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Wenn der Piepser losgeht

Silvester aus der Sicht eines Notfallretters

31. Dezember, eine Kleinstadt in Schwaben, genauer im Großraum Augsburg. Es ist gegen 18 Uhr und ich bin wieder einmal überpünktlich zum Dienst erschienen. Der beginnt eigentlich erst in einer halben Stunde, aber so muss der Kollege der Tagesschicht notfalls nicht noch einmal ausrücken. Im schlimmsten Fall würde er sonst erst gegen 20 oder 21 Uhr zurückkommen und seine Pläne für den Abend wären damit wohl hinüber. Und gerade heute weiß man nicht, was alles auf einen zukommt. Ich gehe mich also gleich umziehen. In der Umkleide angekommen, begrüßt mich auch schon meine Kollegin vom Rettungswagen (RTW). Auch sie ist überpünktlich. Die Umkleide wird oft von Frauen und Männer gleichzeitig benutzt. Es gibt zwar auch eine eigene Damenumkleide, aber die ist im Haupthaus und den langen Weg sparen sich viele einfach. Meine Kollegin hat hier eine Ausbildung zur Rettungsassistentin absolviert. Mittlerweile studiert sie Medizin in Wien. In ihrer vorlesungsfreien Zeit kommt sie öfters vorbei und fährt ehrenamtlich mit. Im Klartext heißt das für eine Zwölf-Stunden-Schicht 21,50 Euro. Wir begrüßen uns und tauschen uns kurz aus, immerhin haben wir uns ja schon länger nicht mehr gesehen. Ich ziehe mich um und rüste mich mit dem notwendigen „Werkzeug“ aus: Taschenlampe und Mütze. Der Rucksack inklusive Helm kommen gleich in das Notarzteinsatzfahrzeug (NEF), das ich heute Abend fahren werde.

Meine anderen Sachen bringe ich erst einmal nach oben. Mein Bett ist von der vorherigen Nacht noch bezogen. Dafür gibt es aber anderes vorzubereiten. Ich habe einen Haufen zu Essen dabei, immerhin ist ja heute Silvester und ein Raclette ist später auch noch geplant. Jetzt geht es zum Fahrzeugcheck: EKG, Beatmungsgerät, Koffer, Kinderkoffer, Absaugpumpe, Reanimationsgerät, Sauerstofftasche und eine ganze Reihe an ergänzenden Koffern mit Material für intraossäre Zugänge, Intoxikationen, Amputationen, Thoraxdrainagen und Material zum Auffüllen. Soweit passt alles, dann kommt aber auch schon der erste Alarm an diesem Abend. Ein unpräziser Notfall, RTW und NEF rücken sofort aus. Der Einsatzort liegt quasi direkt um die Ecke. Eigentlich wären wir also auch gleich da, nur die Hausnummer ist wieder einmal schwer zu finden. Es geht also eine Runde um den Block, dann finden wir endlich die richtige Türe. Der RTW ist direkt hinter uns. Wir, die Notärztin und ich, wollen direkt zum Patienten. Zeit zum Türaufhalten gibt es nicht, ein Werbeprospekt muss herhalten. Not macht erfinderisch.
In der Wohnung riecht es nach Essen, im Hintergrund spielt Musik. Ein älterer Herr klagt über neurologische Ausfälle aufgrund eines Hirn-Tumors. Die sind aber wohl bereits vorbekannt, einen Termin für eine Operation im Krankenhaus gibt es bereits. Trotzdem checken Notärztin und Rettungsassistentin den Patienten von Kopf bis Fuß durch. Ich erledige in der Zeit den Papierkram. Die Einsatzdokumentation muss gemacht und verschiedene Werte ins Protokoll übertragen werden. Es findet sich nichts, der Patient darf zu Hause das neue Jahr begrüßen.

„Nur anstoßen, nicht trinken“

Zurück auf der Wache muss noch schnell das Fahrzeug durchgecheckt werden. Dann wartet auch schon wieder Papierkram. Um den kümmere ich mich heute mal ganz. Dann haben meine drei Kolleginnen mehr Zeit, um das Raclette vorzubereiten. Sinnvolle Aufgabenverteilung nenne ich das. Der nächste Alarm: Der RTW muss schon wieder weg, ein unpräziser Anruf aus der Asylbewerberunterkunft. Die Notärztin und ich bringen die vorbereiteten Speisen in den Lehrsaal. Dort essen wir gemeinsam mit 20 ehrenamtlichen Kollegen aus der Bereitschaft. Währenddessen fährt auch gleich das nächste Fahrzeug aus: Der Hintergrunddienst, ein ehrenamtlich betriebener RTW. Meine Ärztin und ich haben Glück – noch kein Einsatz. Wir machen eine kleine Pause auf der Couch, um die kommenden Einsätze auch wach und konzentriert abarbeiten zu können. Gegen 22 Uhr kommt dann der RTW wieder zurück. Später: Mitternacht, Feuerwerk, Wunderkerzen, aber für uns nur anstoßen, nicht trinken. Ganz schön, mal nicht selbst zu böllern, dann kann man das Feuerwerk besser betrachten, man hat mehr davon und gibt weniger Geld aus. Dann müssen wir zum Jahreswechsel die Fahrtenbücher tauschen, aufräumen, die Wache klar Schiff machen.

„Wie auf’s Kommando geht dann der Piepser los!“

Eine bewusstlose Person im Nachbarort, nach etwa zehn Minuten sind wir da. Dem Mann geht es wieder besser, er sei, so die Angehörigen, plötzlich vornübergekippt. Die Ärztin untersucht den Mann. Auch er darf zu Hause bleiben, wir können nichts Ungewöhnliches feststellen. Die Notärztin schreibt ihr Protokoll und mein Diensthandy klingelt. Es ist die Leitstelle. Sind wir abkömmlich? Ja, sind wir! Also auf zum nächsten Einsatz. Ich schnappe mir mein Equipment und meine Ärztin und los geht’s.

Rettungseinsatzkräfte an Silvester

Rettungseinsatzkräfte an Silvester

Akute Atemnot wurde uns gemeldet. Auf dem Weg zum Einsatz ruft der RTW, der uns nachgefordert hat, bei unserer Notärztin an, sie kommen uns bereits entgegen. Wir manövrieren also durch den immer dichter werdenden Nebel über die kurvigen Landstraßen und treffen uns schließlich auf halbem Weg. Der Mann hat eine bekannte COPD (chronic obstructive pulmonary disease). Er war zu Hause gestürzt und hatte wohl durch die Aufregung plötzlich Atemnot bekommen. Inzwischen ist der CO2-Anteil in seinem Körper so hoch, dass er bewusstlos ist. Die Notärztin entschließt sich also den Patienten zu beatmen, um so die Atmung kontrollieren zu können. Ich hole mein Beatmungsgerät aus dem NEF. Der Patient kommt auf die Intensivstation. Zwei Wochen später werden wir erfahren, dass er verstorben ist.

Zurück in der Wache rüste mein Fahrzeug wieder auf. Das heißt schmutzig Gewordenes saubermachen und den Beatmungsschlauch am Beatmungsgerät wechseln. Dann melde ich uns wieder klar. Und es geht gleich zum nächsten Notarzteinsatz. Den fahren wir zusammen mit dem RTW von unserer Wache aus. Die waren inzwischen mit einem weiteren Patienten vor dem selben Krankenhaus. Eine junge Frau hat Spülmittel geschluckt, sie wollte sich wohl umbringen. Soweit geht es ihr gut, dennoch fragen wir beim Giftnotruf nach, ob das Mittel gefährlich ist. Es gibt ein Medikament gegen die Blasenbildung und der RTW bringt die Patientin ins Zentralklinikum nach Augsburg. Das Krankenhaus in unserem Ort wäre damit überfordert und in Augsburg ist das Bezirkskrankenhaus gleich in der Nähe – da wird die Patientin nach der ersten Behandlung wohl eh hin müssen. Zum Glück kommt sie freiwillig mit, sonst hätten wir die Polizei holen müssen.

Die Ruhe währt nicht lange

Und wieder ist ein weiterer Einsatz geschafft. Auf der Wache fülle ich die verbrauchten Materialien aus dem Lager auf. Und natürlich wird auch wieder alles dokumentiert. Die Einsätze müssen alle im Computer erfasst werden. Dann ist es auch schon vier Uhr morgens. Lohnt es sich noch, sich noch einmal hinzulegen? Ich entscheide: Ja. Also ab ins Bett. Doch die Ruhe währt nicht lange. Um kurz nach fünf reißt mich der Piepser wieder aus dem Tiefschlaf. Es geht zu einem Herzinfarkt. Unser RTW kommt aber nicht mit, der ist genauso wie der Hintergrunddienst bei einem anderen Einsatz eingebunden. Der hinzugeforderte RTW ist vor uns da, die Patienten längst bekannt. Heute ist es aber eine Bronchitis und kein Herzinfarkt. Ich erfasse wieder sämtliche Daten, während die Besatzung des RTW und die Notärztin die medizinische Versorgung übernehmen. Die Patientin fährt mit dem RTW mit ins Krankenhaus, die Ärztin und ich können wieder zur Wache einrücken. Pünktlich zum Schichtwechsel. Unser RTW ist auch bald drauf wieder da, sie sind tatsächlich die komplette Nacht durchgefahren. Es folgt die traditionelle Schichtübergabe an die Tagesschicht: Was war los? War alles in Ordnung mit Fahrzeug und Ausstattung? Muss man irgendwas beachten, ist zum Beispiel die Intensivstation vor Ort voll? Gab es besondere Vorkommnisse? Dann wünschen sich alle ein frohes neues Jahr und ich packe meine Sachen und fahre heim. Ein wohlverdienter Feiermorgen, Frühstück, dann ins Bett und ausschlafen.

Ferdinand A. Probst (Gastautor)

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