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ROCK YOUR LIFE!

Wenn sich Studenten für Hauptschüler einsetzen

„Wir bauen Brücken“, sagt Manuel Scholz und lacht. Sein Blick wandert zu Marina Bauer, die direkt neben ihm sitzt. Auch sie muss schmunzeln und erklärt: „Brücken zwischen Schülern, Lehrern und Unternehmen.“ Manuel Scholz und Marina Bauer engagieren sich ehrenamtlich für den Verein ROCK YOUR LIFE!. Seit fünf Jahren gibt es RYL! schon, erst deutschlandweit, dann sogar international. In München arbeiten beide Studenten im Vorstand mit, Manuel Scholz kümmert sich vorwiegend um die Finanzen des Vereins, Marina Bauer ist selbst Mentorin.

Deutschlandweit engagieren sich mittlerweile fast 3.000 Studenten und Auszubildende ehrenamtlich für RYL! – viele von ihnen als Mentoren. Dabei sind fast alle wie Manuel Scholz und Marina Bauer selbst noch Studenten oder Auszubildende und setzen sich quasi in ihrer Freizeit für Chancengleichheit im Bildungssystem ein. Denn Hauptschüler sollen dieselben Perspektiven haben wie Abiturienten. Sie wissen aber, dass die Wirklichkeit anders aussieht.

„Unser großes Ziel ist die Bildungsungerechtigkeit in Deutschtland zu verbessern. Wir wollen aber nicht nur darüber reden, sondern auch aktiv helfen. Wir stellen den Hauptschülern einen studentischen Coach zur Seite, der sie zwei Jahre lang unterstützt“,

erzählt Marina Bauer mit direktem Blick. Auch Manuel Scholz ist bewusst, wie wichtig ihre ehrenamtliche Arbeit bei RYL! ist: „Jeder Schüler hat ein Recht auf seinen Traumjob – egal, ob der Friseur, Anwalt oder Konditor ist. Wir zeigen sozial benachteiligten Jugendlichen, dass sie individuelle Stärken haben und wie sie die für ihren Berufswunsch nutzen können.“

„Es geht am wenigsten um Nachhilfe“

Schüler lernen ihre Stärken kennen, (c) Rock your life

Schüler lernen ihre Stärken kennen, (c) Rock your life!

Die RYL!-Mentoren besuchen jedes Jahr städtische Hauptschulen und erklären dort den Jugendlichen ihr Programm. Wer Lust hat mitzumachen, kann sich bewerben und bekommt seinen eigenen Mentor. Ganze zwei Jahre lang kümmert der sich dann um seinen Schützling. Regelmäßige Treffen, meist ein bis zweimal wöchentlich, und Seminare gehören zum RYL!-Programm. „In Seminaren arbeiten wir heraus, was sie gut können, wo ihre Potenziale stecken. Und wie sie die dann für ihren Berufswunsch nutzen können“, sagt Marina Bauer. Schüler und Student entscheiden aber selbst, was sie gemeinsam unternehmen möchten. „Von Fußball spielen bishin zu einem gemeinsamen Ausflug ins Museum – es geht am wenigsten um Nachhilfe. Stattdessen sollen Perspektiven eröffnet werden: Zu was hat man überhaupt Lust? Was will man eigentlich?“, erzählt Manuel Scholz aus eigener Erfahrung. Als Mentoren versuchen die Studenten immer direkt auf die Wünsche des Hauptschülers einzugehen. Möchte dieser zum Beispiel einmal Polizist werden, organisiert der Mentor einen Besuch auf der Polizeiwache. Marina Bauer betreut seit einem Jahr eine Hauptschülerin aus München. Gemeinsam gehen sie Eis essen, ins Kino oder quatschen einfach miteinander. „Eher auch mal so privatere Dinge machen, darum geht es auch“, verrät die KW-Studentin. Manuel Scholz weiß, wie wichtig gerade das ist: „Von Bewerbungsbögen ausfüllen bishin zum einfach Dasein – da ist ziemlich alles dabei, was die Jugendlichen wirklich brauchen. Die Idee war einfach:

„Wären wir Studenten heute hier, wenn wir damals nicht auch Unterstützung von unseren Eltern und Freunden erhalten hätten? Und genau die brauchen Hauptschüler auch, wenn nicht sogar noch viel mehr.“

„Viele Schüler denken: Das schaffe ich doch eh nicht!“

Der VWL-Student hat im Rahmen von RYL! schon mit vielen sozial benachteiligten Schülern zusammengearbeitet.  Und immer noch ist er oft von den scheinbar kleinen Persönlichkeiten, die er vor sich hat, überrascht: „Bei sehr vielen dachte ich mir, was macht ihr überhaupt hier auf der Hauptschule? Da sitzt einer vor dir, der unglaublich intelligent ist, sich wirklich gut ausdrücken kann und auch genau weiß, was er später einmal werden möchte. Aber über seinen Herzenswunsch sagt er nur: Das schaff ich eh nicht.“ Tatsächlich bräuchten die meisten Jugendlichen aber einfach nur jemanden, der ihnen zeigen würde, welche Schritte sie gehen müssten.

Gemeinsam erreicht man ein Ziel schneller, (c) Rock your life

Gemeinsam erreicht man ein Ziel schneller, (c) Rock your life!

„Ich glaube, das wirklich Tolle an RYL! ist, dass es eben nicht nur ein Berufscoaching ist, sondern dass wir vor allem auf die persönliche Entwicklung des Schülers Wert legen. Dass er stark wird, in seiner Persönlichkeit heranwächst und dann selbst Entscheidungen treffen kann. In vielen Familien ist die Meinung schon fest verankert: Das schaffst du eh nicht. Da gibt es schon oft feste Vorurteile“, erklärt Marina Bauer. Ihre Hände hat sie während der letzten Worte unbewusst zu Fäusten geballt. Man merkt, die Schüler sind ihr wichtig.

Mit Vorurteilen behaftet

Der 23-Jährige kann sich noch gut an seinen allerersten Kontakt zu Hauptschülern erinnern. Mit dem Abitur in der Tasche und frisch an der Uni immatrikuliert, begleitete er andere RYL!-Mentoren an eine Münchner Hauptschule. Ganz geheuer war ihm dabei aber nicht, wie er lächelnd gesteht:

„Ich hatte ein ganz bestimmtes Bild im Kopf, so wie die Medien das immer thematisieren: Die brutalen Hauptschüler eben. Dort angekommen, war ich aber komplett irritiert. Von mangelndem Respekt her war das gar keine Frage. Im Gegenteil: Ich konnte ihnen das Siezen einfach nicht abgewöhnen. Die haben einen unglaublichen Respekt vor Studenten – und überhaupt, dass da jemand kommt.“

Jedes Jahr wird ein "Rock your life!"-Sommerfest organisiert, (c) Rock your life!

Jedes Jahr wird ein „Rock your life!“-Sommerfest organisiert, (c) Rock your life!

Marina Bauer nickt bestätigend. Auch sie lässt eine Geschichte nicht mehr los: „Ein Schüler von uns ist wirklich besonders toll. Der hat wahnsinniges Charisma, ist anderen sehr aufgeschlossen und geht auch auf Schüler ein, die sehr schüchtern sind und nicht wissen, was sie wollen. Er weiß aber genau, was er will. Er ist eine richtige Führungsperson. Aber er ist eine wahnsinnige Niete in Mathe, er kann das einfach so gar nicht. Und er ist überhaupt schlecht in der Schule und wird wahrscheinlich einen schlechten Abschluss machen. Aber trotzdem hat er diese Stärke. Die Schüler denken aber immer gleich: Ich bin schlecht in der Schule, also schaff ich es auch nicht. Und das finde ich so schade. Solche Qualitätspunkte werden gar nicht mehr geschätzt. Da steht Mathe einfach über den persönlichen Qualifikationen.“

Vom 30.September bis zum 23. Oktober kann man sich bei „ROCK YOUR LIFE!“ bewerben, um aktiv mitzumachen. Gesucht sind nicht nur zukünftige Mentoren, sondern auch Helfer aller Art. Von der Pressearbeit, bishin zu der Finanzverwaltung – das RYL!-Team freut sich über motivierte Menschen.

Mehr Infos findet ihr auch hier.

Andrea Hornsteiner

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