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Adieu, Sonderschulpädagogik

Inklusion als neue Erziehungsform?

Anton lächelt schüchtern. Er hat seine Hände im Schoss zusammengefaltet, überschlägt die Beine und zeigt stolz seine neuen Schuhe aus echtem italienischen Leder. Anton ist geistig behindert. Seine 21 Jahre sieht man ihm nicht an. Doch gerade wenn er spricht, merkt man schnell, dass etwas nicht stimmt. Der junge Mann mit dem vollen braunen Haar redet undeutlich, macht abgehackte Sätze und stottert, weil er oft nicht das richtige Wort findet. Man muss genau hinhören, um ihn zu verstehen. Anton hat eine klassische Laufbahn als behinderter Mensch durchlaufen: Von einem integrativen Kindergarten, über eine Schule für geistig behinderte Kinder, bis hin zu seinem aktuellen Wohnort, einer heilpädagogisch orientierten Langzeiteinrichtung für Menschen mit Behinderung.

Kein Kind soll aufgrund von Handicaps ausgeschlossen werden

Wenn es nach der neuen UN-Konvention geht, sollen behinderte Menschen in Zukunft andere Bildungsmöglichkeiten erhalten. Seit dem Schuljahr 2011/2012 ist die Inklusion auch in Deutschland in Kraft getreten – mit dem langfristigen Ziel: Ein gemeinsamer Unterricht von Menschen mit und ohne Behinderung in Regelschulen. Kein Kind soll mehr aufgrund seines Handicaps aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden.

Lehramtsstudentin Iris Meier weiß, dass Theorie und Praxis dabei oft weit auseinanderliegen. „Du kannst nicht einfach sagen: Jetzt machen wir Inklusion und setzen ein paar Kinder mit Behinderungen in eine Klasse. So funktioniert das nicht“, stellt sie klar. Im Laufe ihres Studiums hat Iris Meier schon zahlreiche Praktika in Regel- und Förderschulen durchlaufen und weiß, dass dabei vor allem von den Regelschullehrern Eigeninitiative gefordert ist. Fehlendes Wissen, keine spezifische Ausbildung in der Sonderpädagogik und kaum Kontakt zu behinderten Menschen – viele sind oft mit den neuen Schülern überfordert. Im Idealfall sollen in einer Klasse zwei Lehrer unterrichten: Ein Regelschullehrer und ein Sonderschulpädagoge. Dabei werden diese häufig auch noch fachlich vom Mobilen Sonderpädagogischen Dienst unterstützt. Doch die Realität sieht oft anders aus: Volle Klassen und überforderte Lehrer.

Bewusst gegen die Inklusion

In Förderschulklassen kann auf jeden Schüler aber einzeln eingegangen werden. Sabine Schall-Klarner arbeitet als Lehrerin an der Bayerischen Landesschule für Körperbehinderte. Sie unterrichtet in ihrer Klasse nie mehr als acht Kinder gleichzeitig. Dadurch kann sie sich um jedes Kind individuell kümmern. Und auch ihre Erfahrungen als Sonderschulpädagogin kommen ihr zu Gute: Sie kennt die Behinderungen ihrer Schüler genau und weiß auch in Notfallsituationen mit ihnen umzugehen.

„Hier an der Schule sind Kinder, wo sich die Eltern bewusst gegen die Inklusion und für die spezielle Förderung durch unsere schulische Struktur entschieden haben“, erklärt Konrektorin Angela Ettenreich-Koschinsky. Bestehen Eltern eines behinderten Kindes jedoch auf einen Besuch an einer Regelschule, so darf die Schule das nach der neuen UN-Konvention nicht mehr ablehnen.

Eltern haben künftig die Entscheidungsmacht

Genau das findet Iris Meier problematisch. „Ich weiß nicht, ob es gut ist, dass die Eltern dabei so viel Entscheidungsmacht haben. Dabei wird fast nie das Kind selbst nach seiner Meinung gefragt“, wirft sie mit ernstem Blick ein.

Ob sich Anton rückblickend für den Unterricht in einer Regelschule entschieden hätte? Er zieht bei der Frage seine Schultern leicht hoch, legt den Kopf schief und überlegt. Der schlaksige Mann mit der Harry-Potter-Brille lächelt scheu. Er fühlt sich in seinem Wohnheim wohl und kann sich ein Leben ohne seine behinderten Freunde kaum mehr vorstellen. Sein Blick wandert zu seinen Füßen hinunter. Denn was ihn gerade wirklich interessiert, sind seine neuen Schuhe.

Andrea Hornsteiner

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