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Zwei mal Zwei ist Vier – daran gibt’s nichts zu rütteln!

Der Girls Day, die Initiative 21 oder Zukunftstage für Mädchen: heutzutage ist es keine Seltenheit mehr, dass Mädchen ein technisches Studium beginnen oder einen „Männerberuf“ erlernen. Aber wie war das vor 50 oder 60 Jahren? Und wie war das Studentenleben? Eine ältere Frau erzählt…

„Omu Anna – ich hab Käsekuchen und einen Schoko Muffin mitgebracht!“. Omu nenne ich meine Oma, weil ihre Mutter aus Holland kommt und Omu holländisch für Oma ist. Sie sitzt an ihrem Tisch – ein Kartenspiel liegt vor ihr. „Das ist lieb, vielen Dank! Setz dich doch! Ich spiel das noch kurz zu Ende“. Das Kartenspiel, das sie spielt heißt Patience. Im Internet lese ich später, dass dieses Spiel auch der Meditation dient und vorausschauendes Denken  trainieren kann. So ist meine Oma: Sudoku, Patience und viele, viele Bücher – damit hält sie sich fit und ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie sie meinem Bruder und mir früher Mathe Nachhilfe gegeben hat. Sie hat mir diverse Formeln und Regeln besser erklären können als jeder Lehrer, den ich in der Schule hatte. Das hat auch seinen Grund: Sie war die erste Studentin im Fach Bauwesen von 1949-53 auf der damaligen technischen Hochschule (heute die TU München) gewesen.

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„Ich bin jetzt fertig. Wie geht es dir denn?“. Sie blickt mich mit ihren haselnussbraunen Augen liebevoll an. Sie ist immer optimistisch und lässt uns alle oft wissen, dass sie zufrieden mit ihrem Leben ist. So ist glaub ich nicht jede Oma!

Wie jedes Mal, wenn ich in Nürnberg meine Oma besuchen komme, erzählt sie mir ein wenig aus ihrem Leben. Ich kenne sie ja nur als meine Oma – aber es ist interessant zu hören, wie sie in meinem Alter gelebt hat. Waren die Mädels und Jungs früher so viel anders als wir heute?

Zunächst wollte Omu Anna Architektin werden, da sie ihrem Vater, der Architekt war, oft im Büro geholfen hat. Allerdings wusste sie nicht, ob sie später so viel Erfolg in dem Beruf haben und den Geschmack der Leute treffen würde. „Schließlich hab ich mir gedacht: zwei mal zwei ist vier – daran gibt’s nichts zu rütteln und deswegen habe ich mich dafür entschieden Bauwesen zu studieren!“.

Heute gibt es an den 13 Fakultäten der TU München rund 35.979 Studierende. Ein Drittel von ihnen sind Frauen. 1949 sah das noch anders aus: ein technisches Studium? Das ist doch nichts für Frauen! Das war die Meinung vieler in den 40er Jahren. Man tuschelte außerdem, Anna habe einem Mann den Studienplatz weggenommen, der gerade aus dem Krieg zurückgekommen war. Trotz dieser Einstellungen, unterstützten Anna ihre Eltern und sie wurde im Studium weder bevormundet noch benachteiligt. Aber: „Ich wurde auf Händen getragen!“ und als einziges Mädchen im Studium hatte sie auch so einige Verehrer!

Eine Geschichte erzählt sie besonders gerne: „Es war im vierten Semester. Die Vermessungskunde mit meinen Schwaben!“. In diesem Kurs sollten Gruppen à zehn Mann (oder neun Mann und einer Frau) gebildet werden. Anna schrieb sich extra bei einer Gruppe ein, bei der sie die Letzte war. „Um dem ganzen Schwarm von Anhimmlern zu entgehen.“. Beim praktischen Teil des Kurses: dem Vermessen, konnten eigentlich nur fünf der Studenten wirklich helfen, die anderen erzählten sich im Straßengraben Witze. Von Zeit zu Zeit riefen sie dann zu Anna: „Anna, komm mal her – jetzt haben wir einen für dich!“. Denn die ganzen anrüchigen Witze wollten sie ihr nicht erzählen – sie haben sich vor ihr anständig benommen.

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Als der Kurs Vermessungskunde schließlich abgeschlossen und bestanden war, wurde gefeiert – im Hofbräuhaus. „Natürlich haben wir früher auch viel gefeiert, ich war nie richtig betrunken, aber die Jungs mit denen ich unterwegs war, die haben schon ordentlich auf den Putz gehauen!“. Danach ging es weiter ins Cabaret, wo Frauen sich gewisser Kleidungsstücke entledigten und eine Art Burlesque-Show vorführten. Mittendrin: Anna, als einziges Mädchen. Die Party-Tour war allerdings noch nicht vorbei. Man zog  weiter ins Donisl, DIE bekannte Gaststätte am Marienplatz, die als erste in der Früh aufmacht. Seit 2013 gibt es diese leider nicht mehr „auf Grund umfangreicher Umbaumaßnahmen“, wie es auf der Homepage heißt. Auf jeden Fall war das Donisl das, was heutzutage vielleicht die „Gute Nacht Wurst“ – die Currywurstbude in der Klenzestraße ist, zu der alle noch gehen, wenn sie davor feiern waren. Nudelsuppe mit Rindfleischeinlage, ein kalter Braten mit Essiggurke und Bauernbrot, Rettich oder vielleicht doch noch ein Bier. Die Bauwesen-Studenten waren zumindest schon ziemlich betrunken. Denn als Anna sich kurz frisch machen wollte, meinte die Toiletten-Frau zu ihr: „Schämen Sie sich nicht, sich mit so einer besoffenen Gesellschaft abzugeben.“. Ob sie sich geschämt hat? Eigentlich nicht.

Von Erzählungen erfuhr Anna dann am nächsten Tag noch, dass einer ihrer Freunde betrunken in einem Abstellwagen übernachten wollte. Als die Polizei kam, sei dieser ziemlich böse geworden, sodass Verstärkung geholt werden musste und er von der Polizei grün und blau geschlagen wurde.

Sein Glück: wenn er eine Anzeige wegen Körperverletzung bekommen hätte, hätte er nicht weiter studieren dürfen. Da er aber anschließend von den Polizisten zusammengeschlagen wurde, kam es zu gar keiner Anzeige. Die blauen Flecken hatte er noch als das neue Semester wieder angefangen hatte.

IMG_6758Ein Jahr vor dem Examen gab es noch eine gemeinsame Studienfahrt nach Venedig. In Bologna hatten die Studenten einen kleinen Zwischenstopp und trafen italienische Studenten-Kollegen. Man aß zusammen zu Mittag, hatte Zelte aufgeschlagen und Exkursionen gemacht. „Und einmal standen alle italienischen Studenten um mich herum und haben mir ein Ständchen gesungen!“. Die italienischen Kollegen hatten ja auch keine weiblichen Mitstudentinnen – da fiel Anna wieder auf. „Einer von ihnen schickte mir dann noch Briefe nach Hause. Keine Ahnung wie der an meine Adresse gekommen ist. Aber ich hab nie geantwortet“.

In Venedig dann ohne italienische Studenten wurde natürlich wieder  gefeiert. An einem Abend ist Anna mit einem Schiffchen alleine nach Hause, sie war müde. „Und dann durfte ich mir von meinem jungen Professor am nächsten Tag anhören, was mir alles hätte passieren können! Er hat mir richtig Vorwürfe gemacht. Aber er hat es ja nur gut gemeint“. Als einziges Mädchen unter den Jungs wollte man Anna eben auch beschützen.

Und das einzige Mädchen blieb sie auch bis 1953, als sie schließlich mit ihrem Studium fertig war. Bei der Zeugnisvergabe war sie schwanger – da erwartete sie auch schon meine Tante, später kam meine andere Tante und dann schließlich mein Vater zur Welt. „Das Studium war definitiv eine richtige Entscheidung. Darauf bin ich stolz, sowie ich auch stolz auf all meine Enkelkinder bin!“. Da ist sie wieder: meine optimistische, glückliche Omu Anna!

Daniela Rothgang

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