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Musik für Herz und Ohren

Iron and Wine: Folk voller Geschichten

Ein kleiner Konzertsaal, einige Stühle, die bis auf den letzten restlos besetzt sind, gedämpftes Licht. Auf der Bühne nur ein Mikrofonständer und eine Gitarre. Erwartungsvolle Stille. Dann betritt er die Bühne: Sam Beam alias Iron and Wine. Singer/Songwriter, Bartträger, Folkmusiker. Applaus bricht los und seine Fans rufen ihm eine lockeres „Hi, Sam!“ zu. Man kennt sich eben — aus anderen kleinen Konzertsälen, von Festivals, von intimen Gigs in kleinen Clubs. In Deutschland ist die Fangemeinde des Musikers aus South Carolina noch recht bescheiden, doch das scheint Sam Beam wenig zu kümmern. Denn so wird jedes Konzert zu einem Treffen mit alten Freunden. Und was tut man, wenn man Freunde wiedersieht? Man erzählt sich, was in der Zwischenzeit alles passiert ist im eigenen Leben. Also stellt Beam sich vor das Mikrofon, nimmt seine Gitarre in die Hand und packt seine Geschichten aus: Geschichten von endlosen Wanderungen durch noch endlosere Weiten, vom Halloween der Kindheit, von einem Haus am Meer und, wie sollte es in der Musik anders sein, natürlich von der Liebe.

Markante Stimme und melodische Gitarrenklänge

Auf der Bühne geht es bei Sam Beam entspannt zu (c) Flickr/moses_namkung

Auf der Bühne geht es bei Sam Beam entspannt zu (c) Flickr/moses_namkung

Begonnen hat die Geschichte von Iron and Wine im heimischen Wohnzimmer, wo Beam, der eigentlich Filmemacher werden wollte, spätabends mit einem alternden Mehrspur-Rekorder und einer Gitarre seine Songs einspielte. Sehr leise musste er dabei sein, denn seine Frau und seine kleine Tochter schliefen schon tief und fest. Und so entstand der für Iron and Wine typische Sound: zart, verträumt und auf wunderbare Weise unaufgeregt. Eben feinste Folkmusik, die nicht mehr braucht als eine markante Stimme und melodische Gitarrenklänge. Einige Jahre und vier weitere Töchter später hat der 40-Jährige sechs LPs, drei EPs und zahlreiche Singles veröffentlicht und damit vor allem in der amerikanischen Indie-Szene große Erfolge gefeiert. Und weil Beam mittlerweile seine Songs im Studio aufnimmt, wo er niemanden versehentlich aufwecken kann, ist auch seine Musik mit jedem Album ein wenig lauter und experimentierfreudiger geworden: Neben klassischem Folk finden sich auf den neuesten Werken Kiss Each Other Clean und Ghost on Ghost auch Einflüsse aus Country, Rock, Jamaikanischer Musik und 60er- und 70er-Jahre Pop — eine Mischung, aus der Beam seinen ganz eigenen Klang formt, immer wieder neu und doch vertraut scheint.

Songs are like friends

erklärt er, und die verändern sich nun mal im Laufe des Lebens, aber nichtsdestotrotz bleiben sie dabei immer eines: Unsere Freunde.

Iron and Wine live auf der Bühne, (c) Ferran Vidal

Iron and Wine live auf der Bühne, (c) Ferran Vidal

Neue Geschichten und alte Freundschaften

Zurück auf der Bühne. Jesca Hoop, Beams Support Act auf der aktuellen Europa-Tour, hatte den Fans am Ende ihres Sets ein außergewöhnliches Erlebnis versprochen:

Sam Beam’s gonna fill your ears up and your hearts out!

Wie recht sie damit haben sollte. Beam spielt seine Konzerte ohne durchgeplante Set List und lässt sich stattdessen von seinem Publikum Songtitel zurufen. Schließlich kennt man sich als Iron and Wine-Fan aus und hat auf den Alben längst den ein oder anderen besten Song-Freund gefunden, den man endlich mal wiederhören möchte. Doch wenn der eigene Lieblingssong gespielt wird, sollte man nicht unbedingt die wohlvertraute Albumversion erwarten: Beam kleidet seine Lieder auf der Bühne nämlich spontan in ein neues musikalisches Gewand und plötzlich kommen sie rockiger, jazziger oder stiller daher — wie alte Freunde eben, die um einige Erfahrungen reicher von einer langen Reise zu uns zurückkehren. So reiht sich im Laufe des Konzerts Song an Song und Geschichte an Geschichte und am Ende verlässt man den Saal so, wie Jesca Hoop es versprochen hatte: Mit den Ohren voller Musik und dem Herz voll neuer Geschichten und alter Freundschaften.

Carina Diemann

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