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Germanist vs. Informatiker

Lieber Informatiker,

als wir in der achten Klasse erstmals „Informatik“ als Schulfach bekamen, schien dies erst einmal sehr spannend. Später stellte sich heraus, dass ein Großteil des Unterrichts dafür drauf ging, die Programme auf den alten Schulcomputer überhaupt zum Laufen zu bringen. Ich kann mir denken, dass die TUM da besser ausgestattet ist, frage mich aber, ob dieser Studiengang nicht auch seine Schattenseiten hat: Während man als normaler Student höchstens einmal seinen älteren Verwandten einen neuen PC einrichten muss, ist man als Informatiker für jeden seiner 500 Facebookfreunde der erste Ansprechpartner, wenn es mal wieder technische Probleme gibt. So muss man den technischen Laien wieder und wieder erklären, dass sie sich die Lösung für solche Lappalien beim nächsten Mal auch selbst googeln können. So oder so ähnlich läuft es dann auch in der beruflichen Laufbahn ab, wenn man nicht zufällig in seiner Garage eine App entwickelt, die man kurze Zeit später für astronomische Summen verkaufen kann.

Ich habe mich immer gefragt, wie eine Informatik Vorlesung aussieht. So wie ich die gute, alte TUM kenne: Jede Menge Mathe und das ca. acht Stunden am Tag. Das scheint dort die Grundstruktur jedes Studiengangs zu sein. Mir ist schleierhaft, wie man sich das nach 13 Schuljahren immer noch freiwillig antun kann. Aber es gab ja auch schon damals Mitschüler, die mehr Angst vor dem Deutsch- als vor dem Matheabitur hatten.

Was mich jedoch am meisten interessiert: Wie groß ist der praktische Teil? Damit meine ich, ob man auch gemeinsam versucht, innovative Ideen technisch umzusetzen oder ob man, wie leider zu oft im Studium, nur vorgekautes Wissen bzw. Formeln bekommt und diese bei der Prüfung wiedergeben muss. Schließlich lädt die Informatik wie kaum ein anderes Fach dazu ein, neue Wege zu gehen.

Ich habe in diesem Brief versucht, die gängigen Nerdklischees, wie nicht vorhandenes Sozialleben, weitgehend zu ignorieren, weil ich glaube, dass diese, wie die meisten Vorurteile, nur vereinzelt auftreten. Aber vielleicht stellt sich ja auch dies als Irrglaube heraus.

Viele Grüße

dein Germanist

…und die Antwort:

Lieber Germanist,

sich hier als Student über Informatik an Schulen zu äußern, führt wohl zu nichts – es passiert aktuell einfach zu viel (Stichwort: MINT-Förderung) und deine Einschätzung war schon zu meiner Zeit hoffnungslos veraltet.

Stattdessen bin ich etwas über deine gegensätzlichen Aussagen zur Tätigkeit eines Informatikers überrascht. Einerseits schreibst du (A), dass der Beruf eines Informatikers darin besteht, IT-Lappalien für Kollegen zu lösen. Andererseits (B) erkennst du an, dass Informatik sich wie kein anderes Fach dazu eignet, innovative Ideen umzusetzen.

Kleiner Tipp – A ist falsch. ;-) Irgendjemand muss ja die zahlreichen Programme und Dienste, die wir alle täglich nutzen, entwickeln. Heute läuft nichts mehr ohne Informatik – wie auch, ohne wäre alles viel komplizierter. Ich wage mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass das auch für deinen Lehrstuhl gilt. Übrigens sind die wenigsten dieser Programme Apps, die nach kurzer Zeit für astronomische Summen verkauft wurden.

Informatik ist mathe-lastig, das stimmt. Ob das nun an der TUM liegt, auf die du offensichtlich nicht gut zu sprechen bist, wage ich zu bezweifeln. Auch an deiner LMU ist Mathematik überall anzutreffen. Vielleicht nicht bei dir in Germanistik – ob das wirklich von Vorteil ist? Jetzt fühlst du dich zwar sicher, dass du nie wieder mit der bösen Mathematik in Kontakt kommst. Willst du aber später einen Job haben, der nichts mit den Germanisten-Standards “Forschungsassistent an der Uni” oder “Pizzabote” zu tun hat und der deinen Uni-Abschluss wirklich würdigt, musst du dich wohl noch mit einigen Mathe-Crashkursen auseinandersetzen.

Mit dem praktischen Teil, das muss ich zugeben, hast du einen wunden Punkt getroffen. Der lässt durch den Fokus auf Mathematik und theoretische Informatik (ja, so etwas gibt es!) ein wenig zu wünschen übrig. Trotzdem ist das eher ein kleineres Problem. Das Studium lässt sich bequem mit einer Werkstudentenstelle in der IT kombinieren. Gut bezahlte Jobs gibt es genug. Informatik ist eben überall.

Von dir als Germanisten hätte ich etwas mehr erwartet. Denn nebenbei hast du es durch die aktuelle Digitale Revolution mit einer der größten Bewegungen der deutschen Geschichte – auch linguistisch – zu tun. Bedenke doch mal die vielen englischen Wörter, die “durch uns” Einzug ins Deutsche halten. Ob das nun gut ist oder schlecht, überlasse ich deiner Analyse.

Viele Grüße

dein Informatiker

Germanist vs. Informatiker

Germanist vs. Informatiker

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