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Sehnsucht nach der Stille

Heutzutage ist jeder immer und überall erreichbar. Aber wohin führt uns diese ständige Abrufbarkeit? Ist das der Grund dafür, dass sich immer mehr Leute nach etwas Einsamkeit und Ruhe sehnen? Und wie ergeht es einem, wenn man diese Ruhe unversehens einmal selbst ausprobiert? Ein Selbstversuch.

Steigende Burnout-Rate

Der Stress beginnt bereits am frühen Morgen. Der Wecker klingelt – das Smartphone wird eingeschalten, die ersten SMSen und E-Mails während dem Zähneputzen gecheckt. Auf dem Weg in die Arbeit sitzen wir mit Kopfhörern da und lauschen den Klängen aus unserem Mp3-Player oder führen bereits die ersten geschäftlichen Telefonate. Zeit ist schließlich Geld! Das wurde uns immer wieder, mal scherzhaft mal ernsthaft, eingebläut. Nach dem Motto: „Schneller, höher, weiter, besser und vor allem immer mehr“ laden wir uns oft mehr auf als es uns gut tut – weit mehr.  Kein Wunder, dass so viele Menschen mittlerweile an einem Burnout erkranken. Totale Erschöpfung lautet die Diagnose und äußert sich in den unterschiedlichsten Symptomen. Angefangen bei Hörsturz, Drehschwindel, Schlafstörungen, Angstzuständen, Herzbeschwerden bis hin zu Depressionen. Das Spektrum der Leidensausprägungen ist groß. Jede vierte Fach- und Führungskraft ist laut SZ Online mittlerweile von dem zur Volkskrankheit erkorenem Syndrom betroffen.

„Warum schalten wir also nicht einmal einen Gang zurück und treten etwas langsamer? Ist unsere Existenzangst so ausgeprägt, dass wir verlernt haben zu leben? Sind wir so fokussiert auf die Ziellinie, dass wir dabei vergessen nach rechts und links zu schauen und an den kleinen Freuden des Lebens vorbeilaufen?“

Unknown Identity

Längst sind wir von iPod, Handy & Co. abhängig

Längst sind wir von iPod, Handy & Co. abhängig

Ein Leben ohne Personalausweis, Führerschein, Handy und Laptop – ist das überhaupt noch möglich? Ein nicht ganz freiwilliger Selbstversuch lieferte die Antwort. Ein Jahr ist es nun her. Ein Jahr, seit mir mein Leben abhandengekommen ist. Mein Leben in Form einer Handtasche. Nach einer unserer Redaktionssitzungen wurde mir diese gestohlen. In ihr befand sich alles, was man heutzutage braucht, um einen langen Tag an der Uni zu überleben: Notebook für die Aufzeichnungen während der Vorlesungen, iPod um sich den langen Weg in die Uni zu versüßen, Smartphone, um mit der Außenwelt in Kontakt zu bleiben, Schlüssel und natürlich auch Geldbeutel mit diversen Ausweisen. Kurz und gut: Mein halbes Leben. Denn mittlerweile ist ein Handy ja nicht nur ein Handy. Nein. Es ist ein Personal Assistent! Es kennt alle unsere Kontaktdaten mit Telefonnummern und Adressen, unseren Stundenplan und darüber hinausgehende Termine, weiß, wie wir mit den Öffentlichen auf schnellstem Weg von A nach B kommen, welche Schlagzeilen die Titelblätter beherrschen, was momentan Hintergrundmusik meines Lebens ist. Es dient als Lexikon, wenn wir ein paar Fakten recherchieren wollen und hilft uns bei sämtlichen weiteren Tücken des Alltags.

Zurück in die digitale Steinzeit

Was passiert aber, wenn diese Bequemlichkeiten wegfallen? Wenn wir uns wieder vor Fahrtantritt darüber Gedanken machen müssen wie wir ans Ziel gelangen und welche Termine heute noch anstehen? Eine gewaltige Umstellung, vor allem eine zeitintensive. Konnte ich die Zeit früher in der S-Bahn nutzen, um Kontakt mit alten Schulfreunden zu halten oder beispielsweise an meiner Hausarbeit zu arbeiten, so fallen diese Beschäftigungsmöglichkeiten weg und ich muss im Laufe des Tages neue Zeitlücken suchen, um die „verlorene Zeit“ nachzuholen – da wird die nächtliche Arbeit wohl wieder ein wenig länger dauern und der Schlaf ein wenig kürzer ausfallen. Aber ist das wirklich verlorene Zeit?

„Fühlte ich mich vorher ständig unter Strom, jederzeit für Familie, Freunde und die Arbeit erreichbar, so fühle ich mich jetzt wieder frei.“

Und diese Freiheit oder auch freie Zeit habe ich nicht nur damit verbracht, im Selbstmitleid zu zerfließen. Diese Zeit habe ich dafür genutzt, mir über einiges in meinem Leben klar zu werden. Dinge, die mich schon lange Zeit beschäftigt haben, die ich aber immer in die hinterste Ecke meines Gedächtnisses gedrängt hatte. Eben ganz nach dem Motto: „Darüber kann ich mir auch noch Gedanken machen, wenn ich dies und das erledigt habe.“ Jetzt aber konnte ich endlich meine Prioritäten neu ordnen und mir auch darüber klar werden, welche Menschen ich überhaupt noch in meinem Leben haben will. Die Frage mit wem halte ich nur noch Kontakt, weil es sich so gehört und wen möchte ich wirklich anrufen, hatte sich mir schon lange nicht mehr gestellt. Eine weitere interessante Erfahrung war es auch festzustellen, wer sich bei mir überhaupt noch meldet, wenn es etwas „schwieriger“ wird. Alles in allem habe ich versucht, das Positive in diesem Erlebnis zu sehen. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass alles im Leben einen Sinn hat – auch wenn sich dieser meist erst im Nachhinein offenbart. Trotz allem war es eine einmalige Selbsterfahrung und ich bin froh, diese gemacht zu haben, denn ich bin wieder ganz im Hier und Jetzt angekommen. Ich fühlte mich, als würde ich aus einem Nebel auftauchen – einem Nebel aus ständigem Denken an die Zukunft, Planen von neuen Terminen…

Schon morgens im Bad sind wir von allen möglichen Geräten umgeben

Schon morgens im Bad sind wir von allen möglichen Geräten umgeben

Was sich nun bei mir geändert hat? Ich nehme meine Umwelt wieder bewusster wahr, und lebe viel mehr in den Tag hinein als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Dass ich das als neurotischer Kontrollfreak einmal sagen würde, hätte wohl niemand für möglich gehalten. Erlitt ich früher bereits einen halben Herzstillstand, wenn ich feststellen musste, dass mein Akku mal wieder aus dem letzten Loch pfeift oder ich mein Handy zu Hause auf dem Küchentisch vergessen hatte, so kann ich mich nun beruhigt zurücklehnen. Denn ich weiß: Ich kann auch ohne Smartphone überleben! Diese Erfahrung haben jedoch einige noch nicht gemacht und stehen weiterhin ständig unter Strom. Wozu das führen kann wissen wir alle: Burnout. Depressionen und Ängste sind Signale, die man ernst nehmen sollte. Innere Leere, fehlende Selbstachtung, Eifersucht, Gier, Vergleiche mit anderen, Perfektionismus, Traurigkeit, Leistungsdenken, Neid, Ohnmachtsgefühle, Lügen, Kämpfe um sein Recht, Liebe und den Wunsch nach Veränderung – weil die eigenen Lebensumstände nicht mehr tragbar scheinen. Mittlerweile ist die Tabuisierung um das Thema aufgehoben und immer mehr Menschen bekennen sich dazu, unter Burn-out oder Depressionen zu leiden.

Der Wunsch nach Ruhe und Freiraum wurde für viele Menschen in den letzten Jahren wieder immer wichtiger. Nicht umsonst feierten Meditation, Yoga und andere Entspannungstechniken ihren Siegeszug. Darüber hinaus sprießen Wellnesshotels aus dem Boden wie Unkraut. Warum? Weil wir alle auf der Suche nach einem tieferen Sinn sind. Auf der Suche nach der Balance im Leben, nach unserer inneren Mitte. Warum streben wir also ständig nach Perfektion, wenn diese vielleicht sogar schon vorhanden ist? Tief in uns – manchmal haben wir nur verlernt, sie zu erkennen.

Stefanie Dellian

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