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Zwischen gestern und heute

Ein weihnachtlicher Vergleich

14.12.2014. Dritter Advent. Grüne Wiesen. Beleuchtete Plastikrentiere im Garten. „Last Christmas“ im Radio. Café und Plätzchen zusammen mit den Freunden in London via Skype. Größter Weihnachtswunsch: Eine Smart TV Box und ein Tablet.

14.12.1958. Erster Advent. Schneebedeckte Häuser. Holzsterne an der Haustür. „Lasst uns froh und munter sein“, gesungen von den Bewohnern des Hauses. Kaffee und Plätzchen mit der Familie. Größter Weihnachtswunsch: Ein 8-mm-Filmprojektor und ein automatischer Dosenöffner.

Alle 28 Jahre ist die Abfolge der Tage in einem Jahr identisch. Aber auch wenn der dritte Advent vor 56 Jahren auf den gleichen Tag fiel, wie im Jahr 2014, so ist dies doch eine der wenigen Gemeinsamkeiten. Zu wenigen Gelegenheiten des Jahres werden die Unterschiede zwischen der Mitte des letzten Jahrhunderts und der heutigen Zeit so deutlich wie an Weihnachten, der Zeit der Geschenke und der Zusammenkunft mit Freunden und Familien. Denn auch wenn diese beiden zentralen Punkte gleich geblieben sind, so hat sich die Art und Weise, wie sie ausgelebt werden, sehr stark verändert.

Zeitlose Weihnachten gibt es nicht, (c) flickr/Lars Kasper

Zeitlose Weihnachten gibt es nicht, (c) flickr/Lars Kasper

Reisen ist teuer….oder?

Im Jahr 1958 war es unvorstellbar mit den ausgewanderten Verwandten in Amerika Weihnachten zu verbringen, ohne vorher lange für ein entsprechendes Flugticket sparen zu müssen. Heute müssen wir nur noch unseren Rechner hochfahren, uns bei Skype einloggen und nach nur fünf Minuten können wir mit der geliebten Tante reden, die es sich ihrerseits gerade vor ihrem Smartphone in San Francisco bequem gemacht hat. Die modernen Kommunikationswege ermöglichen es uns vollkommen unabhängig von unserem Wohnort zu nahezu jeder Zeit mit unseren Lieben auf der ganzen Welt Kontakt aufzunehmen – alles nur mit ein paar „Klicks“. Das bringt zwar einerseits viele Vorteile, andererseits verlieren wir auch die Wertschätzung für die Möglichkeit mit Leuten in Kontakt zu treten, die weit von uns entfernt wohnen. Als man sich vor sechzig Jahren noch Briefe schrieb, musste man sich genau überlegen, welches Erlebnis unbedingt mit in den Brief musste und welches nicht. Heute ist so eine Beschränkung vollkommen überflüssig geworden, denn ein Nachrichtenaustausch ist nahezu jederzeit via Whatsapp, Facebook etc. kostenfrei möglich.

Traditionelle Weihnachten früher....

Traditionelle Weihnachten früher….

Christmas-Shopping früher und heute

Die großen technischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte bilden sich mindestens ebenso stark auf unseren „Wunschzetteln“ ab, so wir denn noch einen solchen schreiben und nicht stattdessen eine Excel-Tabelle anlegen.

Mit Sprüchen wie „Eines der sinnvollsten Geschenke, das ich [Anm. d. Red.: der Weihnachtsmann] jemals gebracht habe!“ wurde 1958 ein automatischer Dosenöffner beworben. Ein weiteres beliebtes Geschenk war ein Filmprojektor, der es ermöglichte 8-mm-Filme abzuspielen. Bei diesem Filmformat konnten auf 240m Spulenlänge bis zu 56 Minuten Film aufgenommen werden. Eine Tonspur war grundsätzlich nicht vorgesehen, konnte jedoch von Hand neben die Bildspur geklebt werden. All das ist heute nicht mehr aktuell.

Wer sich heute die Bestseller in den verschiedenen Kategorien auf Amazon anschaut (Was in Anbetracht der Tatsache, dass mittlerweile jeder Zweite Weihnachtsgeschenke im Internet kauft, ein guter Indikator sein dürfte) findet Elektronikartikel, wie einen e-Book-Reader oder auch eine Smart-TV-Box, aber auch ein Buch mit dem klangvollen Namen „Darm mit Charme: Alles über ein unterschätztes Organ“. Jetzt mögen einige sagen, es sei doch schön, dass sich die Leute immer noch so für das geschriebene Wort interessieren. Nichtsdestotrotz wird klar, wie stark sich die Interessen der Leute verschoben haben. Das Interesse für Filme ist jedoch immer noch gleichbleibend hoch. Allerdings stellt sich uns heute eine ganz andere Frage, als die, ob die Filmrolle eine Tonspur hat: „Kann ich diesen Film über Amazon Instant Video gratis anschauen oder muss ich dafür bezahlen?“.

...und heute, (c) Veronika Aechter

…und heute, (c) Veronika Aechter

Ein iPhone und dann?

Diese Liste ließe sich noch lange fortführen. Es hat sich viel verändert in den letzten Jahrzehnten. Und vieles davon ist erst der Anlass gewesen für das, was heute anders ist als vor sechsundfünfzig Jahren. Ganz sicher soll das auch nicht heißen, dass früher alles besser war. Aber vielleicht schaffen wir es ja ab und an, in einer Zeit wie der Weihnachtszeit, mal ein bisschen Abstand zu bekommen von all den iPhones, Tablets und anderen Dingen, die uns sonst so beschäftigen. Und zwar um an etwas zu denken, was noch wichtiger ist: Unsere Freunde und Verwandten, die uns zur Seite stehen und unterstützen, wenn wir sie brauchen. Denn sie sind es, die uns noch mehr helfen, als all unsere technischen Geräte. Und das Beste ist: Sie müssen nicht einmal jeden Tag an die Steckdose!

Philipp Früh

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