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Politologin vs. BWLerin

Mein lieber BWL-Student,

ich hoffe, du hast heute Morgen einen Sitzplatz in der Vorlesung Unternehmungsführung bekommen. Sitzplätze sind ja bei euch BWLern immer sehr knapp. Könnte daran liegen, dass es einfach zu viele von euch gibt.

Falls du keinen Platz bekommen hast, warst du heute bestimmt schon bei Ralph-Lauren und hast dir eine neue Weste im schönen navyblau oder dunkelgrün gekauft? Dazu vielleicht ein hübsches Polohemd – oh, tut mir leid, ich vergaß. Polohemden tragen bloß Juristen, eurer Lieblingskleidungsstück ist das normale Hemd.

Falls du bereits eine heiratswillige BWLer-Freundin gefunden hast, hoffe ich, dass du ihr wenigstens dann auch ein neues Perlenkettchen und eventuell – falls du sehr spendabel bist – auch eine neue Louis Vuitton Tasche gekauft hast! Keine Sorge wegen dem Geld, im späteren Berufsleben wirst du nur so darin schwimmen – das ist zu mindestens der Plan.

Ich hoffe, du hast die Wahlniederlage deiner allzu geliebten Partei, der FDP, gut überstanden. Da denkt man als BWLer: „Ach, so eine etablierte Partei ist doch too big to fail“, aber ups – dann ist es doch passiert. Lass dir von uns Politologen sagen, die anderen Parteien sind auch ganz nett – wie wäre es denn vielleicht mit der CSU und der Jungen Union? Die würden wenigstens kleidungstechnisch zu dir passen.

Zudem wollte ich dir mitteilen, dass es leider nichts bringt, ab und zu ganz unauffällig mit der FAZ oder Financial Times unter dem Arm herumzulaufen. Erstens sind die Chancen sehr schlecht, dass dir irgendein Headhunter begegnet, und zweitens wirkst du dadurch auch nicht intellektueller. Falls es nicht die große Unternehmensberatungs- oder Managerkarriere werden sollte, dann kannst du ja immer noch auf Mami und Papi zurückgreifen, die sind es ja schließlich gewöhnt. Wenn das auch nicht klappen sollte, bewirb dich bei Facebook oder Google. Ich hab gehört das Wetter in Palo Alto soll einfach großartig sein und das Essen ist umsonst! Unter deiner Beratung muss der Zuckerberg dann vielleicht auch nicht wieder 19 Milliarden hinblättern für so eine App.

In diesem Sinne noch viel Erfolg im Studium!

Deine Politologin

…und die Antwort:

Liebe Politologin,

stellvertretend für meine männlichen Kommilitonen bekommst du eine Antwort von einer weiblichen BWL-Studentin. Das sollte aber kein Problem darstellen.

Ich finde es sehr sozial, dass du dir Gedanken darüber machst, ob wir alle einen Sitzplatz in der Vorlesung bekommen. Das passt irgendwie, da du ja offenbar sehr viel Zeit damit verbringst, dich ins Leben anderer Menschen einzumischen.

Dass wir BWLer oft elegant gekleidet sind, liegt wohl daran, dass wir gelernt haben, uns gut zu verkaufen. Das ist nämlich äußerst wichtig, da es, wie du sehr treffend festgestellt hast, sehr viele von uns gibt. Deshalb legen wir großen Wert darauf, Kontakte zu knüpfen. Vitamin B nennt man das, aber das wirst du im späteren Berufsleben bestimmt auch noch kennenlernen. Dazu ist es wichtig, ein entsprechendes Erscheinungsbild zu wahren. Möglicherweise kommen wir auch gerade aus einem Meeting oder von einem Geschäftsessen, da wir bereits während des Studiums als Werkstudenten tätig sind oder unser eigenes Startup gegründet haben.

Von Louis Vuitton halte ich persönlich nichts. Von Nachhaltigkeit hat diese Firma nämlich noch nicht viel gehört. C&A allerdings auch nicht. Oder bist du eher so der Second Hand-Typ? Stricken soll ja übrigens wieder total im Kommen sein. Damit kann man wenigstens die Vorlesungen verbringen, wenn man schon kein Smartphone hat, auf dem man herumtippen kann.

Die Financial Times wird in vielen Vorlesungen als Begleitliteratur vorausgesetzt und es sind durchaus sehr interessante Artikel darin zu finden. Warum also verstecken?

Wenn man im Studium schön fleißig Kontakte geknüpft und bereits als Werkstudent gearbeitet hat, braucht man eigentlich nicht auf einen Headhunter zu warten, der sicher nicht in der Uni abhängt und nach Studenten Ausschau hält, die eine Zeitung mit sich herumtragen.

Eine Karriere in der Unternehmensberatung finde ich nun gar nicht erstrebenswert. Statt die große Kohle zu machen und mit 50 an einem Herzinfarkt zu sterben, arbeite ich lieber in einem mittelständischen Unternehmen, in dem ich meine Ideen verwirklichen kann und trotzdem genug Geld verdiene, um ein anständiges Leben zu führen.

Du hingegen wählst ein Studium, welches deinen Ideologien entspricht und verbringst deine Zukunft damit, BWL-Absolventen im Taxi in der Gegend herumzufahren und auf die Gesellschaft zu schimpfen. Oder du verkaufst deine Seele, kommst zu uns auf die dunkle Seite und kassierst Spendengelder von deinen ach so verhassten Großunternehmen. Eine Studie hat übrigens ergeben, dass sehr viele Sozialwissenschaftler irgendwann in der Wirtschaft landen.

Wir sehen uns dann bei Ralph Lauren!

Deine Wirtschaftswissenschaftlerin

BWLerin vs. Politologin

BWLerin vs. Politologin

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