativer Arbeit, das ist genau mein Ding.“ Auch seine letzte große Tour hat er auf YouTube veröffentlicht – diesmal war er allerdings nicht auf dem Bike, sondern zu Fuß unterwegs. Welche Gründe gab es hierfür? „Ich hatte dieses Jahr keine Zeit, Mountainbike zu fahren. Ich habe zwar Sport getrieben, aber man muss sich aufs Mountainbike nochmal speziell vorbereiten. Ich habe mein Mountainbike aber oft vermisst, und außerdem war besonders das Bergab-Laufen eine enorme Belastung für die Knie.“

Gefallen haben ihm beide Trips – und weil er sich für dieses Jahr nicht entscheiden konnte, zieht er einfach zweimal los. Bei der Alpenüberquerung zu Fuß begleitet ihn heuer sein Bruder, die Fahrradtour tritt er wieder alleine an. Für letztere hat er darüber hinaus noch „etwas Besonderes vor“: Ein 24 Jahre altes Fahrrad vom Sperrmüll soll ihn über die Alpen bringen. „Die Fahrräder von heute sind zwar viel komfortabler“ – doch Bequemlichkeit ist nicht Andreas‘ Ding, er sucht stets nach neuen Herausforderungen: „Es reizt mich, herauszufinden, ob man das mit so einer alten Gurke auch problemlos machen kann“, so der Franke. Was tut man, wenn es doch Probleme gibt? „Ich habe in der Regel die wichtigsten Teile zur Reparatur und Ersatzteile dabei.“ Und: „Selbst mit einem gebrochenen Bein kann man immer noch irgendwie den Berg runterkommen“, fügt er lachend hinzu.

 Rebekka Wiemer

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.