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Im Abseits der Gesellschaft

Wenn das Leben in einer Übergangsbaracke zum Dauerzustand wird

Fußball ist Mustafas Leben – und alles, was er hat. Mustafa ist talentiert, ehrgeizig und fast jeden Tag auf dem Fußballplatz. Gerne würde er fest in einem Verein spielen, doch er hat keinen Spielerpass. Die Klubs wollen dem Asylbewerber ohne unbefristete Aufenthaltserlaubnis keinen eigenen ausstellen. Stattdessen wird er von verschiedenen Vereinen für einzelne Spiele angeworben und mit falschen Pässen ausgestattet.

Vor fast zwei Jahren kam der heute 18-jährige Afghane als Flüchtling nach Deutschland und wartet seitdem auf eine Entscheidung über sein Bleiberecht. Die Chancen stehen schlecht: Nach neuesten Zahlen aus dem bayerischen Staatsministerium wurden im vergangenen Jahr 68% aller Asylanträge abgelehnt. Gerade alleinstehende Afghanen können laut Innenministerium „vorrangig zurückgeführt werden“. Mustafa muss also warten und hoffen. Dass er in seinen noch jungen Jahren schon viel erlebt hat, sieht man ihm zweifellos an. Tiefe Falten prägen sein rundliches Gesicht, dichte schwarze Haare bedecken seine Stirn. Der schlanke junge Mann mit leicht asiatischer Augenpartie wirkt weit älter als 18 Jahre. Vielleicht ist er es auch. Denn viele Ankömmlinge geben bei der Erstaufnahme ein falsches Alter an, um länger die Sonderrechte eines Flüchtlingskindes zu besitzen.

Bereits als 13-Jähriger verließ er seine Eltern, die damals gemeinsam den Entschluss fassten, ihren Sohn nach Europa zu schicken. Schutz vor den rekrutierenden Taliban und eine bessere Bildung waren ihre Argumente. Eine befreundete Familie schmuggelte Mustafa schließlich nach Griechenland, Europas großer Empfangshalle für Flüchtlinge aus aller Welt. In Athen schlug sich Mustafa jahrelang planlos durch, ohne dabei eine Schule zu besuchen. Etwas stolz berichtet er heute, wie er eines Tages den nächsten Schritt wagte und sich unbemerkt als blinder Passagier auf ein Transportschiff schlich. Er versteckte sich in einem Lastwagen im Laderaum. Nach tagelanger Fahrt erreichte der LKW schließlich sein Ziel. Mustafa sprang ab, ohne zu wissen, wo er sich befindet. Als er sich an den Moment der glücklichen Aufklärung erinnert, lacht Mustafa. Er hatte gehört, dass Deutschland ein sehr sicheres und gutes Land sei.

Heute denkt er anders darüber. Das hat auch mit seiner aktuellen Wohnsituation zu tun. Drei längliche Baracken stehen auf einem großen Acker in Englschalking am Münchner Stadtrand. Im sogenannten Übergangswohnheim leben etwa 60 Personen, viele schon seit mehreren Jahren. Im Inneren knarzt der Fußboden. Musik und Stimmen dringen scheinbar ungedämpft aus den einzelnen Zimmern. „Vier Zentimeter“, glaubt Mustafa zu wissen, seien die Wände nur dick. Die spärlich eingerichtete Gemeinschaftsküche erinnert mit seinen Doppelherdplatten an einen Campingplatz, die Zimmer im langen Gang sind nummeriert. In einem dieser Gänge wohnt Mustafa zusammen mit 19 weiteren Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 21 Jahren. Sie alle flüchteten ohne Familie, sind auf sich alleine gestellt und teilen sich nun jeweils zu zweit ein Zimmer mit zwölf Quadratmetern. Die einzige Nachbarschaft dieser kleinen Wohnsiedlung wirkt geradezu paradox: Eine private Waldorfschule thront mit moderner Architektur direkt gegenüber. „Im Gefängnis wäre es besser als hier“, schimpft der sonst eher ruhige Schüler plötzlich. Zornig redet er sich in Rage und seine Aussprache wird undeutlicher. Er beschwert sich über die Lebensmittelpakete, die jedem Bewohner „wie einem Tier“ ausgehändigt werden.

Wirklich schlimm wird es allerdings für ihn, wenn es dunkel wird. Die Sozialpädagogin der Caritas geht in den verdienten Feierabend und es wird laut, zu laut um schlafen zu können. Einige seiner Mitbewohner veranstalten regelmäßig große Partys mit vielen Fremden, jede Menge Alkohol und anderen Drogen. „Sie gehen nicht zur Schule, arbeiten schwarz oder dealen mit Marihuana“, beschreibt Mustafa sie. Sogar in Afghanistan, oftmals als Heimat des Cannabis bezeichnet, habe er „noch nie so viel Marihuana gesehen wie hier“. Auch das Vorgehen der von ihm mehrmals gerufenen Polizei überzeugt Mustafa nicht: „Ausweise kopieren und die Drogen mitnehmen – das ist alles was die tun.“ Die Sozialarbeiter wissen von diesen Problemen und forderten bereits eine ständige Nachtwache an – doch das Geld dafür fehlte.

Mustafa will weiterhin drogenfrei bleiben. Im vergangenen Jahr machte er seinen Hauptschulabschluss mit der beachtlichen Abschlussnote von 1,5. Nun bereitet er sich auf den Quali vor und nach der Schule geht es wieder auf den Fußballplatz. Denn nur wenn Mustafa Fußball spielt, vergisst er seine Sorgen und „alles ist gut“.

Daniel Siebenweiber

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