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Oh, wie das funkelt!

Künstlerin Franziska Ruprecht über „poetry that glitters“

Ich komme ins Café Jasmin in der Maxvorstadt und schaue  mich um. Franziska Ruprecht erkenne ich sofort an ihrer Glitzertasche. Sie lebt ihre Kunst, ihre „poetry that glitters“, diesen Glitzerpunkt, der hervorfunkelt aus der vielschichtigen Perfomance Poetry, zu der auch das Genre des Poetry Slams gehört. Anders als in der gut organisierten und durchgeplanten Welt des Slams kann sie aber in ihrem Genre ihre ganz eigene Persönlichkeit ausleben. Und dabei verkleidet sie sich gerne und verbindet ihre einzigartige Musik mit eigenen Worten. Franziska Ruprecht hat sich eine Nische geschaffen, in der sie sich wohlfühlt und in der sie auch aufgeht – und das nicht nur, weil jetzt ihr erstes Buch „Meer-Maid“ erscheint.

Ein Gespräch mit einer sehr selbstbewussten Künstlerin, die mit ihrer Entscheidung, sich dem Künstlerdasein zuzuwenden, glücklich ist.

Die Künstlerin betont gern das Schöne und Positive, (c) Anastasia

Die Künstlerin betont gern das Schöne und Positive, (c) Anastasia

Du sagst von dir selbst, du machst „poetry that glitters“. Wie äußert sich das?

„Poetry that glitters“ bezieht sich vor allem auf den Auftritt. Weil ich optisch, auch früher schon als ich noch Poetry Slam gemacht habe, immer so ein bisschen herausgestochen bin. Einfach deshalb, weil ich mich für Auftritte gerne besonders anziehe: showtime is showtime! Dazu kommt, dass ich mittlerweile auch immer mit irgendwelchen Glitzerelementen oder -requisiten auftrete. Ich mag es gerne, in die Varietéwelt entführt zu werden, und das möchte ich den Menschen im kleinen Format bieten, wenn ich ganz alleine auf der Bühne stehe. Auf der einen Seite ist es also die visuelle Ebene, auf der anderen gibt es aber auch einen inhaltlichen Glitzerfaktor: Ich schreibe Texte, die das Positive und Ästhetische betonen. Es ist eine sehr weibliche Art, die echt und direkt ist. Vor allem geht es da um Gefühle. Ich will den Menschen durch meine Gedichtperformance einen Moment bieten, in dem sie sich vielleicht mit dem Gedicht identifizieren, es für sich selbst interpretieren können. Mir ist es ein großes Anliegen, daran zu erinnern, seine Gefühle zu leben und auszudrücken – gerade weil auch das aus dem Zeitgeist heraussticht, also auf seine Art „glittert“.

Hast du da ein Beispiel?

Mein Buch heißt „Meer-Maid“, das ist ein Wortspiel rund um Meerjungfrau, Nixe und junge Frau. Die glitzert natürlich. Es gibt Gedichte, die wörtlich genommen nicht so glitzern, wo es aber um starke Gefühle geht. Auch um Gefühle, die mit Liebe zu tun haben. Das ist auch was Schönes, genau so schön wie Glitzer (lacht)!

Einmal das Goldstück sein

und zwar für immer

 Einmal ein Teil von was sein

und zwar der Pfeiler

Einmal gesehen werden

und zwar „an“. […]

aus: „GOLDSTÜCK“, zu finden im Buch „Meer-Maid“

Während deines Masterstudiums in Detroit warst du neben anderen künstlerischen Aktivitäten auch in der amerikanischen Slamszene aktiv. Inwiefern unterschiedet sie sich von der deutschen?
Wo hast du dich persönlich wohler gefühlt?

Ich habe mich in Amerika wohler gefühlt. In Amerika ist man der Poetry treuer. Da werden im Gegensatz zu Deutschland weniger Kurzgeschichten vorgelesen. In Deutschland kannst du sehr erfolgreich bei Poetry Slams sein, wenn du Pointen bringst. Hinter diesem Witzigen kann man sich aber auch sehr gut verstecken. Wenn du Gefühle zeigst, dann ist das wie ein Seelen-Striptease, das finde ich als Performerin und als Zuschauerin interessanter. Dadurch, dass es in den USA so viele starke Minderheiten gibt, die alle ihre eigene Geschichte haben, sind viele Gedichtvorträge gesellschaftskritisch und auch politisch. Genau das ist es auch, was ich an Amerika so spannend finde: Die Punkte, wo der amerikanische Traum in Frage gestellt wird, wo die Person, die dies auf der Bühne tut, aber gerade durch den eigenen Auftritt und die eigene Präsenz, einen traumhaften Moment ohne falsche Bescheidenheit entstehen lässt.

Woher nimmst du Inspiration für deine Gedichte?

Wenn ein Gefühl sehr stark ist, dann will ich es auch in Wörter fassen, es aufschreiben. Bei mir passiert das häufig, weil ich für diese Gefühle sensibel bin. Wenn ich draußen herumlaufe und frei nachdenken kann über das, was mich gerade beschäftigt, dann habe ich oft schon eine Hookline oder eine Melodie in meinem Kopf.

Franziska liebt das Ausgefallene. Dieses Foto ist Grundlage für ihr Buchcover, (c) Dominik Parzinger

Franziska liebt das Ausgefallene. Dieses Foto ist Grundlage für ihr Buchcover, (c) Dominik Parzinger

Woher kommt die Motivation deinen Weg zu gehen?

Das, was man wirklich will, kann man durchsetzen, wenn man sich traut, und stark genug dazu ist. Ich war schon als Kind sehr fantasievoll, habe dies dann aber hauptberuflich nicht verfolgt, weil ich meinte, Künstlerin zu sein, wird finanziell nicht ausreichen. So bin ich dann ganz pragmatisch zum Fernsehen gekommen, wodurch ich viel Wissen und Erfahrung gesammelt habe; zum Beispiel über das Sprechen, und das gebe ich in meinen Performance Poetry Workshops weiter. Ich habe den Hintergrund, dass ich im Moderationsbereich beim TV gearbeitet habe, und das ist gut für die Leute, die mich als Veranstaltungsmoderatorin buchen. Mein Weg ist aber auch Schicksal – bei mir ist die Künstlerin in mir einfach aus der Schale rausgekracht, es ging nicht anders.

Wann war der Zeitpunkt als du gesagt hast: „Okay, ich mach das jetzt!“?

Das war als mein Freund Blair aus Detroit gestorben ist, der selbst im Poetry Slam aktiv gewesen ist, Dichter und Musiker war, aber auch Theater gespielt hat und eine eigene kleine Open-Mic-Veranstaltung hatte. Er war einer von den Menschen, die mich total motiviert hatten. Er hat an mich geglaubt und war mein größter Fan. Er war ein toller Mensch und auch jemand, den ich bewundert habe, wenn er selber aufgetreten ist. 2012 hab ich dann gehört, dass er im Sommer an einem Hitzeschlag gestorben ist. Das war für mich ein Zeichen. Er hat für seine Kunst gelebt und auf einmal stirbt er. Ich dachte mir: „Was mache ich hier eigentlich?“. Eigentlich will ich nach seinem Prinzip leben. Gerade wenn man die Möglichkeit, dass man jederzeit sterben könnte, vor Augen gehalten bekommt. Dann ist es klar, für was man sich entscheidet.

Du bist vor allem Künstlerin, moderierst, und gibst auch „Performance Poetry Workshops“. Was kann man aus deinen Workshops mitnehmen?

Bei mir kann man lernen, seine Stimme schöner und voluminöser klingen zu lassen. Das ist wichtig, wenn man in der Öffentlichkeit spricht – und wenn es nur der 50. Geburtstag der Großtante ist. Ich coache aber auch die Präsenz und hebe die Vorzüge der Einzelnen heraus, das gehört im Hinblick auf öffentliches Sprechen dazu. Mindestens ein eigener Text entsteht im Workshop auch. Bei mir geht das alles über Kreativität, über Gedichte. Ich finde es schön, wenn Leute, die sonst vielleicht nichts mit Gedichten zu tun haben, für einen Tag einen Ausflug in eine neue Welt machen können. Da müssen sie einmal nicht der oder die Beste sein – so wird der Lernprozess entspannt. Andere kommen, weil es für sie schon lange eine Lieblingsbeschäftigung ist, Gedichte zu schreiben, und sie wollen diese besser vortragen, und sich über ihre Texte mit anderen austauschen.

Im Januar 2015 erscheint dein Buch „Meer-Maid“. Was kann man sich darunter vorstellen?

In jedem Gedicht wird eine eigene kleine Welt aufgebaut. Meistens sind es Fantasiewelten, manchmal aber auch sehr reale oder sogar zu reale Welten, wenn es um ernstere Themen geht. Die Zweier-Situation wird hervorgehoben. Ein Kapitel heißt zum Bespiel „Mehrmänner“, das sind Hymnen an Männer. Es gibt Männer von denen man scheinbar nie genug bekommt, deshalb Mehrmänner (lacht). Doch so eine Hymne spielt sich oft in einer Art Fabelwelt voller Metaphern und Bilder ab.

Wie fühlt es sich an, das erste eigene Buch herauszubringen?

100 Prozent als Künstlerin zu leben, ist ein Risiko. Ich habe gehofft, dass sich dafür auch wer interessiert, dass ich andere damit erreichen kann. Dann ruft ein Verleger an und sagt, sie wollen mein Buch drucken! Wow! Das fertige Buch vom Wolfbach Verlag in der Hand zu haben, ist einfach Wahnsinn!

Meer-Maid,

Meer-Maid!

Bleibe ich im Meer?

Sagt er: „Komm doch her“?

Ich bin ’ne Meer-Maid,

weil ich’s fühlen kann.

Ich geh nie aus dem Wasser,

denn die Berge machen mich nicht an!

Frag mich nicht warum ich nicht Ski fahr,

ich lieg in der Wanne

unter Kacheln oder Schiefer. […]

Transformier alles Dunkle

in Glitzersteine […]

aus: „Meer-Maid“, zu finden im gleichnamigen Buch

Es ist ein Erlebnis, Franziska Ruprecht bei der Performance ihrer „poetry that glitters“ zuzuschauen. Sie wirkt inspirierend und mitreißend. So nah kommt man Poesie nur selten. Auch in der Prüfungsphase mit Sicherheit eine erfrischende Veranstaltung, bei der Gesang und Sprache kunstvoll vermischt werden.

Mehr Informationen findet ihr auch auf der Website von Franziska Ruprecht.

Jana Heigl

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